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Senioren-Gang im Diamantenfieber

Filmreif Senioren-Gang im Diamantenfieber

Der Coup war filmreif: Ostern 2015 brachen einige ältere Herren in einen Tresor im Londoner Diamantenviertel Hatton Garden ein und erbeuteten Uhren und Schmuck im Wert von knapp 20 Millionen Euro. Nun stehen sie vor Gericht.

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Die Rentnergang ist in den Tresorraum der Sicherheitsfirma „Safe Deposit Company“ eingestiegen und hat Juwelen im Wert von 20 Millionen Euro erbeutet.

London. Die Tür mit der Hausnummer 88–90 ist auf dem Sprung in die A-Liga der Sehenswürdigkeiten Londons. Hinter oder besser unter dem schwarz lackierten Eingang, vor dem nun Touristen gern Selfies knipsen, fand im vergangenen Jahr an Ostern der größte Juwelenraub in der Geschichte Großbritanniens statt. Eine Gruppe Rentner erbeutet Uhren und Schmuck im Wert von fast 20 Millionen Euro.

Nur Brian merkte davon nichts. Er verkauft direkt in der Etage darüber Uhren und Schmuck, vornehmlich besetzt mit Diamanten. Das Geschäft trägt den etwas schrägen Namen „Paris Jewels“ und bekam aufgrund der direkten Nachbarschaft zur berühmten Tür, die ständig in den Medien abgebildet wurde, so viel Aufmerksamkeit wie nie.

Diamantenraub erinnert an Hollywoodfilm

Hatton Garden ist das Edelsteinzentrum der britischen Hauptstadt. Juweliere und Schmuckhändler dominieren das Straßenbild. Schon seit dem 19. Jahrhundert ist die Gegend für ihr funkelndes Image berühmt. „Der Einbruch hat uns geholfen“, berichtet ein Händler namens Haki. „Die Leute wurden neugierig, weil Hatton Garden in den Nachrichten war und das führte dazu, dass die Geschäfte besser liefen.“ Aber nicht nur das. Die Diebe scheinen fast zu Stars geworden zu sein. „Es war wie im Film“, sagt Brian.

Tatsächlich erinnert das Verbrechen an raffinierte Hollywood-Filme à la ­„Ocean’s Eleven“. Die britische Presse berichtet mit Freude über den Fall, was vor allem an den Details der Tat liegt. Und an den Kriminellen selbst, die zugegebenermaßen weniger Parallelen zu George Clooney und Co. aufweisen.

Der Millionen-Coup

Die Entscheidung zum schwersten Einbruch in der Geschichte Englands fiel beim Pint Bier im Nord-Londoner Pub „The Castle“. Drei Jahre lang trafen sich die betagten Herren meistens freitagabends im Stadtteil Islington und organisierten den spektakulären Bruch.

Am 2. April 2015 ging es los. Brian Reader fuhr mit dem Bus von seinem Wohnort in der Grafschaft Kent nach London. Der Sparfuchs nutzte den Seniorenpass eines Freundes in London, sodass er mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Bedarf und kostenlos in der Metropole umherreisen konnte.

Verkleidet als Handwerker, sie trugen gelbe Helme und Sicherheitswesten mit der Aufschrift „Gas“, verschafften sich über die Feuertreppe Zugang zum Aufzugsschacht, hinterließen eine handgeschriebene „Außer Betrieb“-Notiz am Fahrstuhl und seilten sich ab. Dann bohrten sie sich durch die Metallwand des Tresorraums.

Nachdem die Einbrecher schon drei nebeneinanderliegende Löcher gebohrt hatten, ging die Alarmanlage los. Es war 0.21 Uhr am Morgen des Karfreitags. Ein Sicherheitsbeamter schlenderte vorbei, warf einen Blick durch den Briefschlitz des Notausgangs und zog von dannen.

Dabei saßen die Männer ein Stockwerk tiefer und berieten sich. Es gab logistische Probleme, sie brauchten neues Werkzeug. Erst am Ostersonntag kehrten sie zurück und räumten Hunderte Schließfächer aus, die vor allem von Juwelen- und Goldhändlern genutzt werden. Sie erbeuteten Geld und Gold, Schmuck sowie kostbare Uhren im Wert von knapp 20 Millionen Euro.

Brian Reader, der Älteste der „ Senioren-Gang“ und der mutmaßliche Chef der Bande, ist 76 Jahre alt. Komplettiert wird die Runde der Anführer durch den 74-jährigen John Collins, den 60 Jahre alten Daniel „Danny“ Jones und den 67-jährigen Terrence Perkins, dessen Master-Altersvorsorge-Plan es war, das Gold einschmelzen zu lassen und sich dann auf die alten Tage zurückzulehnen. Die vier haben den Einbruch während der Osterfeiertage gestanden und sitzen nun im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh Prison.

Vier weitere Männer sind angeklagt, der Gruppe mutmaßlich geholfen zu haben, doch bis zuletzt stritten sie jegliche Beteiligung ab. Sie wirken vielmehr mitunter unbekümmert bis heiter, wie sie hinter der Glasscheibe im Gerichtssaal sitzen. An diesem Verhandlungstag erscheinen William Lincoln und Carl Wood. Jon Harbinson, 42, lässt sich entschuldigen, er musste noch zum Arzt. Hugh Doyle, 48, kommt auch nicht. Lincoln, 60 Jahre alt, grauer Pulli und Jeans, Typ untersetzter Engländer mit zwei künstlichen Hüftgelenken und schwacher Blase, popelt in der Nase, während der Staatsanwalt vorliest, was ihm vorgeworfen wird. Der 58-jährige Wood sitzt mit verschränkten Armen daneben, die Lesebrille baumelt ihm um den Hals. Die Männer wirken entspannt. Ihre Verteidigungsstrategie ist so klar wie einfach: Wir haben mit all dem nichts zu tun. So geht das seit Wochen.

Mit You-Tube zum Verbrecher

Dagegen gab es Einblicke in die Vorbereitung der Truppe um Brian Reader, die sich bereits schuldig bekannt hat. Als die Polizei etwa Brian Readers Haus in der Grafschaft Kent durchsuchte, stieß sie auf ein Buch über die Diamanten-Unterwelt, ein Messgerät zur Überprüfung der wertvollen Steine und Magazine über Diamanten. Die Ermittler fanden heraus, dass einer der Angeklagten im Internet nach speziellen Bohrern recherchiert hatte. Mithilfe von Youtube-Videos brachte er sich bei, wie die Maschinen funktionieren und welche Kraft aufgewendet werden muss, um die mit Beton verstärkte Metallwand zu durchbrechen.

So klar der Ablauf des Verbrechens geklärt ist, so ungeklärt bleibt die Frage nach dem Diebesgut. Bis dato ist nur etwa ein Drittel der Juwelen sichergestellt, verschwunden bleiben zahlreiche kostbare Steine, Gold und Platin. Danny Jones hatte einen Teil des Schmucks auf einem Friedhof verscharrt. Doch wo ist der Rest? Eine Antwort haben darauf auch die geständigen Rentner nicht. Dafür bereuen die Einbrecher offenbar etwas anderes ganz besonders, wie vor Gericht bekannt wurde: Die Herren vergaßen, ein Selfie vor dem Tresor zu machen – zur Erinnerung.

Katrin Pribyl

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