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Schwede findet Ring von KZ-Überlebender

Nach über 70 Jahren Schwede findet Ring von KZ-Überlebender

Kurz vor Kriegsende entkommt eine Frau den Nazis, stirbt im Jahr 2010 in Schweden. Über ihre Erlebnisse erzählt sie wenig. Nun forscht ihr Sohn nach - und wird in Nordhessen fündig.

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Der Schwede Jan Andersson (links) lässt sich von ITS-Mitarbeiterin Gabriele Klotzbücher (Mitte) in Bad Arolsen ( Original-Dokumente von der Verhaftung seiner Mutter 1944 in Nazi-Deutschland zeigen (rechts Ehefrau Ann Kristin).

Quelle: dpa

Bad Arolsen. Seine Hände zittern, als Jan Andersson den goldenen Ring in den Händen hält. Vorsichtig dreht er ihn, schaut genau hin, Tränen schießen in seine Augen. "Er enthält eine Inschrift. Es könnte ein Freundschafts- oder Verlobungsring sein", sagt Andersson. Der Ring gehörte seiner Mutter, er wurde ihr abgenommen, als sie 1944 als junge Frau in Nazi-Deutschland aus unbekanntem Grund verhaftet wurde. Nun kehrt das Schmuckstück endlich in die Familie zurück. "Das ist ein großer Tag für mich", sagt der 62-Jährige. Andersson ist dafür extra mit seiner Frau rund 1000 Kilometer von Schweden zum Internationalen Suchdienst (International Tracing Service/ITS) ins nordhessische Bad Arolsen gereist.

Anderssons Mutter war als 15-Jährige im Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiterin aus Polen nach Deutschland gekommen und musste in einer Konservenfabrik arbeiten, nach ihrer Verhaftung kam sie in die Konzentrationslager Ravensbrück und Neuengamme. Kurz vor Ende des Krieges gelangte sie schließlich über die "Aktion Weiße Busse" des Schwedischen Roten Kreuzes nach Schweden. Die Aktion rettete etwa 20 000 Menschen das Leben. 

Die Übergabe sei etwas Besonderes, sagt Friederike Scharlau vom ITS. "Wir haben nicht oft mit Menschen zu tun, die mit den Weißen Bussen gerettet wurden." 2015 wurden insgesamt 14 Mal sogenannte Effekten an Nachfahren übergeben. Im letzten halben Jahr waren es bereits rund ein Dutzend, da diese nun online mit Bildern abrufbar sind. "Wer extra zu uns kommt, hat oft ein sehr emotionales Interesse", sagt Scharlau. Rund 3200 Effekten - Ringe und Uhren, aber auch Geldstücke und Dokumente wie ein "Deutsches Sparkassenbuch" - lagern noch beim ITS. 

Der Internationale Suchdienst ist eine der wichtigsten Anlaufstellen für Familien von Nazi-Opfern. Auch wenn es nur noch wenig Überlebende gibt, werden pro Monat immer noch bis zu 1000 Anfragen von Angehörigen und Überlebenden gestellt. Erst vor kurzem haben über den ITS die deutsche Tochter und der israelische Sohn eines Holocaust-Überlebenden voneinander erfahren. Die Halbgeschwister Ursula und Eli stehen nun in engem Kontakt. 

"Sie hat alles für sich behalten"

Beim ITS lagern rund 30 Millionen Dokumente aus Konzentrationslagern, Ghettos und Gestapo-Gefängnissen sowie Unterlagen über die Zwangsarbeit und die Migration infolge des Zweiten Weltkrieges, darunter Informationen über Anne Frank, Willy Brandt oder eine Kopie von "Schindlers Liste". Die Originaldokumente und die Zentrale Namenkartei des ITS gehören zum Unesco-Weltdokumentenerbe. Seine Mutter habe kaum über die Zeit in Deutschland gesprochen, auch wenn er oft gefragt habe, erzählt Andersson. "Sie hat alles für sich behalten. Wenn sie Deutsch im Fernsehen hörte, ging sie sofort aus dem Raum", erzählt er.

Nach ihrem Tod im Jahr 2010 fing Andersson an, die Zeit seiner Mutter in Deutschland zu rekonstruieren. Er wolle mehr darüber erfahren, was passiert ist, sagt Andersson. Auch seine Kinder und Enkel sollten davon erfahren. "Ich möchte ein Familienbuch schreiben." Anderssons Reise ist in Nordhessen noch nicht zu Ende. Er fährt weiter nach Polen, dem Heimatland seiner Mutter. Dort will er seine Tante treffen. "Ich bin gespannt, was sie zu dem Ring sagt", sagt er. 

Von Timo Lindemann

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