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Keine roten Rosen zum Valentinstag?

Dorniges Geschäft Keine roten Rosen zum Valentinstag?

Zum Valentinstag verschenken wir Grünes für die Vase – doch können wir das angesichts schlechter Pflückerlöhne und wachsender Umweltprobleme überhaupt noch guten Gewissens tun? Buchautorin Silke Peters über ein dorniges Geschäft.

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Quelle: Stefan Sauer/dpa

Silke Peters (45) ist Expertin für nachhaltiges Wirtschaften und fairen Handel sowie ehemalige Geschäftsführerin eines Flower-Label-Programms. Für ihr Buch "Blühende Geschäfte" (oekom Verlag, 14,95 Euro) ist sie um die halbe Welt gereist, um sich die Produktionsbedingungen vor Ort anzuschauen.

Frau Peters, warum lieben wir Blumen eigentlich so?
Sie sind Teil unserer Kulturgeschichte. Schon die alten Ägypter haben Blumenschmuck auf ihre Gräber getan. Blumen gehören einfach zu uns. Ein Strich, ein Kreis, zwei Blätter – selbst in dieser vereinfachten Form auf dem Papier erkennt jeder sofort, worum es sich handelt.

Die mit Abstand beliebteste Blume in Deutschland ist die Rose. Was macht sie so einzigartig?
Die rote Rose steht symbolisch für die Liebe, weil sie eine der ausdrucksstärksten Blumen ist. Die Symbolik kommt aus dem 18. Jahrhundert, wo sich die Menschen noch viel häufiger etwas durch die sprichwörtliche Blume gesagt haben. Man konnte seinerzeit ja nicht alles offen kommunizieren, gerade wenn es um Liebesdinge ging. Deshalb waren viele Lexika im Umlauf, die sich mit der Bedeutung verschiedener Blumen und ihrer Farben befasst haben. 

Das klingt romantisch. Ganz so romantisch geht es bei den großen Rosenzüchtern heutzutage aber nicht zu.
Das ist in der Tat nicht der Fall, gerade bei Rosen. Viele kommen aus Afrika oder Lateinamerika. Doch Länder wie Kenia, Uganda, Äthiopien oder Ecuador haben eben andere Sozialgefüge als wir. Es gibt Probleme mit Arbeitsrechten, viele Pflücker haben zum Beispiel keinen Arbeitsvertrag. Dann gibt es aber auch Umweltprobleme, weil bei den riesigen Monokulturen große Mengen von Pflanzenschutzmitteln eingesetzt werden. Das verseucht die Böden, setzt aber auch den Arbeitern zu, weil diese häufig nicht mit der nötigen Schutzkleidung ausgestattet sind und auch nicht über die Risiken aufgeklärt werden.

Und wie sieht es mit der Bezahlung aus?
Der Lohn ist extrem niedrig. Das liegt vor allem an dem sehr großen Preisdruck in den Abnahmeländern, gerade bei Massenproduktionen wie jetzt zum Valentins- oder auch zum Muttertag. In vielen Ländern ist auch schon der Mindestlohn so gering, dass selbst, wenn danach gezahlt wird, das Geld am Monatsende nicht reicht. Da verdient dann etwa eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern, und es arbeiten sehr viele auf sich allein gestellte Frauen in der Branche, im Monat 35 bis 40 Euro. Das haut dann einfach nicht hin. 

Sollten wir also besser auf den Strauß zum Valentinstag verzichten?
Nein, ein Boykott bringt keinem etwas, schon gar nicht den Frauen auf den Blumenfarmen. Die würden dann ihren Job verlieren. Die Stoßrichtung sollte eher sein, die Bedingungen vor Ort zu verbessern. Außerdem fände ich die Vorstellung, auf Blumen verzichten zu müssen, sehr schlimm. Denn obwohl sie ja eigentlich keinen praktischen Nutzen für uns haben, sollten wir doch gerade in unserer so extrem funktionalisierten Gesellschaft nicht auch noch den Sinn für das Schöne verlieren. 

Was können wir dann ändern?
Wir sollten die Blume wieder wertschätzen: Wir haben es mit handgepflückten, natürlich gewachsenen Produkten zu tun, die um die halbe Welt gereist sind. Käufer sollten sich deshalb mit der Frage auseinandersetzen, wie es sein kann, dass ein Strauß mit zehn Blumen im Supermarkt 1,99 Euro kostet.

Was wäre denn ein fairer Preis?
Das ist schwer pauschal zu beantworten, weil er von vielen Faktoren abhängt. Die Preise bei uns reichen sicher nicht aus, um den Arbeitern vor Ort gerechte Löhne zu zahlen und zu verhindern, dass giftige Chemikalien eingesetzt werden. Grundsätzlich ist es wie bei Fleisch und Textilien: Alles was wir hier supergünstig einkaufen, geht irgendwo zu Lasten anderer oder der Umwelt.

Wo sollen wir denn unsere Blumen am besten einkaufen?
Ich rate immer zum Fachhandel, weil man das Thema dort auch anders diskutieren kann. Denn ich glaube schon, dass wir als Abnehmer auch Themen im Handel setzen können. Einen Floristen interessiert es sicher mehr als eine Supermarktverkäuferin, wenn wir nachfragen, woher die Blumen kommen. Und auch wenn Supermärkte jetzt verstärkt Fair-Trade-Produkte anbieten, ist das zwar einerseits löblich, andererseits können aber auch diese Pflanzen nur aus Massenproduktionen von multinationalen Konzernen kommen. Folglich kann es auch hier nur um Gewinnmaximierung gehen und nicht um Nachhaltigkeit.

Sie sprechen das Fair-Trade-Siegel an. Seit einigen Jahren verspricht es dem Käufer, dass das Produkt unter fairen Bedingungen zu fairen Preisen hergestellt wurde. Aber so ganz scheinen Sie ja daran nicht zu glauben.
Ich würde jetzt nicht sagen, dass es nichts nützt, weil das Siegel die wichtigen Themen in den Fokus rückt. Aber wenn Fair-Trade-Blumen trotzdem zu billig angeboten werden, können die Preise nicht den realen Produktionskosten entsprechen. Damit erzeugt das Siegel bei den Kunden den Eindruck, man könne zum Diskountpreis guten Gewissens fair gehandelte Blumen kaufen. Es ist mir zu einfach, wenn man sagt: Achtet auf das Fair-Trade-Siegel und alles wird gut. Trotzdem sind fair gehandelte Blumen konventionellen Produkten erstmal vorzuziehen.

Können wir das System mit unserem Kaufverhalten überhaupt ändern?
Nein, das glaube ich nicht. Wir können ein gewisses Klima erzeugen, die wirklichen Veränderungen finden aber auf politischer Ebene statt, wo Gesetze und Rahmenbedingungen geschaffen werden. Hierzulande können wir die Politiker wählen, in manchen Produktionsländern ist es mit der Demokratie ja leider etwas schwieriger.

Bei Obst und Gemüse geht der Trend zu saisonalen Produkten regionaler Erzeugung. Wie sieht das bei Blumen aus?
Wenn Spitzenzeiten wie der Valentinstag im Februar liegen, ist das natürlich ungünstig. Andererseits gibt es auch jetzt schon blühende Zweige, die man in die Sträuße integrieren kann. Auch solche Dinge kann man beim Floristen besser nachfragen als im Supermarkt. Andererseits hilft es der Pflückerin in Afrika natürlich nicht. Ich finde es im Prinzip auch gar nicht schlecht, dass viele unserer Blumen von weither kommen. Wenn sie vor Ort unter den richtigen Bedingungen produziert werden, ist es eine sehr gute Wirtschaftskraft, die in eher armen Ländern auch zu positiven Veränderungen führen kann.

In einigen deutschen Geschäften gibt es mittlerweile auch Bioblumen. Was ist davon zu halten?
Es gibt Unternehmen, die verstärkt auf Bioland-zertifizierte Blumen setzen. Aber die sind momentan noch relativ schwer zu bekommen, vor allem in konventionellen Märkten. Wenn, dann findet man sie in Bioläden. Trotzdem ist es noch eine sehr kleine Nische. Ganz interessant ist aber, dass biologisch produzierte Schnittblumen sehr viel haltbarer sind. Das liegt daran, dass sie sich gegen Schädlinge und Umweltgifte viel stärker behaupten müssen und dadurch kräftigere Stämme entwickeln. Es gibt also viel, was für die Bioblumenproduktion spricht, aber sie ist eben sehr saisonal und auf den Sommer angelegt.

Und woher kommen die Blumen, die wir jetzt im Winter kaufen können?
Im Februar können die Verbraucher davon ausgehen, dass mindestens jede zweite Schnittblume aus Afrika oder Lateinamerika kommt – selbst wenn sie angeblich aus Holland stammen soll. Das bedeutet häufig aber nur, dass die Ware in die Niederlande eingeflogen worden ist.
Sie beschäftigen sich viel mit dem Thema Blumen und der Problematik des Handels.

Verschenken Sie persönlich trotzdem auch mal einen Strauß zum Valentinstag?
(lacht) Nein, aber das hat nichts mit dem Thema zu tun, sondern vielmehr mit dem Valentinstag an sich. Da macht man mit, oder eben nicht. Mein Sohn schenkt seiner Freundin immer eine Rose – eine, die natürlich etwas teurer sein darf. Dafür wird sie aber sicher auch besonders schön sein.

Die beliebtesten Blumen der Deutschen

Die Rose ist mit Abstand die beliebteste Schnittblume der Deutschen – in einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach nannten 42 Prozent der Befragten die Rose als Lieblingsblume. Weil sie konstant sehr viel Licht braucht, wird die Rose für den Handel vor allem in Ländern nahe dem Äquator wie Kenia, Äthiopien oder Ecuador produziert. Ein Großteil kommt über die Niederlande zu uns. Insgesamt importieren wir laut Statistischem Bundesamt jährlich 1,2 Milliarden Rosen – das sind rund 15 pro Kopf.
Die Sonnenblume (7 Prozent, Platz 2) gilt als Friedenssymbol und steht für Naturnähe. Für den Valentinstag hat die Pflanze allerdings wenig Bedeutung. „Die Sonnenblume ist eine typische Sommerblume, sie braucht Sonne und Wärme“, sagt Kurt Hornstein, Vorsitzender des Ausschusses Wirtschaft und Handel des Fachverbands Deutscher Floristen. Angebaut wird sie auf riesigen Feldern. Viele davon werden in Deutschland bewirtschaftet.
Die Orchidee (6 Prozent, Platz 3) ist so vielfältig wie kaum eine andere Blume. Weltweit gibt es etwa 1000 Gattungen mit bis zu 30 000 von Botanikern anerkannten Arten. Sie liebt es warm und feucht und wächst deshalb problemlos in Gewächshäusern. „Viele Orchideen kommen von niederländischen Züchtern zu uns“, sagt Hornstein. Sie stehen vor allem in den Herbst- und Wintermonaten hoch im Kurs. Die Orchidee steht für Schönheit und Anmut.
Nelken (6 Prozent, Platz 4) standen in Westdeutschland nicht sonderlich hoch im Kurs. Schließlich galt die rote Landnelke als Symbol des Sozialismus, in der DDR war sie Erkennungszeichen zu feierlichen Anlässen. Jenseits der Politik symbolisiert sie seit jeher Liebe und Leidenschaft. Weiße Nelken stehen für Ehe und Treue, gelbe stehen für Abneigung. Die Nelke wächst auf europäischen Plantagen, wird aber auch in südlichen Ländern angebaut.
Woher die Tulpen (5 Prozent, Platz 5) kommen, wissen wir dank Schlagersängerin Mieke Telkamp – aus Amsterdam! Tatsächlich sind die Niederlande der mit Abstand größte Tulpenproduzent weltweit, bestätigt Hornstein. Im Handel sind die Blumen vor allem im Frühjahr erhältlich. Sie steht für Liebe und Zuneigung. Dabei gilt: Je dunkler die Farbe, desto stärker die Gefühle.

Interview: Stephan Fuhrer

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