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Was wir bisher über Köln und Hamburg wissen

Übergriffe auf Frauen Was wir bisher über Köln und Hamburg wissen

Die Täter verschwinden in der Silvesternacht in der Menschenmasse, die Polizei erweckt einen machtlosen Eindruck: Nach den massiven Übergriffen auf Dutzende Frauen in Köln und Hamburg sind viele Fragen unbeantwortet.

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In Köln und Hamburg ermittelt die Polizei wegen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht. Über die Täter ist bisher wenig bekannt.

Quelle: Angelika Warmuth/Oliver Berg/dpa

Was ist in der Silvesternacht in Köln und Hamburg geschehen?

In beiden Städten sollen Männer zahlreiche Frauen sexuell belästigt und ausgeraubt haben. Dafür hätten sich die Täter zu Gruppen zusammengeschlossen und ihre Opfer umzingelt, berichtete die Polizei. Die Täter hätten die Frauen dann angefasst und ihnen Handys, Papiere sowie Geld weggenommen. In Köln soll eine Frau auch vergewaltigt worden sein. Die genauen Umständen blieben zunächst ungeklärt.

Was berichten Augenzeugen?

  • "Ich hatte das Gefühl, die Polizei und die Sicherheitsleute der Bahn waren nicht nur überfordert, sondern hatten auch Angst, die Lage könnte eskalieren", sagte eine Frau dem ""Kölner Stadt-Anzeiger". Sie soll mit ihrer Freundin in der Umgebung des Doms gleich mehrfach von vier bis sechs jungen Männern umkreist worden sein.
  • "Ich wollte mit meiner Freundin eigentlich nur kurz durch den Bahnhof gehen, um im Brauhaus auf der anderen Seite ein Bier zu trinken. Aber schon, als wir auf dem Bahnhofs-Vorplatz ankamen, habe ich plötzlich nur noch Männer gesehen. Es waren Hunderte. Und sie haben uns behandelt wie Freiwild", erzählte eine 50-Jährige dem Magazin "Emma".
  •  "Die Stimmung war aggressiv. Plötzlich wurde ich von hinten – ohne dass mein Freund es sah – von mehreren Männern angegrabscht. Ich kann sagen, dass es mehrere waren, da zeitgleich Hände an meinen Brüsten und an meinem Po waren", berichtete eine 40-Jährige dem WDR.

Zu verifizieren sind die Aussagen derzeit nicht, in vielen Fällen ermittelt die Polizei.

Was ist über die Täter bekannt?

Bisher erstaunlich wenig. In Hamburg und Köln haben Zeugen und Opfer von Männern berichtet, die "dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum" stammen, wie die Polizei berichtet. Die meisten Täter sollen zwischen 15 und 35 Jahre alt gewesen sein. Aber: "Wir haben noch keine konkreten Täterhinweise", sagte Heidemarie Wiehler von der Direktion Kriminalität in Köln. "Es gibt keinen Hinweis, dass es sich hier um Menschen handelt, die hier in Köln Unterkunft als Flüchtlinge bezogen haben", betonte Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker.

Wie viele Frauen wurden angegriffen?

Seit dem Neujahrstag melden sich immer mehr Frauen. Bis Dienstagmittag gingen bei der Polizei in Köln 90 Anzeigen ein, später stieg die Zahl auf mehr als 100. Etwa drei Viertel der Anzeigen wiesen eine sexuelle Komponente auf, sagte ein Sprecher der Polizei am Mittwoch. In Hamburg ist das Ausmaß der Vorfälle geringer: Dort wurden bis Dienstagabend 27 Anzeigen gezählt.

Hatten sich die Männer vorab verabredet?

Die Polizei gibt auf diese Frage keine konkrete Antwort. Wenn aber so viele Taten nach einem so ähnlichem Muster verübt würden, liege die Vermutung nahe, dass die Täter in irgendeiner Form miteinander verbunden seien, sagte ein Polizeisprecher lediglich.

Wie war die Polizei aufgestellt?

Die Bundespolizei ist für den Bahnhof zuständig, sie war mit 70 Kräften vor Ort, wie Wolfgang Wurm erklärte – er ist der Präsident der Bundespolizeidirektion Sankt Augustin. Die Kölner Polizei hatte am Hauptbahnhof und am Dom rund 140 Beamte im Einsatz. Einige davon wurden aus anderen Teilen der Innenstadt zum Bahnhof geschickt, als dort die Lage eskalierte. "Für den Einsatz, den wir voraussehen konnten, waren wir sehr gut aufgestellt", sagte Wurm. Wie sich der Einsatz dann tatsächlich entwickelt habe, sei eine "völlig neue Erfahrung" und "für uns nicht absehbar" gewesen: "Dafür hätten wir sicherlich ein wenig mehr Kräfte benötigt."

Wie konnte es trotz Polizeipräsenz zu so vielen Straftaten kommen?

Von den sexuellen Übergriffen und Diebstählen habe die Polizei größtenteils im Laufe der Silvesternacht durch die wachsende Zahl von Anzeigen erfahren, sagte Wurm. Die Taten selbst hätten die anwesenden Polizeibeamten nicht beobachtet, weil diese sich in einer riesigen und unübersichtlichen Menschenmenge abgespielt hätten. Festnahmen habe es keine gegeben, weil Zeugen und Opfer die Täter im Getümmel nicht wiedererkannt hätten.

Hat die Polizei Fehler gemacht?

Bundesinnenminister Thomas de Maizière kritisierte die Kölner Polizei für ihr Einsatzverhalten in der Silvesternacht. "Da wird der Platz geräumt – und später finden diese Ereignisse statt, und man wartet auf Anzeigen. So kann die Polizei nicht arbeiten", sagte der CDU-Politiker am Dienstagabend in den ARD-"Tagesthemen". Die Kölner Polizei wies die Kritik am Einsatz zurück. "Wir waren nicht überfordert", sagte Polizeipräsident Wolfgang Albers. Der volle Umfang – insbesondere der sexuellen Übergriffe – sei allerdings erst am nächsten Tag klar geworden.

Warum reagierte die Polizei nicht schneller?

Das Ausmaß der Gewalt soll erst im Laufe der Silvesternacht und in den Folgetagen deutlich geworden sein. Am Neujahrstag berichtete die Polizei zunächst, dass die Menschen in Köln "weitgehend friedlich" gefeiert hätten. Sie habe zwar den Bahnhofsvorplatz räumen müssen, weil unter den 1000 Feiernden wegen des Feuerwerks eine Massenpanik möglich gewesen wäre. Trotzdem sei "die Einsatzlage entspannt" gewesen.

Im Laufe des Neujahrstages hätten sich dann die ersten Frauen gemeldet, wie die Polizei später berichtete. Sie informierte die Öffentlichkeit am 2. Januar darüber, dass "Frauen Opfer von Übergriffen geworden sind". Zu diesem Zeitpunkt lagen den Ermittlern Anzeigen von knapp 30 Betroffenen vor. Als Kölns Polizeipräsident Wolfgang Albers am Montag vor die Presse ging, war diese Zahl bereits auf 60 gestiegen.

Was will die Polizei künftig anders machen?

Vor allem im Hinblick auf den bevorstehenden Karneval kündigt die Polizei an, die Einsatzkräfte bei Großveranstaltungen weiter aufzustocken, auch mit Zivilbeamten. Zudem sollen verstärkt mobile Videokameras eingesetzt werden, die Menschenmengen von oben beobachten können. Auch will die Kölner Polizei Menschen, die in der Vergangenheit beispielsweise mit Taschendiebstählen aufgefallen sind, den Zutritt zu bestimmten Bereichen verbieten.

Wie reagiert die Stadt Köln?

Die Zeit für vorbeugende Maßnahmen und überarbeitete Sicherheitskonzepte drängt. Schon Anfang Februar werden zu Weiberfastnacht und Rosenmontag mehrere hunderttausend Besucher erwartet. Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker sieht in erster Linie die Polizei und die Bundespolizei in der Pflicht, solche "ungeheuerlichen Vorfälle" künftig zu verhindern. Die Stadt will Frauen außerdem helfen, indem sie ihnen Verhaltenstipps gibt. Reker empfahl zum Beispiel, dass Frauen zu fremden Menschen, denen sie nicht vertrauen, mindestens eine Armlänge Abstand halten sollten. Dafür wird sie kritisiert.

Handelt es sich um ein neues Phänomen?

Kölns Polizeipräsident Wolfgang Albers sprach von "Straftaten einer völlig neuen Dimension". Auch in Hamburg kannte die Polizei ein solches Vorgehen bisher nicht. "Dieses Phänomen so komprimiert haben wir noch nie festgestellt", sagte Polizeisprecher Holger Vehren. Zwar sei es schon vorgekommen, dass Menschen von Dieben "angetanzt" und bestohlen worden seien. Aber das seien Einzelfälle und davon seien auch Männer betroffen gewesen. "In diesem Fall sind alle Opfer Frauen, auch das ist besonders", sagte der Vehren. Nach Silvesterfeiern in früheren Jahren oder anderen Großereignissen wie dem Alstervergnügen seien keine Übergriffe nach dieser Methode bekannt geworden.

Sind aus anderen Städten ähnliche Vorfälle bekannt?

Bisher nicht. In Stuttgart sollen aber etwa 15 Männer in der Silvesternacht zwei 18-jährige Frauen ausgeraubt haben. Dabei sollen sie ihre Opfer eingekreist und auch sexuell bedrängt haben, berichten die "Stuttgarter Nachrichten". Es habe sich aber um einen Einzelfall gehandelt.

In der Silvesternacht soll es auch in einer Bielefelder Diskothek Übergriffe auf junge Frauen gegeben haben. Nach Angaben der " Neuen Westfälischen" wurden mehrere junge Frauen belästigt und bestohlen. Sie seien von einigen Männern festgehalten, geküsst und "angetanzt" worden. Demnach sollen die Täter aus einer Gruppe von etwa 150 Menschen stammen, die vor allem aus dem nordafrikanischen Raum kamen, sagte ein Polizeisprecher. "Aber es gibt keine Hinweise oder Anzeigen, die auf Sexualstraftaten hindeuten", betont er.

dpa/wer

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Analyse

In Deutschland wird heftig über die Übergriffe in der Kölner Silvesternacht diskutiert. Niemand sollte versuchen, hier etwas schönzureden. Kriminalität von Ausländern lässt sich durch den Verweis auf Kriminalität von Inländern nicht relativieren; man muss beides beim Namen nennen und beides konsequent bekämpfen. Eine Analyse von Matthias Koch.

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