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"Pink Taxis" gegen sexuelle Belästigung

Keine Männer erlaubt "Pink Taxis" gegen sexuelle Belästigung

Fast jede ägyptische Frau hat schon einmal sexuelle Gewalt erlebt. Mit dem Projekt "Pink Taxi" macht eine Unternehmerin das Reisen sicherer - und hat damit einen Nerv getroffen. Dabei werden Frauen von Frauen kutschiert.

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Einsteigen ohne Angst: In pinkfarbenen Taxis werden Frauen von Frauen kutschiert. In anderen Verkehrsmitteln Kairos sind Vergewaltigungen keine Seltenheit.

Quelle: privat

Kairo. Pink ist das Kopftuch, pink ist der Lippenstift – und pink sind die Taxis, die Reem El-Habet durch die Straßen von Kairo jagt. "Die Farbe ist ein klares Signal", sagt die Unternehmerin. "Pink ist nur für Frauen." So wie ihre Taxis.

"Pink Taxi" heißt das Projekt, das Frauen in Kairo ein sicheres Transportmittel bieten soll. Von Frauen für Frauen, so einfach lautet das Konzept. Die 42-Jährige hat damit einen Nerv getroffen. Sexuelle Belästigung ist eines der größten Probleme in der ägyptischen Gesellschaft. In einer Studie der Vereinten Nationen von 2013 gaben 99,3 Prozent der Ägypterinnen an, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein. Von glotzenden Blicken und obszönen Bemerkungen über unerwünschte Berührungen bis hin zu Vergewaltigungen. Zwar gibt es seit Juni 2014 ein Gesetz, das bei sexueller Belästigung eine Haftstrafe von mindestens sechs Monaten oder eine Geldstrafe von rund 350 Euro vorschreibt, doch es wird praktisch nicht angewendet.

"Ägyptens Taxifahrer sind ungehobelte Typen"

Vor allem Kairos völlig überfüllte U-Bahnen und Mini-Busse sind berüchtigt. Aber auch im Taxi sind Frauen vor taharrush, wie diese Straftat im Arabischen genannt wird, nicht sicher. Reem El-Habet berichtet: "Frauen erhalten unmoralische Angebote oder werden bedrängt." Einige Taxifahrer haben in ihrem Auto sogar zusätzliche Rückspiegel angebracht, um die Frauen besser beobachten zu können. "Ägyptens Taxifahrer", sagt Reem El-Habet, "sind ziemlich ungehobelte Typen."

Reem El-Habet stellt ziemlich hohe Ansprüche an ihre Angestellten. Sie dürfen nicht älter als 45 Jahre sein, müssen über einen akademischen Abschluss verfügen und sehr gutes Englisch sprechen. Zudem durchlaufen die Fahrerinnen ein zweimonatiges Training, lernen, Reifen und Öl zu wechseln und in Stresssituationen im Straßenverkehr die Ruhe zu behalten. "Unsere Kundinnen sollen wissen, dass sie sich bei uns jederzeit sicher fühlen können", sagt Reem El-Habet.

Eine echte Erfolgsgeschichte

Das hat sich offenbar herumgesprochen in Kairo. Im Oktober war Reem El-Habat mit 20 Fahrerinnen an den Start gegangen, inzwischen sind es 52. "Und es werden jeden Tag mehr", sagt die Firmenchefin. Eine echte Erfolgsgeschichte.

Doch es gibt auch kritische Stimmen am Nil. "Frauentaxis sind kontraproduktiv, weil sie zu einer weiteren Trennung von Frauen und Männern führen", sagt Dalia Abdel-Hameed, Frauenrechtsbeauftragte der ägyptischen Menschenrechtsorganisation Initiative for Personal Rights. Statt das Problem zu lösen, klagt sie, werde "mit der Angst vor sexueller Belästigung Geld verdient".

Reem El-Habet kann diese Vorwürfe nicht nachvollziehen. "Es gibt doch überall separate Frauenbereiche", sagt sie. "In der U-Bahn, im Fitnessstudio. Und das überall auf der Welt. Frauen haben die freie Wahl. Wenn sie sich dann für ein Frauentaxi entscheiden – wo liegt das Problem?" Auch den Vorwurf, mit überhöhten Preisen Profit aus der Angst der Frauen zu schlagen, findet Reem El-Habet seltsam. "Wir sind maximal 25 Prozent teurer als normale Taxis", sagt sie. "Aber dafür haben wir auch höhere Kosten. Unsere Autos sind klimatisiert, sauber und technisch auf dem neuesten Stand." Was man von vielen normalen Taxis in Kairo in der Tat nicht unbedingt behaupten kann.

Wirtschaftlicher Erfolg an erster Stelle

Reem El-Habet macht kein Geheimnis daraus, dass der wirtschaftliche Erfolg der "Pink Taxis" für sie an erster Stelle steht. Wenn es ihnen dann noch gelingen sollte, einen gesellschaftlichen Wandel mit herbeizuführen: umso besser. "Durch uns werden die normalen Taxifahrer ihre Einstellung ändern müssen", glaubt Reem El-Habet. "Ihnen gehen gerade jede Menge Kundinnen verloren. Wenn sie die wieder zurückgewinnen wollen, müssen sie lernen, sich in Anwesenheit einer Frau besser zu benehmen."

Bis dahin dürfte es in Kairo allerdings noch ein weiter Weg sein. Reem El-Habet, der Frau in Pink, kann es nur recht sein.

Frauenrechte und arabischer Frühling

Ägypten ist das Land in der arabischen Welt mit den schlechtesten Lebensbedingungen für Frauen, ergab eine Studie der britischen Thomson-Reuters-Stiftung. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob der politische Wandel sich positiv auf das Leben der Araberinnen ausgewirkt hat. Demnach sind Frauen im bevölkerungsreichsten arabischen Land Ägypten erschütternder Gewalt ausgesetzt. Fast jede ägyptische Frau – 99,3 Prozent – erlebe im Laufe ihres Lebens sexuelle Belästigung.

Die Stiftung untersucht seit 2011 jährlich die Situation der Frauen in den arabischen Ländern und kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass sich die rechtliche Situation der Ägypterinnen nach dem Arabischen Frühling sogar noch verschlechtert hat. Immer noch könnten 37 Prozent aller erwachsenen Frauen nicht lesen und schreiben und seien damit auf dem Arbeitsmarkt stark benachteiligt.

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