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Prominente Gesichter gegen das Vergessen

Alzheimer Prominente Gesichter gegen das Vergessen

Hochbegabt, weltberühmt – Alzheimer macht keine Unterschiede. Der offene Umgang mit der Demenz holt die Krankheit aus der Tabuzone. Auch Prominente sind betroffen.

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Roberto Blanco macht gemeinsam mit "Sodom" in einem Werbesport auf Alzheimer aufmerksam.

Quelle: dpa

Berlin. „Er ist in einer Welt, zu der ich wenig oder gar keinen Zugang habe.“ 2008 sprach Inge Jens erstmals öffentlich über die schwere Erkrankung ihres Mannes. Für viele war es ein Schock. Wie kann es sein, dass ein glänzender Rhetoriker, ein Intellektueller wie Walter Jens an Alzheimer erkrankt? Dass er den kritischen, durchdringenden Geist verliert, der ihn unverwechselbar gemacht hat? Ende vergangenen Jahres erzählte Inge Jens der „Bild“, dass ihr mittlerweile 86 Jahre alter Ehemann sehr am Leben hänge. „Neulich hat er gesagt: ,Nicht totmachen, bitte nicht totmachen.’“

Darf man das? Darf man das Leid öffentlich machen? Tilman Jens, der in einem Buch den geistigen Verfall seines Vaters beschreibt, verteidigte sich einmal in einem Interview gegen den Vorwurf, er benutze die Krankheit seines prominenten Vaters, um sich zu profilieren: „Hätte ich warten sollen, bis mein Vater gestorben ist?“ Das Buch habe er geschrieben, um andere zu ermutigen, sich nicht zu verstecken.

Auch Rudi Assauer, ehemals gefeierter Schalke-Manager, hat jetzt ein Buch geschrieben. Über sich, über die unheilbare Krankheit Alzheimer, über die Ängste, die der Diagnose folgten. Nicht nur sein behandelnder Arzt von der Essener Memory-Klinik, einer Spezialeinrichtung zur Überprüfung von Gedächtnisleistungen, begrüßt das Outing. Lob kommt auch von der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft, einem Zusammenschluss von Selbsthilfegruppen. Es sei wichtig, die Krankheit aus der Tabuzone zu holen, meint ihr Sprecher, Hans-Jürgen Freter. Prominenz könne hilfreich sein. Es gibt Beispiele dafür: Nachdem der frühere US-Präsident Ronald Reagan 1994 bekannt hatte, dass er an Alzheimer litt, wurde der Forschungsetat in den USA deutlich aufgestockt.

Die erste Alzheimer-Patientin, die nach ihrem Tod weltberühmt werden sollte, war Auguste D. Im November 1906 beschrieb der Münchener Oberarzt Alois Alzheimer in einem Vortrag bei einer Verbandsversammlung der Südwestdeutschen Irrenärzte das „eigenartige Krankheitsbild“ von Auguste D., die wenige Monate zuvor gestorben war. Er referierte über Symptome wie Gedächtnisschwäche, Desorientierung und Halluzinationen. Die eigentliche Sensation war das Ergebnis der Obduktion ihres Gehirns. Alzheimer hatte ungewöhnliche Plaques-Ablagerungen in der Hirnrinde und abgestorbene Nervenzellen entdeckt. Jahre später wurde die Krankheit nach ihrem Entdecker benannt.

Ein Jahrhundert ist seitdem vergangen. Etwa eine Million Menschen leiden heute in Deutschland an einer Demenz; Alzheimer ist ihre häufigste Form. Prognosen gehen davon aus, dass sich die Zahl bis 2030 verdoppelt. Ein Mittel gegen das „Entschwinden“, das den Erkrankten im Laufe der Jahre auf das geistige Niveau eines Kindes sinken lässt, gibt es bis heute nicht. Weder ein Medikament noch eine erfolgversprechende Therapie.

An Millionen genetisch veränderten Mäusen, sogenannten Alzheimer-Mäusen, wird seit Jahren weltweit in den Forschungslabors nach einem Wundermittel gefahndet, dass die krankhaften Veränderungen im Gehirn stoppen kann. Immer mal wieder verkünden Wissenschaftler den Durchbruch; so entdeckten US-Forscher vor zwei Jahren ein Protein, das die Lernfähigkeit und das Erinnerungsvermögen bei erkrankten Mäusen wiederherstellte. In Rostock erprobten Hirnforscher einen Wirkstoff, der – zumindest im Tierversuch – Eiweißablagerungen im Gehirn reduziert. Doch jede Erfolgsmeldung erwies sich bislang als verfrüht.

Die Politik hat reagiert. Neue Einrichtungen wurden gegründet, um die Forschung voranzutreiben. 2001 ging das Kompetenznetzwerk Demenzen an den Start. 2008 investierte das Bundesgesundheitsministerium in das „Leuchtturmprojekt Demenz“ 13 Millionen Euro. Aus 126 Förderanträgen wurden bundesweit 29 Projekte ausgewählt. Im Zentrum standen innovative regionale Versorgungskonzepte, aber auch der schwierige Umgang mit Demenzkranken in der Pflege. Da mit „erfolgreichen pharmakologischen Interventionen“ in absehbarer Zeit nicht zu rechnen sei, habe die Überprüfung von Therapie und Pflege einen hohen Stellenwert, resümierte das Ministerium zum Abschluss des Förderprojekts 2010.

2009 wurde das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) unter dem Dach der Helmholtz-Gemeinschaft aus der Taufe gehoben. Bis 2015 finanziert der Bund das Zentrum in Bonn und die Filialen an den Universitäten in Göttingen, Magdeburg, Rostock, Dresden, Tübingen Witten und München mit 288 Millionen Euro. Wichtig sei es, vor allem die Versorgung und Pflege der Betroffenen zu verbessern, heißt es beim DZNE.

So sieht es auch der Gesundheitsausschuss des Bundestags, der sich im vergangenen Jahr in den Niederlanden kundig machte. In Weesp bei Amsterdam gibt es ein kleines Dorf, in dem nur Demenzkranke wohnen. 152 Bewohner werden in 23 Wohngemeinschaften von 240 Mitarbeitern rund um die Uhr betreut. Die Siedlung „De Hogeweyk“ gilt als eins der innovativsten Pflegeprojekte, das bereits Besichtigungstouren für Experten anbietet. Ein Vorbild?

Die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft geht einen anderen Weg. Sie wirbt für ein Miteinander, in dem Unbeschwertheit erlaubt ist. In einem Video-Clip verirrt sich ein orientierungsloser Roberto Blanco auf die Bühne einer Rockveranstaltung und setzt an: „Ein bisschen Spaß muss sein ...“ Nach Sekunden der Irritation rocken sie gemeinsam – die Jungen und der Kranke. Der Spot wurde bei einem Live-Konzert der Band „Sodom“ gedreht. Das Publikum war vorher nicht informiert.

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