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Nackt und in Handschellen

Stargeiger wegen versuchten Mordes angeklagt Nackt und in Handschellen

Der Leipziger Stargeiger Stefan Arzberger wacht Morgens nackt und mit Handschellen in einem New Yorker Luxushotel auf und kann sich an nichts erinnern – nun ist er wegen versuchten Mordes angeklagt.

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„Ich will selber wissen, was in dieser Nacht geschah“, sagt Arzberger. 

New York. In der prachtvollen „Library of Congress“ sollte das Konzert stattfinden. Der Auftritt des Leipziger Streichquartetts im März war als einer der musikalische Höhepunkte der diesjährigen Kultursaison in Washington gedacht. Doch Stefan Arzberger, einer der renommiertesten Geiger Deutschlands, spielt nun doch nicht vor großem Publikum in den USA. Der Profimusiker wartet unweit des Weißen Hauses auf seinen Prozessbeginn. Die Anklage lautet auf versuchter Mord. Das ist schlimm genug, die Lage wird allerdings noch problematischer, weil der bislang völlig unbescholtene Musiker glaubhaft versichert, keine Ahnung zu haben, was ihm widerfahren ist.

"Es war die Nacht, die mein Leben auf den Kopf stellte"

Alles begann am Donnerstag, 26. März, abends in New York. „Es war die Nacht, die mein Leben auf den Kopf stellte, ohne dass ich weiß, was eigentlich geschah“, sagt Arzberger. Auf ihrer Gastspielreise waren die vier international bekannten Musiker aus Deutschland im Hudson Hotel nahe des Central Parks untergebracht. Nach einem langen Tag mit wenig körperlicher Bewegung hatte sich Arzberger noch einmal auf den Weg gemacht, flanierte durch die Hochhausfluchten von Manhattan und trank in einer Bar ein Glas Bier. Dann verlassen ihn die Erinnerungen. Filmriss.

Arzberger, der laut ärztlicher Untersuchung weder zu übermäßigem Alkoholgenuss noch zu Drogenkonsum neigt, weiß nicht, was dann geschah. Wie kam er zurück ins Hudson Hotel? Wieso saß er am nächsten Morgen nackt und in Handschellen gefesselt in seinem Hotelzimmer im 7. Stock?

Nach bisherigem Ermittlungsstand der Polizei könnte sich in den erinnerungslosen Stunden folgendes ereignet haben: Die polizeibekannte Prostituierte „Melissa“ sprach den hochgewachsenen Mann an. Ob sie ihm heimlich sogenannte Knockout-Tropfen in sein Bier träufelte, als er für eine Zigarettenlänge die Bar verließ und sein Getränk unbeaufsichtigt ließ, lässt sich nicht mehr feststellen. Laut Videoaufzeichnungen des Hotels betrat er gegen 3.30 Uhr gemeinsam mit der Prostituierten das Hotel und ging mit ihr auf sein Zimmer. Die Bilder lassen erahnen, dass Arzberger bereits zu diesem Zeitpunkt in einem angeschlagenen Zustand war. Schon 30 Minuten später verlässt die Frau – die sich später als Transvestit herausstellt – das Zimmer. Unter ihren Arm hat sie Arzbergers iPad geklemmt, in ihrer Jacke hält sie sein Portemonnaie samt Kreditkarten versteckt. Kurz darauf wird sie dabei gefilmt, wie sie mit Arzbergers Kreditkarten Geld an verschiedenen Bankautomaten abheben will. Bis zu diesem Zeitpunkt gleichen die Vorkommnisse all den bedrückenden Diebstahls-Geschichten, von denen New-York-Besucher so oft gewarnt werden.

Doch drei Stunden später verlässt Arzberger völlig unbekleidet sein Zimmer, irrt ziellos über den Hotelflur und pocht gegen unzählige Türen. Wachmann Ricky Greene, der sich im Erdgeschoss aufhält, wird von einem Hotelgast auf den Vorfall aufmerksam gemacht und eilt nach oben.

Kaum war der Wachmann unterwegs, öffnet sich für Arzberger eine Tür. Pamela Robinson hatte das Klopfen gehört und wohl mit einem Zimmermädchen gerechnet. Gegenüber der Polizei beschreibt die 64-Jährige später ihre Schreckensmomente: Der 1,90 Meter große Mann steht plötzlich vor ihr, drückt sie in das Zimmer und würgt sie am Hals. Glücklicherweise eilt ihr der Wachmann zu Hilfe und fordert Arzberger in scharfem Ton auf, seine Hände von der Frau zu lassen. Der Musiker befolgt die Aufforderung und lässt sich ohne Widerstand festnehmen. Kurz darauf setzen seine Erinnerungen wieder ein: Nackt und mit Handschellen gefesselt sitzt er in seinem Hotelzimmer.

Fatalerweise unterlaufen der Polizei kurz darauf mehrere Ermittlungsfehler. Die 64-jährige Robinson reist spontan aus New York ab und lässt sich weder ärztlich untersuchen noch fotografieren. Vor allem aber übersehen es die Beamten, einen Drogentest bei Arzberger in Auftrag zu geben. Seine Urinprobe kippen sie weg und sein Blut wird nur auf Hepatitis und HIV untersucht. Was ihm in der Nacht zum 27. März die Erinnerungen raubte, wird wohl auf immer ein Geheimnis bleiben.

Per Telefon meldet sich der Staatsanwalt eine Woche später bei Robinson und bittet sie, sich mit ihrem Mobiltelefon selbst zu fotografieren, um die körperlichen Spuren der Tat zu dokumentieren. Die bisher eher nachlässigen Ermittlungen stehen allerdings in einem seltsamen Kontrast zur Schwere der Vorwürfe: Versuchter Mord. Arzberger drohen bis zu 20 Jahre Haft und Schadensersatzzahlungen in Höhe von 20 Millionen Dollar.

Erica Shupp, seine New Yorker Agentin, spricht von einer „kafkaesken Geschichte“. Innerhalb weniger Tage organisiert die resolute Dame 100.000 Dollar, damit ihr Künstler auf Kaution das Gefängnis verlassen darf. Ihr ist es nur ein schwacher Trost, dass die Prostituierte mittlerweile festgenommen wurde und hinter Gittern sitzt. Da deren Aussagen unter Verschluss gehalten werden, lässt sich bisher nicht sagen, ob sie Angaben zum möglichen Drogenkonsum des Leipziger Musikers machte.

„Es ist ein Albtraum“

„Ich will selber wissen, was in dieser Nacht geschah“, sagt Arzberger. Auf den ersten Blick gleicht er vielen Touristen in der amerikanischen Hauptstadt – bekleidet mit Jeans und T-Shirt, mit dunkler Sonnenbrille gegen das gleißende Licht der Mittagshitze. Der Musiker sitzt auf der Eingangstreppe eines Hauses in der Macomb Street, in dem er übergangsweise untergekommen ist – die Hilfestellung eines Freundes, für dessen Großzügigkeit er in dieser schwierigen Lage dankbar ist. Sein Reisepass wurde ihm von den Behörden abgenommen, die USA verlassen darf er nicht. Strikt untersagt ist ihm auch das Arbeiten. „Es ist ein Albtraum“, sagt Arzberger. „Man ist allein und wird von Tag zu Tag einsamer.“ Der nächste Anhörungstermin vor dem New Yorker Gericht ist morgen. Bis dahin soll ein psychologisches Gutachten erstellt werden. Erst dann entscheidet der Richter, ob und wann das Hauptverfahren beginnt.

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