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So unsicher sind die Freizeitparks in den USA

Mehrere Unfälle So unsicher sind die Freizeitparks in den USA

Kinder stürzen aus einem Riesenrad, ein Dreijähriger fällt aus einer Holzachterbahn, ein Zehnjähriger stirbt in einer Wasserrutsche - haben die Vergnügungsparks in den USA ein größeres Problem mit der Sicherheit ihrer Fahrgeschäfte?

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Eine Attraktion in einem Vergnügungspark in den USA. Welche Risiken drohen den Besuchern hier?

Quelle: dpa

Washington. Ein sonnendurchglühter Nachmittag in Hershey Park, einem riesigen Vergnügungsgelände in Pennsylvania. Fröhliche Massen, jede Menge Kinder. Weithin gellen Juchzen und spitze Schreie von steilsten Achterbahnen und hochmodernen Fahrgeschäften. Festgeschnallte Mutige mit lustvoll hochgereckten Armen werden kurz vor dem freien Fall in die Abgründe geschickt, um nach Sekunden "Skyrush" oder "Storm Runner" wieder sicher unten anzukommen. Zumindest fast alle. Denn zuletzt haben sich in den USA Berichte über schwere Unfälle auf Fahrgeschäften beunruhigend gehäuft.

Die Schlitterbahn "Verrückt" in Kansas. Mit 50 Metern die angeblich höchste Wasserrutsche der Welt. Wie Projektile schießen die blauen Schlauchboote durch eine Halbröhre, rasen dann eine Anhöhe hinauf. An deren höchstem Punkt wird der zehn Jahre alte Caleb Schwab aus dem Boot geschleudert, bricht sich auf grauenvolle Weise im Sicherheitsnetz das Genick. "Wir können uns das nicht erklären", sagte Winter Prosapio, Sprecherin der Bahn, und versprach eine eingehende Untersuchung. Möglich, dass der 10-Jährige oder seine Eltern die Vorschriften sowohl für das Mindestalter als auch das Mindestgewicht eines Benutzers der Rutsche unterliefen. Binnen weniger Tage sind mehrere Kinder in US-Vergnügungsparks verunglückt. Nahe Pittsburgh stürzte ein Dreijähriger von einer 78 Jahre alten Achterbahn aus Holz. In Tennessee fielen drei Mädchen wegen eines mechanischen Fehlers von einem Riesenrad, eine der Gondeln klemmte. Sie drehte sich um wie eine sich leerende Tasse.

Ein Hauptproblem: In den überaus vergnügungsfreudigen USA gibt es keine übergeordnete staatliche Stelle, die Standards für ihre Parks kontrollieren könnte. Es gibt auch keine unabhängige Prüforganisation wie in Deutschland den TÜV. Die Sicherheit liegt in regionaler Verantwortung, vor allem aber ist sie Aufgabe der Betreiber selbst. Nach einer 2013er Studie der Organisation "Children's Hospital" sind von 1990 bis 2010 in den USA 92 885 Kinder in Notaufnahmen wegen Verletzungen nach Fahrten mit Achterbahnen oder Ähnlichem behandelt worden. Das sind 4423 Verletzungen pro Jahr, von denen 70 Prozent in den Sommermonaten passieren, etwa 20 pro Tag.

Diese Zahl muss man in Relation setzen zur Gesamtzahl der Besucher. Das sind laut dem Verband der Vergnügungsparks IAAPA in den ständigen Einrichtungen wie Disney oder den Six Flags Parks satte 335 Millionen pro Jahr, dazu kommen 85 Millionen Besucher in den Wasserparks.

Gary Smith ist Autor der Studie von 2013 und sagt "USA-Today", zwar seien die Parks generell sicher - dennoch müsse angesichts der jeden Sommer aufs Neue beunruhigenden Unfallzahlen viel mehr getan werden, um ein übergeordnetes und effektives Sicherheitssystem zu etablieren. Das aber ist nach Lage der Dinge in den in solchen Fragen sehr zur Kleinstaaterei neigenden USA nicht abzusehen.

Die bundesstaatliche US-Kommission für die Sicherheit von Verbraucherprodukten CPCS überwacht wanderende Einrichtungen wie zum Beispiel einen Zirkus. Sie setzt auch Sicherheitsstandards für Vergnügungsparks, aber deren Umsetzung ist freiwillig und unterliegt staatlicher oder lokaler Aufsicht. Das war mal anders: Anfang der 80er Jahre nahm der Kongress in Washington die festen Einrichtungen aus der Obhut der CPSC heraus. Die IAAPA registrierte 2014 die meisten Zwischenfälle bei Fahrten von Erwachsenen und Familien (58 Prozent), gefolgt von Achterbahnen (33 Prozent). Unfälle mit Kindern machen nur 8 Prozent aus.

IAAPA-Sprecher David Mandt legt Wert darauf, dass es ein mehrstufiges Sicherheits- und Kontrollsystem für die Parks gebe: "Wir haben keinen Grund zu glauben, dass ein Bundesprogramm an unseren herausragenden Sicherheitsmaßnahmen etwas ändern würde."

Es sieht so aus, als sei man in diesen Fahrgeschäften ein bisschen in Gottes Hand. Jun Zhuang, Professor für Anlagentechnik an der Universität Buffalo, sagte "USA Today", es sei schlicht unmöglich, zum Beispiel Wasserrutschen auf alle möglichen Kombinationen von Wind und Wetter hin zu testen. "Die neuen schnellsten und größten Rutschen haben immer höhere Geschwindigkeiten und werden immer gefährlicher."

Ken Martin berät Vergnügungsparks hinsichtlich ihrer Sicherheit. Er sagt, um Spaß zu haben, müsse man ja nicht das größte oder schnellste Gerät nutzen. "Außerdem solle man nie seinen gesunden Menschenverstand ausschalten. Am Ende ist auf diesen Geräten jeder der letzte Inspektor." Und wer Professor Zhuang folgt, wird allenfalls noch einem Autoscooter den Vorzug vor Highspeed-Bahnen geben: "Letztenendes ist jeder, der mit so etwas fährt, eine Labormaus. Die Bedingungen sind einfach zu unterschiedlich."

dpa

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