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Seit 30 Jahren unschuldig im Gefängnis?

Deutscher Diplomatensohn Jens Söring Seit 30 Jahren unschuldig im Gefängnis?

Seit 30 Jahren sitzt ein deutscher Diplomatensohn für einen brutalen Doppelmord im US-Gefängnis – für ein Verebrechen, dass er möglicherweise nie begangen hat. Neue Hinweise entlasten den mutmaßlichen Mörder. 

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Der deutsche Diplomatensohn Jens Söring sitzt möglicherweise seit 30 Jahren unschuldig im Gefängnis.

Quelle: dpa

Buckingham. Jens Söring soll hinter Gittern sterben. Geht es nach dem Willen der US-Justiz, verlässt der deutsche Diplomatensohn das Gefängnis in Buckingham im Bundesstaat Virginia nicht mehr lebend. Vor 30 Jahren wurde der heute 50-Jährige wegen eines ungemein brutalen Doppelmordes zu "zweimal lebenslänglich" verurteilt. Nun aber steht der Fall vor einer spektakulären Wendung: Sörings Anwälte bitten nicht länger um Gnade – sie fordern Freispruch.

Söring zählt zu den bekanntesten Häftlingen Amerikas. Das Verbrechen, der Prozess und die anhaltenden Zweifel an der Urteilsfindung beschäftigten Heerscharen an Juristen, Politikern und Berichterstattern. Ein Drama, das mit einer leidenschaftlichen Liebesgeschichte Ende 1984 begann: Zu Beginn seines Studiums in Virginia verliebt sich der damals 18-jährige Hochbegabtenstipendiat in die zwei Jahre ältere Kommilitonin Elizabeth Haysom.

Eltern brutal ermordet

Als ihre Eltern am 30. März 1985 in Bedfort County brutal ermordet und verstümmelt werden, gerät die Tochter in Verdacht. Das junge Pärchen flüchtet und wird nach einer wilden Odyssee quer durch Asien und Europa in Großbritannien gefasst. Beide zeigen sich geständig – und Söring gibt später an, das Geständnis nur abgelegt zu haben, um seine Freundin vor dem elektrischen Stuhl zu retten. Er sei nicht am Tatort gewesen – und tatsächlich fanden sich von ihm dort auch keinerlei Spuren, obwohl sich die beiden Opfer offenbar nach Kräften gewehrt hatten. Verurteilt werden schließlich beide Verdächtige, und seit 1986 sitzen sie in Gefängnissen, die nur 60 Kilometer voneinander entfernt liegen.

Fest steht: Diverse Kriminologen warfen Polizei und Justiz in den vergangenen Jahrzehnten vor, im Fall Söring ungemein schlampig vorgegangen zu sein. Bis auf das kurzzeitige Geständnis habe es immer an entsprechenden Beweisen gefehlt.

Gutachten sorgt für Aufsehen

Sörings Anwalt Steven Rosenfield aus Charlottesville präsentiert nun ein aufsehenerregendes Gutachten vom gerichtsmedizinischen Institut von Virginia: Demnach stammen die Blutproben vom Tatort weder von den Opfern noch von Söring.

Und gerade erst im Juli war der renommierte Kriminologe Andrew Griffiths von der britischen Universität Portsmouth nach einer fünfmonatigen Untersuchung zu dem Ergebnis gelangt, dass das damalige Geständnis „unzuverlässig“ gewesen sei, da unter anderem die Angaben zu dem Tatort widersprüchlich gewesen seien. So manches spreche dafür, dass ein anderer, bisher unbekannter Mann gemeinsam mit der Tochter – offenbar im Drogen- und Alkoholrausch – das Verbrechen begangen habe.

"Jens Söring muss freigelassen werden"

Nachgefragt bei Christoph Strässer, SPD-Bundestagsabgeordneter und Menschenrechtler.

Im Fall Söring sind neue, entlastende Spuren aufgetaucht. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Im Grunde ist das nur eine Fortsetzung der bisherigen Entwicklung. Zweifel an der Schuld von Jens Söring gab es immer. Nun sind gleich zwei Dinge aufgetaucht, die diese Zweifel eindrücklich unterstreichen. Erstens: die Analyse der DNA, die unzweideutig sagt, dass die Blutspuren am Tatort nicht von Jens Söring stammen. Zweitens: Viele haben sich stets nur auf das Geständnis berufen. Doch das ist nach Analyse des Kriminologen nicht richtig. Ich habe immer an seine Unschuld geglaubt. In einem funktionierenden Rechtssystem müsste es jetzt mindestens eine Wiederaufnahme des Verfahrens geben. Die Beweise sprechen aber so eine deutliche Sprache, dass er auf freien Fuß gesetzt werden muss. Immer hieß es, ein Antrag auf Freilassung käme zur falschen Zeit. Das hilft Jens Söring nicht. Es gibt keinen besseren Zeitpunkt mehr.

Wie haben Sie Jens Söring erlebt?

Als ich ihn besucht habe, sagte er, seine Inhaftierung sei wie ein Sterben auf Raten. Das Gespräch war beeindruckend. Ich habe mit einem gebrochenen und verzweifelten Mann gerechnet, der die ganze Welt anklagt. Genau das Gegenteil war der Fall. Jens Söring ist intellektuell und körperlich fit. Er war stets der Überzeugung, die Tat nicht begangen zu haben und deswegen irgendwann freizukommen.

Sie engagieren sich seit vielen Jahren in diesem Fall. Welche Schlüsse ziehen Sie für sich persönlich aus dem bisherigen Verlauf? Fürchten Sie, dass Söring in den Wahlkampfmühlen zermahlen werden könnte?

In dem System, das ich in Virgina kennengelernt habe, spielt Vergeltung sowohl bei den Angehörigen der Opfer als auch bei der Politik eine große Rolle. Die Politik ist offensichtlich nicht bereit, dem Wunsch nach Vergeltung aus dem Umfeld der Familie zu begegnen und zu entscheiden, dass es falsch war, was damals gegen Söring geurteilt wurde – inklusive aller Konsequenzen. In diesem System steht der Sühnegedanke im Vordergrund. Doch das ist 30 Jahre nach einem Fehlurteil nicht gerechtfertigt. Ich weiß natürlich auch, wie emotionalisiert die Stimmung im Wahlkampf ist. Dennoch kann es keine andere Entscheidung geben und Jens Söring muss aus dem Gefängnis freigelassen werden.

Interview: Carsten Bergmann, RND

Söring in den Mühlen der Politik gefangen

Die Frage, wie der Doppelmord zu ahnden ist, beschäftigte von Beginn an aber nicht allein die Justiz. Der Prozess zählte zu den ersten Fällen, die im Fernsehen übertragen wurden und landesweite Beachtung fanden. Und die unzähligen Gnadengesuche und Bitten, den Gefangenen nach Deutschland zu überstellen, die Sörings Anwälte und diverse Mitglieder des Bundestages vorbrachten, hängen längst in den Mühlen der US-Politik: So stimmte der damalige Gouverneur Timothy Kaine 2010 – am letzten Tag seiner Amtszeit – dem Antrag zu, Söring in seine alte Heimat zu überstellen.

Doch der spätere republikanische Gouverneur Robert McDonnell zog die Entscheidung umgehend zurück. Und als Kaine für den US-Senat kandidierte, geriet der Fall einmal mehr in die Schlagzeilen: Mehrere Republikaner warfen dem Kandidaten der Demokratischen Partei eine zu nachgiebige Haltung gegenüber einem „brutalen Killer“ vor. Damit nicht genug: Da Hillary Clinton den früheren Gouverneur Kaine kürzlich zum Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten benannte, könnte der Fall Söring den Republikanern sogar a ls Munition im Präsidentschaftswahlkampf dienen.

Die Sorge im Umfeld der Söring-Unterstützer: Terry McAuliffe, heutiger Gouverneur und Mitglied der Demokratischen Partei, könnte das erneute Aufrollen des Prozesses in die Länge ziehen oder gar vollständig verhindern, um Kaine im gegenwärtigen Wahlkampf nicht zu gefährden.

Von Stefan Koch, RNO

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