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Und alle schauten weg

Missbrauchsskandal von Rotherham Und alle schauten weg

Am Montag beginnt im englischen Sheffield der Prozess im Missbrauchsskandal von Rotherham. 1400 Mädchen wurden jahrelang missbraucht, versklavt und vergewaltigt. Sarah Wilson war eines der Opfer.

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Im englischen Rotherham wurden Kinder und Jugendliche systematisch sexuell ausgebeutet. Am Montag beginnt der Prozess gegen acht Verdächtige.

Quelle: EPA/WILL OLIVER

Rotherham/Sheffield. Wenn sie damals nicht in den Wagen gestiegen wäre, wie wäre ihr Leben verlaufen? Würde sie heute als Ärztin arbeiten? Sarah Wilson weiß es nicht. Damals aber, kurz nach ihrem zwölften Geburtstag, steigt sie unbedarft ins Auto eines 35-jährigen Mannes. Wenig später wird er sie zum ersten Mal vergewaltigen. Damit beginnt für das junge Mädchen eine Schreckenszeit, die fünf Jahre andauern sollte und von den Tätern gut vorbereitet wurde.

Mit Geschenken überhäuft

"Seit ich elf Jahre alt war, haben mich ältere Männer – sie waren in ihren Zwanzigern und Dreißigern – mit Geschenken überhäuft", erinnert sich die 23-jährige Britin aus dem nordenglischen Rotherham. Sie gaben vor, ihre Freunde zu sein, sagten ihr, wie hübsch sie aussehe, kauften dem Mädchen aus dem einfachen Elternhaus Klamotten, ein neues Handy, Zigaretten und Alkohol.

Weil Sarah von den anderen Kindern in der Schule schikaniert wurde, sich einsam und von den Lehrern im Stich gelassen fühlte, verbrachte sie mehr Zeit mit ihnen – obwohl sie eingeschüchtert war. Als die Täter ihr wahres Gesicht zeigten, empfand das Mädchen deren Verhalten schon fast als normal, erzählte sie Medien.

Sarah Wilson verleiht als eines der Opfer dem wohl schlimmsten Missbrauchsskandal in der britischen Geschichte eine Stimme. Die meisten Beteiligten schweigen noch immer ob der schieren Ungeheuerlichkeit dieses Falls.

Mit Benzin übergossen

Zwischen 1997 und 2013 wurden mindestens 1400 Mädchen von organisierten Banden mit meist pakistanischem Einwanderungshintergrund in Rotherham in South Yorkshire sexuell missbraucht, vergewaltigt, geschlagen, eingeschüchtert und versklavt. Die Täter übergossen die Kinder mit Benzin und drohten ihnen, sie bei lebendigem Leib anzuzünden, sollten sie sich anderen anvertrauen. Manchmal wurden sie entführt, in entfernte Städte gebracht und als Prostituierte eingesetzt.

Und die Stadt, die Polizei, die Kinderschutzbehörden, die örtliche Labour-Regierung, die Schulen – sie alle schauten weg. Die wenigen, die Alarm schlugen, ernteten Unverständnis, Rüffel oder gar Sanktionen. Erst im August vergangenen Jahres enthüllte der unabhängige Untersuchungsbericht der Professorin Alexis Jay das ganze Ausmaß des Skandals und beklagte ein "kollektives und eklatantes Versagen" der Behörden. So seien etwa interne Berichte über die Situation unterdrückt oder ignoriert worden.

Journalist brachte Stein ins Rollen

Zwar hat ein Gericht bereits 2010 eine fünfköpfige Bande mit Wurzeln in Pakistan zu langen Haftstrafen wegen Kindesmissbrauchs verurteilt. Aber erst Recherchen eines Journalisten brachten den Stein ins Rollen. Von heute an stehen nun acht Angeklagte aus der Grafschaft Yorkshire vor einem Gericht in Sheffield. Ihnen werden Sexualverbrechen an unter 16-jährigen Kindern und Jugendlichen vorgeworfen, die sie zwischen 1998 und 2002 begangen haben sollen.

Zudem haben die Ermittler Hunderte weitere Verdächtige ausgemacht. Die Untersuchungen könnten bis 2018 laufen. Wird dieser Prozess jene Fragen beantworten, die viel zu spät gestellt wurden? Noch immer fehlt bei vielen in Rotherham, einer trostlosen ehemaligen Zechenstadt, der Wille zur kompletten Aufarbeitung.

Mit 13 Jahren war Sarah Wilson bereits kokainabhängig und nahm Amphetamine. Vergewaltigungen gehörten zum Alltag. Dass die Täter nicht schon früher zur Verantwortung gezogen wurden, lag keineswegs nur daran, dass die Kinder psychisch zu Sklaven gemacht wurden. Selbst wenn sich die Opfer, die vorwiegend aus sozial schwachen Milieus kamen, jemandem anvertrauten, stießen sie bei den Behörden auf Unglauben.

Sozialarbeiter fragten nicht nach

Warum wurden die Beschwerden der Problemkinder ignoriert? Schlimmer noch: Wieso wurden in etlichen Fällen statt der Täter die Opfer belangt? Kritiker betonen, die tief verwurzelte Tradition des Klassensystems in Großbritannien spiele eine Rolle.

Die meisten Opfer stammen aus der untersten Gesellschaftsschicht des Königreichs. Der Report geht davon aus, dass auch die Angst vor Spannungen mit Einwanderern muslimischen Glaubens ihren Beitrag leistete. Die Sorge, als rassistisch, islamfeindlich oder zumindest befangen gegenüber Asiaten zu gelten, wenn sie gegen die großteils pakistanischstämmigen Familienväter vorgegangen wären, führte dazu, dass die Sozialarbeiter nicht nachfragten.

Politische Korrektheit als Entschuldigung fürs Wegschauen? Selbst jetzt tut sich das Land schwer damit, die richtigen Lehren zu ziehen. Dass es sich bei den Opfern vor allem um weiße, minderjährige Britinnen handelte, wirft nun wenigstens die Frage auf, ob die Bemühungen um eine Integration vieler Einwanderer und deren Kinder in das westliche Wertesystem misslungen sind.

Erst als Sarah Wilson 17 wurde, entkam sie der Hölle mithilfe ihrer Mutter und eines Freundes. Da hatten die Pädophilen das Interesse an ihr schon verloren. Sie war zu "alt" geworden.

Von Katrin Pribyl

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