Axel Wendler ist Richter am Oberlandesgericht Stuttgart.
Axel Wendler, Richter am Oberlandesgericht Stuttgart, hält den Prozess um TV-Moderator Jörg Kachelmann „für möglicherweise gar nicht so schwer lösbar“. Der auf Wahrheitsfindung in Strafverfahren spezialisierte Jurist sagte: „Es handelt sich um den Vorwurf der Vergewaltigung. Aussage steht gegen Aussage. Deshalb wird es in erster Linie nur um die Frage gehen, welche Aussage wahr ist.“
Für den 58-jährigen Juristen, der an der Universität Tübingen Aussagepsychologie lehrt, ist es wichtig, dass Richter trotz subjektiver Wertungen versuchen, eine neutrale Position einzunehmen. „Ein seriöser Geschäftsmann suggeriert vielleicht durch sein Auftreten Vertrauenswürdigkeit, sagt aber dennoch nicht unbedingt die Wahrheit.“
Gut sei es, Zeugen zuerst einmal lange ungestört reden zu lassen, damit sie unbeeinflusst durch Fragen ihre Version des Geschehens mitteilen können. „Dabei ist es für mich immer interessant, wenn ungewöhnliche oder vermeintlich unbedeutende Details und Nebensächlichkeiten geschildert werden, da dies ein Indiz dafür ist, dass die Person ihre Geschichte nicht erfunden hat. Die Realität ist immer voller kleiner Besonderheiten, die aber nur schwer zu erfinden sind. Das gilt unabhängig von Intelligenz und Bildung der Menschen.“
Die Schilderung von Gefühlen, Gedanken und für den Prozess belanglosen Dingen gilt in der Aussagepsychologie als ein wichtiges Kriterium, dass die Wahrscheinlichkeit für Wahrheit groß sei. „Auch kann ein Lügner in der Regel nur chronologisch erzählen, damit er nicht seinen roten Faden verliert“, sagt der Richter mit 30-jähriger Berufserfahrung. Zu Zeugenbefragungen in Strafrechtsprozessen hat er gerade ein Buch geschrieben.
Mit seiner Arbeit hat Wendler im Jahr 2008 eine Angeklagte vor einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe bewahrt. In dem Prozess vor dem Landgericht Oldenburg wies er nach, dass eine 48-Jährige zu Unrecht von ihrer 36-jährigen Nichte beschuldigt wurde, im Jahr 1981 ihren kleinen Sohn erdrosselt zu haben. Die Anschuldigungen waren anfangs als glaubhaft eingestuft worden. Die Nichte schilderte jedoch Wendlers Analyse nach lediglich sogenannte Scheinerinnerungen.
dpa
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