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Zum Examen aufs Traumschiff

MS "Deutschland" wird Universität Zum Examen aufs Traumschiff

Der neue Eigentümer der legendären MS "Deutschland" will aus dem Kreuzfahrtschiff eine schwimmende Universität machen. Reiche US-Studenten sollen künftig darauf lernen. Frei nach dem Motto: Reisen bildet.

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Ein Traum in Weiß: Das frühere Traumschiff dient nun als Hörsaal für Studenten, die pro Semester bis zu 40.000 Euro bezahlen müssen.

Quelle: Behling

Kiel. Ach, was dieses Schiff nicht alles erlebt hat. Bittersüße Liebesgeschichten, Eifersucht und Versöhnung, Freundschaften und zerbrochene Ehen, Pilcher-Welten und Traumhochzeiten, während der Lametta-Kahn vermeintlich Kurs auf die schönsten Urlaubsziele der Welt nahm. Nahezu alle bekannten deutschen Schauspieler stiegen zu Kapitän Paulsen (Siegfried Rauch), Chefhostess Beatrice (Heide Keller) und ihrem Pendant Stefan Burger (Sascha Hehn, mittlerweile Serien-Kapitän) auf die MS "Deutschland", um die Fernsehzuschauer bis zur schlusssicheren Wunderkerzenparade zu berieseln.

Doch schon seit Jahresbeginn werden die neuen Folgen – geplant für Weihnachten und Silvester – nicht mehr auf der MS "Deutschland" produziert. Nach den Insolvenzen von Reederei und Schiff wechselte die Fernsehcrew auf die "Amadea", das Flaggschiff des Reiseveranstalters Phoenix-Reisen. Und seit Kurzem ist die MS "Deutschland" ganz abgetaucht. Der US-Konzern Absolute Nevada LLC um den texanischen Milliardär Donald Hoffman hat das Kreuzfahrtschiff für 21 Millionen US-Dollar gekauft und ihm den Namen World Odyssey verpasst. Sein Plan: Künftig soll der legendäre Luxusliner als schwimmende Universität auf den Weltmeeren kreuzen. Frei nach dem Motto "Reisen bildet" befördert das Schiff dann keine Touristen, sondern reiche Studenten.

Derzeit baut die Kieler Lindenau-Werft das 175 Meter lange Kreuzfahrtschiff für die Lehrfahrten des Studienprogramms "Semester at Sea" um. Läuft alles nach Plan, nimmt die "World Odyssey" diesen Sonnabend Kurs aus Southampton in England, von dort geht es für 100 Tage nach San Diego in den USA, mit Stationen in Italien, der Türkei, Griechenland, Spanien, dem Senegal und Brasilien. Die 650 Plätze sind ausgebucht, auch schon für das zweite Semester.

Die Studenten kommen von der University of Virginia, einer der besten Hochschulen der Vereinigten Staaten – und können sich was leisten: Zwischen umgerechnet 25.000 und 40.000 Euro kostet so ein Semester zwischen Luxus und Meer. Lernen in edlen Ledersesseln mit der Bar in Reichweite – eine Spaßfahrt mit ausufernden Partys soll die Reise dennoch nicht werden. Das sagt zumindest der Vertreter des Eigentümers, Robert Lambert: "Die Studenten der University of Virginia kommen aus gutem Hause", zitieren die "Kieler Nachrichten" den Präsidenten der American Cruise Line. Diese Studenten wollten lernen und ihren Horizont erweitern.

Da stört nicht weiter, dass künftig die Flagge Nassaus, Hauptstadt der Bahamas, am Heck des schwimmenden Campus weht. Das spart Geld für Heuern, Steuern und Abgaben. Bis dahin war die MS "Deutschland" das letzte Kreuzfahrtschiff unter deutscher Flagge. Gegen eine solche Ausflaggung hatte sich bereits 2012 der damalige Deutschland-Kapitän Andreas Jungblut gewehrt. Die Finanziers wollten das Kreuzfahrtschiff aus Kostengründen unter der Flagge Maltas fahren lassen. Das Thema kochte ausgerechnet während der Olympischen Sommerspiele in London hoch, als dort das Schiff als Unterkunft für Athleten und Prominente vor Anker lag. Jungblut nutzte die mediale Aufmerksamkeit, um gegen die Ausflaggung zu meutern. Die Reederei lenkte ein – und feuerte ihn kurz darauf wegen illoyalen Verhaltens.

Und auch für die 4000 Anleger war das "Traumschiff" zum Albtraum geworden: Mit den von ihnen investierten 50 Millionen Euro wollte ein zwischenzeitlicher Mehrheitsgesellschafter das Schiff nach der Pleite der Neustädter Reederei Peter Deilmann wieder auf Kurs bringen. Ihr Kreuzfahrtabenteuer endete jäh mit der Insolvenz des Schiffes. Von der Anleihe blieben laut "Kieler Nachrichten" 16 Prozent Restwert. Die Anleger haben Klage eingereicht.

Unterdessen laufen in der Kieler Traditionswerft die letzten Umbauarbeiten für die Lehrfahrt: Der prunkvolle, über zwei Decks reichende "Kaisersaal", ist zum Hörsaal umfunktioniert worden, einige Doppelbetten wurden durch Hochbetten ersetzt, künftig soll es kabellosen Internetempfang geben. Die einstigen roten Streifen am Rumpf sind jetzt blau, aber der museale Charme des "Traumschiffs" ist erhalten geblieben. Schließlich weiß Berater Robert Lambert, dass das schwimmende Grandhotel auch für große Gefühle und Geldsegen steht: Man werde alles tun, um in den Semesterferien einen Charterer für den deutschen Kreuzfahrtmarkt an Land zu ziehen. Wie das Schiff dann heißen und unter welcher Flagge es fahren wird, ist wohl eine Frage des Preises.

Interview mit Andreas Jungblut, früherer Kapitän der MS Deutschland

Herr Jungblut, Sie waren 15 Jahre lang Kapitän auf der MS "Deutschland". Was halten Sie vom Schicksal Ihres Lieblingsschiffes?
Ich hätte es lieber gesehen, wenn sie in deutsche Hände gekommen und unter deutscher Flagge unterwegs wäre. Aber die Idee mit den Studenten finde ich auch charmant. Junge Menschen, die darauf die Welt entdecken – das hat etwas Romantisches. Mich hätte es eher geschreckt, wenn sie als Arbeiterschiff im Suezkanal geendet wäre.

Warum ist Ihnen die deutsche Flagge so wichtig?
Das ist keine nationale Folklore. Mir geht es um die Absicherung der Crew: In Deutschland müssen Arbeitnehmer und Arbeitgeber paritätisch in die Sozialkassen einzahlen. Der deutsche Seemann ist gut abgesichert. Wird die Flagge gewechselt, entfällt die Verpflichtung für den Arbeitgeber. Das Sozialsystem wird ausgehebelt. Dagegen wehre ich mich.

Sie haben sich im Sommer 2012 erfolgreich dagegen gewehrt, dass die "Deutschland" die Flagge Maltas erhält. Das Schiff wurde nicht ausgeflaggt – aber Sie wurden gefeuert. Bereuen Sie Ihren damaligen Protest?
Nein, im Gegenteil: Es hat mir Spaß gemacht, gegen die Finanzleute aus München zu kämpfen. Die "Deutschland" war ja nicht schuld an der ersten Insolvenz der Reederei. Danach diente sie allerdings nur noch als Selbstbedienungsladen. Man zockte ab, wo man konnte. Die "Deutschland" dampft zwar bald ohne deutsche Seeleute in Amerika herum – aber wir haben uns gewehrt und konnten damit zumindest etwas Sand ins Getriebe werfen.

Es gibt auf Facebook eine Fanseite über Sie, den "Robinson der Meere". Und der Betreiber will nächste Woche das Buch "Das Traumfisch" über seine Erfahrungen an Bord herausgeben.
Ja, ich habe davon gehört. Der Mann war ein paar Jahre als Techniker an Bord. Die Fanseite über mich ist sehr nett – aber ich kenne sie gar nicht. Ich bin nicht auf Facebook.

Was machen Sie jetzt?
Ich bin jetzt mit einer Privatyacht unterwegs und liege zurzeit im Hafen von Venedig.

Interview: Sonja Fröhlich

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