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00:15 24.11.2013
Von Johanna Di Blasi
Vorbild Laufsteg: Trotz zahlreicher Initiativen gegen Magermodels präsentieren die meisten Designer ihre Mode am liebsten an Models mit superschlanken Beinen – und Thigh Gap. Quelle: dpa
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Berlin

Zu dieser Lücke braucht man keinen Mut, stattdessen Ausdauer, harten Willen und eine brachiale Kalorienreduktion. Zum Vorschein kommt dann in manchen Fällen der sogenannte „Thigh Gap“, zu deutsch „Oberschenkellücke“ – aber nur, wenn man aufrecht steht und die Beine dabei schließt. Während noch vor 100 Jahren modebewusste Frauen alles für die Wespentaille taten, ist gegenwärtig der „Thigh Gap“ das „Beauty“-Maß der Stunde. Um den kleinen Spalt – unkritische Geister vergleichen seine Dreiecksform gar beschönigend mit einem Diamanten – ist vor allem im Internet ein bizarrer und schädlicher Wettstreit entbrannt.

In permanenter Selbstbeäugung untersuchen Mädchen und junge Frauen dort massenhaft ihre Körperbeschaffenheit und geben die Zeugnisse der eigenen Magerstufe im Netz dem kollektiven Vergleichen, Beurteilen und Bewerten preis: auf Facebook oder in einschlägigen Foren. „Thigh Gap“-Bilderalben zeigen dort die Ergebnisse der grenzwertigen Selbstmanipulation und sind zugleich ein psychologisch aufschlussreiches Dokument über den Spalt zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung.

War die berühmte barocke "Rubensfigur" noch üppig-wohlgenährt, geht zurzeit ein zweifelhafter Trend zur "Thigh Gap" - zur Oberschenkellücke. Schönheitsideale im Wandel der Zeit.

Denn gut die Hälfte der ausgestellten Beinpaare ist in ihrer kantigen Beschaffenheit letztlich trauriger Ausdruck fortgeschrittener Magersucht. Die Mädchen, sofern sie ihre Gesichter überhaupt zeigen, lächeln dennoch siegesfroh oder machen das „Victory“-Zeichen. „Ah! Wir lieben es, wir wollen es“, seufzt eine, die dem Trend folgt – „Wie können wir es erreichen? Goldene Regel ist es, die delikate Balance zwischen Muskelaufbau und Ausdauer zu halten. Je mehr Muskeln du hast, desto mehr Fett verbrennst du.“

Also fasten und turnen die Frauen sich mit enormer Zähigkeit Fohlenbeine herbei, wie sie der grassierende Minishort-Trend diktiert. Ein Medienthema ist der „Thigh Gap“, seit sich kürzlich ein normalgewichtiges Model – die 24-jährige Australierin Robyn Lawley – genervt und gekränkt zu Wort gemeldet hat. Ein professionelles Dessous-Foto von ihr in perlfarbener Unterwäsche war gegen ihren Willen bei Facebook auf einer „Thigh Gap“-Seite aufgetaucht. Prompt folgte eine Fülle gemeiner Kommentare. Die blonde Frau wurde als „Schwein“ beschimpft, ihr „Thigh Gap“ für ungültig erklärt, weil sie bei der Werbeaufnahme nicht gerade, sondern nach vorn gebeugt steht, was auch bei Normalgewichtigen einen Spalt zwischen den Oberschenkeln entstehen lassen kann.

Im Online-Magazin „The Daily Beast“ erklärt das Plus-Size-Model, dass es nach zirka 900 „degradierenden und demütigenden“ Kommentaren nicht länger schweigen wollte. Derlei „Thinspiration“-Seiten nennt die Australierin „gefährlich“. Der „Thigh Gap“ sei „einfach nur ein weiteres Instrument der Manipulation, das andere Leute einzusetzen versuchen, um mich davon abzubringen, meinen Körper zu lieben“.

Dabei hat Lawley gegen einen „Thigh Gap“ prinzipiell gar nichts einzuwenden. Wenn die Oberschenkellücke von Natur aus auftrete, könne sie durchaus „attraktiv“ sein. „Ich aber müsste meine gesamte Körperbeschaffenheit umformen, nur um etwas so Triviales zu erreichen“, sagt das Model und setzt noch eins drauf: „Ich möchte größere und stärkere Schenkel haben. Ich möchte schneller rennen und länger schwimmen. Ich denke, jeder von uns möchte Dinge anders, aber Frauen stehen auch ohne die zusätzlichen Last des ,Thigh Gap‘ schon genügend unter Druck.“

Für Frauen, die verbissen um den Spalt kämpfen, mag das nach Schwäche und Sich-gehen-lassen klingen. Ihr Ideal ist nun einmal die Lücke. Den ausgeprägtesten „Thigh Gap“ aber haben natürlich Totengerippe – das macht die Mode so bizarr. Der Hype ist der jüngste Auswuchs des weit verbreiteten, morbiden Body-Shapings und kollektiven Hungerkults. Es sieht so aus, als habe die Diskussion um Magermodels keinen Fortschritt gebracht.

Schönheitsideale

Schönheitsideale sind zwar nicht mit der Mode gleichzusetzen, werden aber oft von ihr beeinflusst. Das lässt sich am Wandel des Frauenbildes über die Jahrhunderte ablesen:

 Rubensfigur: Während der Renaissance im 15. und 16. Jahrhundert galten üppig-wohlgenährte Frauen mit blasser Haut als Gipfel der Schönheit. Das blieb zunächst auch im Barock so, als Peter Paul Rubens dieses Ideal derart perfekt abbildete, dass runde, weibliche Formen noch heute als „Rubensfigur“ bezeichnet werden.

Wespentaille: Mitte des 17. Jahrhunderts war die Fülle wieder out: Frauen zwängten sich in enge Korsetts, um eine möglichst schmale Taille zu erzielen. Erst im 19. Jahrhundert wurde die Mode wieder bequemer. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen – quasi als Gegenpol zum strengen nationalsozialistischen Frauenbild – wieder üppigere Formen in Mode, oft mit einer schmalen Taille wie bei Marilyn Monroe.

 Twiggy: Die Londonerin gilt noch heute als Vorbild für viele Magersüchtige. Dabei hatte die spätere Stilikone ihre Figur geerbt und nicht erhungert als sie 1964 entdeckt wurde.

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