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Panorama Polizeigewalt in den USA: Die Wut der Straße
Nachrichten Panorama Polizeigewalt in den USA: Die Wut der Straße
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00:16 10.07.2016
Wut gegen Willkür: Protestierende blockieren nach dem Tod von Alton Sterling die Straßen von Baton Rouge. Quelle: Mark Wallheiser/afp
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Washington

Nur 48 Stunden liegen zwischen den beiden erschütternden Vorfällen. Zweimal greifen weiße Polizisten bei Routinekontrollen zur Waffe und drücken ab. Zweimal handelt es sich bei den Getöteten um Afroamerikaner. Und in beiden Fällen filmen Unbeteiligte die Tragödien mit ihren Smartphones.

Sterling hinterlässt fünf Kinder

Die Videos über die Unglücke, die im Internet kursieren, sind schwer erträglich und lösen einen Sturm der Entrüstung aus: In Baton Rouge, der Hauptstadt des Bundesstaates Louisiana, gehen Hunderte Demonstranten auf die Straße, legen den Verkehr in der Innenstadt lahm und protestieren lautstark gegen die Sicherheitskräfte. Wieder einmal steht die Polizei im Verdacht, zu schnell zu schießen, wenn es sich bei Verdächtigen um Afroamerikaner handelt.

Am Dienstag hatte es den 37-jährigen Alton Sterling getroffen: Der fünffache Familienvater stand vor einem Geschäft und verkaufte CDs, als zwei Uniformierte auf ihn zurannten und ihn mit einem Elektroschocker angriffen. Sterling blieb zunächst stehen. Erst nach einer Rangelei ging der stämmige Mann zu Boden und wurde von den Polizisten an Armen und Beinen festgehalten. Als jemand rief, dass Sterling bewaffnet sei, zogen sie ihre Dienstpistolen und schossen dem Mann in die Brust. Kurz darauf zieht einer der Beamten dem Getöteten einen Revolver aus der Hosentasche.

Wie die Polizei später mitteilte, sei sie per Notruf zu Hilfe gerufen worden, weil der Verdächtige Passanten mit seiner Waffe bedroht haben soll. Der Ladenbesitzer, vor dessen Geschäft sich die Tragödie abspielte, spricht dagegen von einem  äußert aggressiven Vorgehen der Polizisten.  

Die Videos zeigen nur einen kurzen Ausschnitt des tödlichen Konflikts und können die Gesamtsituation nicht genau klären. Aber wieder einmal stellt sich die Frage, wie die Polizei wohl gehandelt hätte, wenn es sich bei dem Verdächtigen um einen Weißen gehandelt hätte. Auch John Bel Edwards, Gouverneur von Louisiana, bezeichnet das Video als "verstörend". Die Untersuchungen soll seinen Angaben zufolge nun das Justizministerium in Washington übernehmen.

Kleine Tochter von Castile sieht wie ihr Vater stirbt

Erschreckend ist auch das Video aus Minnesota, das nur einen Tag später aufgezeichnet wurde: Philando Castile geriet in eine Verkehrskontrolle, weil das Rücklicht seines Autos defekt war. Der 32-Jährige trug eine Pistole bei sich, für die er auch eine entsprechende Lizenz besaß. Nach Angaben seiner Freundin, die auf dem Beifahrersitz saß, habe der Polizeibeamte sofort geschossen, nachdem Castile von seiner Waffe gesprochen hätte und in seine Tasche griff, um seine Papiere zu zeigen. Die Freundin zeichnete das Unglück mit ihrem Smartphone auf, während Castiles vierjährige Tochter auf dem Rücksitz saß und schrie.

Die Aufnahmen erschüttern viele Amerikaner. Noch als der Verletzte stöhnt und nach Luft ringt, richtet der Beamte weiterhin seine Waffe auf ihn und brüllt: "Ich habe ihn gewarnt. Ich habe ihm gesagt, er soll seine Waffe nicht herausnehmen. Ich habe ihm gesagt, er soll die Hände hochnehmen." Kurz darauf ist das kleine Mädchen auf dem Rücksitz zu hören, wie es seine Mutter trösten will: "Mummy, alles ist gut. Alles ist gut. Ich bin bei dir."

Beide Vorfälle erinnern an das Drama vor zwei Jahren, als der gewaltsame Tod des 18-jährigen Michael Brown in Ferguson im Bundesstaat Missouri schwere Unruhen auslöste. Die Anti-Rassismus-Bewegung "Black Lives Matter" erinnert auch an den Fall Freddie Gray, der im vergangenen Sommer in Baltimore in Polizeigewahrsam starb, ihr Twitter-Hashtag "#Alton Sterling" wurde nun zum meistverbreiteten in Amerika.
Für Aufsehen sorgt auch eine Statistik der "Washington Post": Demnach wurden in den Vereinigten Staaten allein in diesem Jahr 506 Fälle registriert, in denen Polizisten Verdächtige kurzerhand erschossen.

Clinton meldet sich zu Wort

Die Protestbewegung "Black Lives Matter" erhält prominente Unterstützung: Nach den tragischen Vorfällen in Minnesota und Louisiana meldet sich auch US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton zu Wort: Es laufe etwas grundsätzlich schief, wenn Amerikaner Grund zur Annahme hätten, wegen ihrer Hautfarbe in ihrem Land nicht so wertgeschätzt zu sein wie andere, sagte sie in einer Erklärung auf ihrer Website.
Zwischenfälle wie in Baton Rouge würden das Vertrauen zwischen der Polizei und den Kommunen untergraben. Jetzt gelte es, das Vertrauen wiederherzustellen: "Wir brauchen dringend Reformen des gesunden Menschenverstands." Es sei nicht länger akzeptabel, dass ethnische Merkmale bei der Polizeiarbeit eine Rolle spielten. Außerdem sei es dringend geboten, die Beamten besser auszubilden – insbesondere in Maßnahmen der Deeskalation. "Wir müssen es schaffen, dass die Beamten ihre unbewussten Vorurteile abbauen", so die Präsidentschaftsbewerberin.

Von Stefan Koch

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