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Hauptsache, es knallt!

Schiffstaufe Hauptsache, es knallt!

Tradition trifft auf Moderne: Bevor ein Schiff vom Stapel läuft, wird es getauft – mit Ausnahme der "Titanic". Die Verantwortlichen der Reederei sollen die Taufe als Aberglauben abgetan haben.

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Schiffstaufen werden gern als großes Spektakel – wie hier mit Helene Fischer – inszeniert.

Quelle: Bodo Marks/dpa

Hamburg. Es ist ein bisschen so wie am Silvesterabend. Jedes Jahr aufs Neue erinnert sich die moderne Welt an einem solchen Tag gern an alte Traditionen. Heute Abend werden mit Böllern wieder böse Geister vertrieben, Glücksbringer verschenkt und beim Bleigießen wird in die Zukunft geschaut. Doch nirgendwo sind Aberglaube und Tradition so eng mit modernster Technik und dem Glauben an die Wissenschaft verbunden wie bei einer Schiffstaufe. Sie ist ein Symbol – bei der es weniger um die Frage der Konfession als mehr um Rituale, den Wohlwollen des römischen Gottes Neptun geht.

Schiffstaufe ist ein alter Brauch

In Kiel gab es 2015 zwei Taufen, die unterschiedlicher kaum sein konnten. Am 5. Juni brachte Schwimmstar Franziska van Almsick eine Magnumflasche mit edlem Champagner am Bug des Kreuzfahrers "Mein Schiff 4" zum Bersten. Wenig später zerplatzte in Kiel eine Flasche mit Wasser aus dem Nil bei einer Schiffstaufe. Das neue ägyptische U-Boot "S 41" bekam durch das Flusswasser seinen Segen, damit Neptun dem Schiff und seiner Besatzung stets wohlgesonnen ist.

Wer die erste Schiffstaufpatin überhaupt war, ist nicht überliefert. Die Wikinger haben Opfer gebracht, bevor sie Boote vom Stapel laufen ließen. Bei den Römern waren es Krüge mit Wein, und die griechischen Seefahrer ließen ihre Schiffe von den Baumeistern segnen. "Richtig überliefert ist der Brauch der Schiffstaufen mit Taufpatinnen aber erst aus dem Mittelalter", sagt Jürgen Rohweder, Vorsitzender des Nautischen Vereins zu Kiel.

"Der Glaube spielt eine große Rolle"

Dass kein Schiff ohne Taufe vom Stapel laufen sollte, ist spätestens seit dem Untergang der "Titanic" im Jahre 1912 eine klare Sache. Die Verantwortlichen der britischen Reederei White Star Line sollen vor der Jungfernfahrt der "Titanic" die Taufe mit dem Argument der technischen Zuverlässigkeit ignoriert und die Tradition ins Reich des Aberglaubens verbannt haben. Jeder weiß, wie die Fahrt des größten Passagierschiffes der damaligen Zeit geendet ist.

"In der Seefahrt spielt der Glaube eine große Rolle. Dazu gehört es, dass ein Schiff getauft wird, bevor es ins Wasser kommt. Weil es einfach Tradition ist", sagte der mittlerweile verstorbene Bremer Reeder Emil Hartmann anlässlich der Einweihung der "Seacod". Der Tanker ging in die deutsche Werftgeschichte als eine Frühgeburt ein.

Segen in allerletzter Minute

Das Schiff lief am 30. Juni 2006 vom Stapel – dabei sollte es das gar nicht. Das Ereignis war erst für den Tag darauf geplant. Doch bei den Vorbereitungen hatte sich der 10.000 Tonnen schwere Rumpf auf den mit Fett eingeschmierten Schlitten selbstständig gemacht. Ein Werftarbeiter schmiss dem rutschenden Koloss noch schnell eine halb volle Seltersflasche an den Wulstbug. Damit war auch der "Seacod" der Segen gewiss – wenn auch in allerletzter Minute.

Bei Taufen gilt eine goldene Regel. "Die Flasche muss zerplatzen", sagt Jürgen Rohweder. Glasscherben bringen bekanntlich Glück – auch in der Seefahrt. Der Taufpatin wird als Geschenk der Flaschenhals auf einem Holzbrett nach der Zeremonie überreicht.

Siebenmal gegen die Fregatte

Dieses Ritual kennt auch Heide Simonis. Die damalige Ministerpräsidentin sollte am 8. Juni 1996 an der Pier der Kieler Werft HDW das neue Patenschiff des Landes, die Fregatte "Schleswig-Holstein", taufen. Da es sich um einen anderen Rumpf als bei Containerschiffen handelte, hatte die Werft auf die massive Halterung für die Sektflasche verzichtet. Keine gute Idee, wie sich dann herausstellte. Die Flasche wollte nicht zerbrechen. Heide Simonis aber gab nicht so schnell auf und warf die Flasche siebenmal gegen die Fregatte, bevor sie endlich platzte.

Die Zahl der Schiffstaufen ist seit Jahren in Deutschland rückläufig. Keine 20 Neubauten liefern deutsche Werften zwischen Wolgast und Emden pro Jahr. Zeitweise waren es fast 300 Schiffe pro Jahr. Jedes einzelne ist getauft und hat so einen Namen bekommen. Und während die Marketingstrategen der Reedereien eine Taufe gern als medienwirksames Großereignis planen, muss für die Werftarbeiter die Taufe wie zu alter Tradition beim ersten Aufschwimmen im Baudock erfolgen. Deshalb gibt es inzwischen fast immer zwei Taufen für Kreuzfahrtschiffe. Eine für Arbeiter und Besatzung, die andere mit oft prominenten Frauen als Patinnen.

Sophia Loren vor Merkel und der Queen

So hat Bundeskanzlerin Angela Merkel schon dreimal die Flasche an einen Schiffsbug krachen lassen, Heide Simonis immerhin zweimal. Und Queen Elizabeth II. bestieg bereits viermal eine Taufkanzel und wünschte den Schiffen die nötige Handbreit Wasser unter dem Kiel.

Die Kaiserin der Taufpatinnen ist jedoch die italienische Schauspielerin Sophia Loren. Sie hat seit 2002 alle zehn Neubauten sowie die beiden Ankaufschiffe der Reederei MSC Cruises vor den Jungfernreisen getauft. Sophia Loren stammt zwar aus keiner Reederfamilie, sie wuchs aber am Golf von Neapel auf. Genau dort verbrachte auch Gianluigi Aponte seine Kindheit. Dem Kapitän gehört heute mit über 500 Schiffen das größte privat geführte Reedereiimperium der Welt.

Von Frank Behling

Taufrituale

Schiffstaufe international: Versorgungsschiffe für Inselstaaten im Pazifik werden mit Kokosnüssen getauft. Die Schiffe arabischer Reeder bevorzugen als Inhalt der Flaschen reines Wasser aus Mekka. Nordafrikas Staaten nehmen hingegen Nilwasser. In Russland kommt bei Schiffen auch Wodka statt Champagner zum Einsatz. Wichtig ist aber sowohl bei russischen als auch griechischen Schiffen die Segnung von Schiff und Taufflasche durch einen orthodoxen Geistlichen.

In China und Japan hingegen sind die Schifftstaufe und der Stapellauf zugleich die Geburt des Schiffes. Dies wird durch eine gespannte Leine zwischen Schiff und Land dargestellt, die beim Stapellauf zerrissen wird. Symbolisch soll dies die Nabelschnur und damit die Geburt des Schiffes darstellen. Wenn diese Verbindung gekappt wird, platzt eine Papierkugel, aus der Girlanden und Luftballons aufsteigen.

Polarschiffe werden mit Eisblöcken getauft und beworfen. In Brasilien und anderen südamerikanischen Ländern kommt die Konfettikanone zum Einsatz, die Konfetti über das Schiff verteilt.

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