Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
"Männer markieren": Kampf den Wildpinklern

Schaden an historischen Bauwerken "Männer markieren": Kampf den Wildpinklern

Alte Fassaden, ätzendes Schicksal: Stein für Stein zerstören Wildpinkler Gebäude. Darunter auch historische, wie das Ulmer Münster. Die Stadtverwaltung will das nun unterbinden. In anderen Städten wird sogar Gleiches mit Gleichem vergolten.

Voriger Artikel
Acht Elite-Unis streiten um eine Schülerin
Nächster Artikel
Kind stürzt aus 15. Stock - und überlebt

Vor allem die schwer einsehbaren Nischen sind bei Wildpinklern beliebt.

Quelle: Felix Kästle/dpa

Ulm. Pfarrerin Tabea Frey blutet das Herz. "Von oben wird saniert, da werden Millionen ausgegeben, und von unten wird der Stein zerfressen", sagt sie. "Ich hab da eine Wut im Bauch, wenn die Hemmschwellen so niedrig sind, dass man überhaupt keinen Respekt mehr hat." Denn ihre Kirche, das Ulmer Münster mit dem größten Kirchturm der Welt, hat ein ziemlich ätzendes Problem: Wildpinkler. "Der Sandstein blättert richtig ab. Das sind Zentimeterschichten, die da verloren gehen."

Sie schlagen meist zu, wenn es dunkel ist, sind häufig nicht mehr nüchtern - und hinterlassen einen folgenschweren feuchten Fleck an der Fassade. Dort in den seitlichen Nischen, wo im Mittelalter Krämerläden standen, entleeren Wildpinkler gerne und häufig ihre Blase. Da Urin Säure und Salze enthält, setzt er der Bausubstanz aus dem 14. Jahrhundert übel zu. Viele Städte kämpfen gegen Wildpinkler. "Männer markieren", sagt der Sprecher des Berufsverbandes der Deutschen Urologen, Wolfgang Bühmann. Das sei ein rudimentäres Verhalten, das gerade unter Alkoholeinwirkung zutage trete.

Schwarze, stinkende Ecken

"Wenn einer ans Münster pinkelt, reichert sich dort Nitrat an und führt zu Absprengungen", sagt Münsterbaumeister Michael Hilbert. "Jeder sieht die schwarzen Ecken, und wenn die Sonne rauskommt, stinkt's zum Teufel." Dabei ist das Münster der Stolz der Ulmer.

1377 wurde der erste Stein des monumentalen schwäbischen Bauwerks gesetzt. Am 31. Mai 1890, mehr als ein halbes Jahrtausend später, folgte dann der letzte Schliff - die Kreuzblume wurde auf den Turm aufgesetzt. Mit 161,53 Metern überragt das Münster seitdem alle anderen Kirchen des Christentums. "Das ist nicht irgendwas, das ist das Münster, ein national bedeutendes Denkmal." Seit drei Jahren ist Hilbert nun Baumeister, schon rund ein Dutzend Wildpinkler habe er selbst gestellt an seiner Kirche. Dann behaupteten die Ertappten, sie seien inkontinent, erzählt er empört. Oder sie sind betrunken und werden aggressiv.

Die Deutsche Bahn schreckt Wildpinkler mit Schildern ab, auf denen steht: "Hier nicht pinkeln! Wand pinkelt zurück." Die Spezialwand ist mit einem feuchtigkeitsabweisenden Lack beschichtet, was dazu führt soll, dass der an die Wand gerichtete Strahl etwa im selben Winkel zurückkommt.

Quelle: Oliver Berg/dpa

Zurückspritzender Speziallack

Wer wild pinkelt, dem droht ein Bußgeld. Und das kann deutlich über den paar Cents liegen, die Mann für den Gang aufs öffentliche Klo zahlen muss. Die Stadt Ulm verdoppelt nun das Bußgeld von 50 auf 100 Euro. Der Ordnungsdienst überwacht zwar den Bereich, aber selten wird ein Pinkler ertappt. "Nicht jeder ist ein Hannoveraner Prinz und lässt sich auch erwischen", sagt eine Sprecherin der Stadt. Mancherorts wird deshalb bereits Gleiches mit Gleichem vergolten: Weil Betrunkene in Mainz immer wieder an die Rathauswand pinkeln, hat die Stadtverwaltung die Mauer mit einem Speziallack beschichten lassen. Der ist so wasserabweisend, dass der Urin daran abprallen und zurückgespritzt werden soll.

Auf Hamburgs Partymeile St. Pauli wurden bereits vor gut einem Jahr Hauswände mit der sogenannten superhydrophoben Beschichtung versehen. Am Münster funktioniert der Pinkellack aber nicht. "Die ganzen Anstriche der Industrie sind Quatsch", sagt Münsterbaumeister Hilbert. Der Sandstein sei stark saugend, der Lack würde die Bausubstanz eher schädigen als schützen. Nach Ansicht von Pfarrerin Frey solle die Stadt dort lieber öffentliche Toiletten dauerhaft kostenfrei anbieten. "Das wäre für eine touristische Stadt wie Ulm angesagt", sagt sie. Ob die Ulmer Wildpinkler trotzdem in den Himmel kommen? "Wir sind evangelische Kirche, die nicht mit Ewigkeitsstrafen droht."

Vom Putzdienst zum Pinkellack - Wege gegen das Wildpinkeln

Es ist eklig und schlecht für die Hauswand: Wildpinkeln. Im Kampf gegen das Problem werden Behörden mitunter kreativ.

ZÄUNE: Bei Großveranstaltungen wie beim Schwörmontag am Ulmer Münster schaffen Absperrungen Distanz zwischen Mauern und Pinklern. Die erleichtern sich dann mitunter am Zaun, aber immerhin nicht an der Kirchenfassade. Auch die Stadt Köln und das Erzbistum zäunten den Kölner Dom vor der zurückliegenden Karnevalssession großräumig ein.

BUßGELD: 150 Euro kostet das kleine Geschäft am Kölner Dom. "Nur" 120 Euro wären es an anderen Kirchen, 90 an Hauswänden. Der Unterschied bei der Strafe hat nicht nur eine symbolische Bedeutung. "Die Reparatur der Schäden am Kölner Dom sind ungleich teurer als an anderen Gebäuden", erklärt eine Sprecherin der Stadt.

BLUMENGIRLANDEN: Erwischt die Polizei in der indischen Großstadt Hyderabad einen Mann beim Pinkeln auf offener Straße, bekommt er einen Blumenkranz um den Hals, und Fotos davon werden auf Facebook veröffentlicht. "Sie schämen sich und versprechen, es nie wieder zu machen", sagte der Erfinder der Aktion, ein Verkehrspolizist.

PROZESS: Auch wenn die Blase drückt, darf man sich nicht überall erleichtern. Das Amtsgericht Stuttgart verurteilte 2014 einen Frührentner, der in den Schlossgarten gepinkelt hatte. Gegen ein zuvor verhängtes Bußgeld hatte er geklagt. Sein Argument, er leide an einer Blasenschwäche, ließ die Richterin nicht gelten. Neben den 35 Euro Buße musste er dann auch noch die Prozesskosten zahlen.

PUTZDIENST: Mit 20 Stunden Arbeit in öffentlichen Toiletten bestrafte das Amtsgericht Sondershausen (Thüringen) 2002 einen angetrunkenen 20-Jährigen, der in einem Supermarkt in ein Weinregal uriniert hatte. Der Richter sagte damals zur Urteilsbegründung: "Damit er mal sieht, wie es ist, anderer Leute Dreck wegzumachen."

KONTROLLE: Köln setzt neben Zäunen und Geldstrafen auf verstärkte Präsenz von Ordnungskräften und Polizei im Umfeld des Doms. Die Sicherheitsmaßnahmen nach der Silvesternacht hätten sich demnach auch auf die Sauberkeit ausgewirkt. Das Problem mit den Wildpinklern sei zumindest in der unmittelbaren Umgebung kleiner geworden.

PINKELLACK: "Hier nicht pinkeln! Wand pinkelt zurück." Auch mit solchen Schildern werden Wildpinkler abgeschreckt, unter anderem am Kölner Hauptbahnhof. Die Spezialwand sei mit einem besonders feuchtigkeitsabweisenden Lack beschichtet, teilte ein Bahnsprecher dazu im November mit. Dies führe dazu, "dass der an die Wand gerichtete Strahl etwa im selben Winkel zurückkommt". Auch am Mainzer Rathaus und auf St. Pauli in Hamburg sollen die Wände bereits "zurückpinkeln" können.

dpa

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Panorama
Familiendrama mit sechs Toten in Österreich

Ein Familiendrama erschüttert Österreich. Eine Frau soll mehrere Angehörige erschossen haben.