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So geht es Natascha Kampusch heute

Interview So geht es Natascha Kampusch heute

Vor zehn Jahren gelang Natascha Kampusch die Flucht aus ihrem Gefängnis – einem Kellerloch in Wien. Jetzt hat sie ihr zweites Buch geschrieben und erzählt, wie es ihr heute geht.

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Vor zehn Jahren floh Natascha Kampusch aus einem Kellerverlies in Wien.

Quelle: Peter Trykar/dpa

Hannover. Im August jährt sich Ihre Flucht sowie der Sterbetag Ihres Entführers zum zehnten Mal. Was löst dieser Tag bei Ihnen aus?

Ich denke selten daran, weil ich einfach das Gefühl habe, dass das zu nichts führt. Die Person ist tot. Die äußeren Umstände, die damals herrschten, sind nicht mehr. Ich brauche das also für mein aktuelles Leben nicht. Es war im Prinzip ein sehr unangenehmer Tag. Also die Selbstbefreiung war schön, aber es war nicht schön, dann bei der Polizei zu sitzen und Rede und Antwort stehen zu müssen.

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Sie sind Jahre nach Ihrer Befreiung noch immer eine Person, für die sich die Öffentlichkeit interessiert. Wie würden Sie selbst gerne wahrgenommen werden?

Das weiß ich nicht, weil ich mich selbst noch gar nicht ganz gefunden habe. Ich bin noch keine spezielle Person, deshalb kann ich auch nicht sagen, wie ich gerne wahrgenommen werden würde.

Sie schreiben in Ihrem neuen Buch ("Natascha Kampusch: Zehn Jahre Freiheit"), dass Ihnen viele Menschen mit Hass begegnen. Warum ist das so?

Vielleicht hat es etwas mit meiner Herkunft zu tun. Dass Menschen denken, mir steht es nicht zu, dass ich mich selbstbewusst nach außen trage. Weil sie selbst wahrscheinlich Probleme haben.

Es scheint, als würden manche Menschen lieber Fehler bei Ihnen suchen, als darüber nachzudenken, was Ihnen angetan wurde.

Das sehe ich auch so. Viele denken, wenn jemand Opfer eines Verbrechens wurde, war er in einem Sumpf und dieser Sumpf muss auch auf das Opfer abgefärbt haben.

Haben Sie nie darüber nachgedacht, aus Wien wegzuziehen?

Nein, weil ich es hier so spannend finde. Ich mag außerdem das Leitungswasser so gerne.

Hadern Sie mit ihrem Schicksal?

Nein, ich hadere nur manches Mal mit dieser Rücksichtslosigkeit von anderen Menschen. Jeder, dem nur ein Stückerl vom Absatz abgebrochen ist, kriegt gleich Mitleid. „Marion, bei deiner Jacke, da fehlt ein Knopf. Können wir dir irgendwie helfen?“ Und mir fehlt ja wohl mehr als ein Knopf. Und die Leute sind so gemein und sagen: „Ach, hilf dir doch selbst.“

Was wäre Ihr Traumjob?

Künstlerin beziehungsweise Autorin.

Wie gehen Sie mit dem Wissen um, dass Sie bei perfekter Arbeit der Behörden schon nach wenigen Wochen hätten befreit sein können?

Komischerweise überkommt mich dann immer eine Milde, auch wenn es nicht gut für mein Auftreten nach außen ist. Ich denke mir: „Die Armen, die haben alle vermutlich Probleme.

Der Fall Kampusch – eine Chronologie

2. März 1998: Die zehn Jahre alte Natascha Kampusch verschwindet auf dem Weg in die Volksschule in Wien. Ihre Eltern alarmieren am Abend die Polizei.

3. März 1998: Eine Schülerin erzählt der Polizei, dass sie beobachtet hat, dass Kampusch in einen weißen Bus gezerrt worden ist.

6. April 1998: Wolfgang Priklopil wird in Strasshof in Niederösterreich von Ermittlern aufgesucht. Er besitzt einen weißen Lieferwagen.

23. August 2006: Aus ihrem Verlies in der Nähe von Wien kann sich Kampusch selbst befreien. Ihr 44 Jahre alter Entführer wirft sich kurz danach vor eine S-Bahn in der Nähe des Wiener Praters und stirbt.

Februar 2008: Österreichs Innenminister setzt eine Evaluierungskommission ein, die den Fall untersuchen soll.

23. Oktober 2008: Der Fall Kampusch wird neu aufgerollt.

8. Januar 2010: Die Akte wird wieder geschlossen: Polizei und Staatsanwaltschaft sind überzeugt, dass Priklopil keine Komplizen oder Mitwisser hatte. Ein Freund des Entführers wird aber wegen Begünstigung angeklagt. Er soll nach Kampuschs Entkommen Priklopil bei der Flucht geholfen haben.

28. Februar 2013: Die Verfilmung von Kampuschs Schicksal anhand ihrer Biografie namens „3096 Tage“ kommt in die deutschen Kinos.

April 2013: Ein Expertenteam bestätigt, dass Priklopil „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ keine Mithelfer hatte.

März 2016: Es wird bekannt, dass Priklopil sein Opfer gefilmt hatte. Die Ermittler stufen das mehrstündige Videomaterial als nicht relevant ein.

Juni 2016: Kampusch verliert eine einstweilige Verfügung gegen das Buch „Der Entführungsfall Natascha Kampusch – Die ganze beschämende Wahrheit“.

Sie waren schon als Kind unglücklich mit Ihrer Figur und mussten während der Gefangenschaft mit harten Hungerkuren kämpfen. Welchen Bezug haben Sie heute zu Essen?

Es gibt sehr viele Menschen, die versuchen, über Essen Macht über andere auszuüben. Davon musste ich mich befreien. Sowohl der Entzug als auch das Geben ist Kontrolle über die Selbstbestimmung.

Haben Sie einen Kinderwunsch?

Früher war das ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben. Aber dann habe ich mir gedacht: Das führt einfach für mich zu nichts. Leider. Wenn, dann hätte ich vor dem 25. Lebensjahr daran denken müssen, aber ich lehne das eigentlich im späteren Leben eher ab.

Konnten Sie dem Täter vergeben?

Ja, schon. Weil die Person ja immerhin tot ist. Es gibt auch keinen Zweifel daran, dass er ein krimineller und kein guter Mensch war. Also, vielleicht hatte er gute Seiten, aber er war kein guter Mensch in dem Sinne. So ist es für mich leichter, weil sich das mehr nach Gerechtigkeit anfühlt.

Interview: Sandra Walder, dpa

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