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"Das alte Leben zählt nicht mehr"

Eliteeinheit Fremdenlegion "Das alte Leben zählt nicht mehr"

Stefan Müller diente fünf Jahre in der Fremdenlegion. Eine harte Zeit, in der er "immer wieder ans Aufgeben gedacht hat", wie er sagt. Ein Gespräch über Drill, Krieg und Schlafentzug.

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Truppen der französischen Fremdenlegion bei einer Militärparade auf der Champs-Elysees.

Quelle: EPA/Ian Langsdon

Hannover. Sie ist die legendärste Eliteeinheit der Welt: die französische Fremdenlegion. Nur die härtesten Soldaten, Männer aus Stahl, ziehen für Frankreich in den Krieg. Ihre Herkunft, ihre Vergangenheit, ihre Religion – alles unwichtig, wenn sie ihr Leben an der Front riskieren. Die Ausbildung der 6800 Mann starken Speerspitze der Grande Nation bringt die Kämpfer aus mehr als 150 verschiedenen Nationen an ihre Grenzen – und weit darüber hinaus.

Gesprochen wird darüber eigentlich nicht. Doch Stefan Müller, 30 Jahre alt, hat sein Schweigen gebrochen. Hunger, Durst, körperliche Strapazen, Drill: Der Deutsche hat fünf Jahre in der Fremdenlegion gedient. Eine Zeit, die ihn geprägt hat. Eine Zeit, die ihm den Wert des Lebens dramatisch vor Augen geführt hat. In seinem Buch "Mythos Fremdenlegion" erzählt der Mann, der anfangs nur ein bisschen Action wollte, von seinem Abenteuer in der härtesten Armee der Welt.

Herr Müller, wieso haben Sie sich dazu entschieden, zur Fremdenlegion zu gehen?
Solche Fragen sollte man einem Legionär niemals stellen. Er würde antworten, den wahren Grund aber wird er nicht erzählen. Die Jungs sind einfach da, die Vergangenheit ist abgeschlossen.

Sie wussten aber, welche Strapazen Sie erwarten.
Ich habe es im Internet gegoogelt. Man muss 18 Jahre alt sein, man erlebt Abenteuer – dann ging alles ganz schnell. Ich habe mir zwei Monate zur Vorbereitung gegeben, und dann bin ich da hin.

Was sind die Voraussetzungen, um ein Legionär zu werden?
Die Legion sagt, wir suchen Engel mit Scheiße an den Flügeln. Die Rekruten sind wahrlich keine Mauerblümchen. Die Jungs haben schon einiges erlebt, für manche bedeutet die Legion die allerletzte Chance. Bei kleineren Vergehen drückt die Legion ein Auge zu, sie ist aber sicher kein Ponyhof. Klimmzüge sollte jeder mindestens sieben bis zehn schaffen. Französisch muss man nicht können. Die Zahlen von eins bis 50 lernt man schon durch die Strafliegestütze.

Haben Sie sich damals von Ihrer Familie verabschiedet?
Nein. Für mich war es nie ein Problem, alles liegen zu lassen und wegzugehen. Ich war niemandem verpflichtet. Es war meine Entscheidung.

Wie war es für Sie, diese Grenzerfahrungen zu spüren?
Es war immer eine Herausforderung zu sehen, wie weit ich gehen kann. Und ich habe sehr oft gespürt, wo meine Grenzen liegen. Geschadet hat es aber nicht, im Gegenteil. Den meisten hat es gut getan, zu wissen: Da geht noch mehr. Es ist erstaunlich, zu was ein menschlicher Körper imstande ist, was er zu leisten vermag, wenn der Kopf mitspielt.

Was waren das für Situationen?
Am Anfang war das Sprachproblem, man fühlt sich unwohl, alle schreien, man wird dauernd schlecht behandelt, wie Dreck. Aber das ist nötig, um die Leute zu formen, eine Einheit aus dem Haufen zu bilden. Schlafentzug und Mangelernährung gehörten auch dazu. Das geht an die psychischen Grenzen. Der Kopf sagt: Ich kann nicht mehr. Man denkt ans Aufgeben, doch man macht weiter.

Es wäre ein Leichtes gewesen, die Legion zu verlassen.
Ich hatte mich für diesen Weg entschieden, und den muss man zu Ende bringen. Dafür habe ich unterschrieben. Für mich kam es nicht infrage, nach Hause zu gehen und zu sagen, dass ich gescheitert bin.

Wie sah das Leben auf der Legionärsfarm – Ihrem Ausbildungszentrum – aus?
Man wirft alle in einen Topf, schüttelt kräftig durch und schaut, was übrig bleibt. Wir haben viel zusammen gesungen, generell macht man fast alles zusammen. Nur so entwickelt sich dieser besondere Korps-Geist. Die Jungs wissen, alleine sind sie nichts wert. Es geht nur zusammen. Taktisch Sinnvolles darf man nicht erwarten. Für die Männer, die schon beim Militär waren, sind diese Übungen zum Lachen. Andere wiederum müssen lernen, nicht auf ihre eigenen Füße zu schießen.

Welche persönlichen Dinge haben Ihnen Halt gegeben?
Nichts. Ich kann mich erinnern, dass ich ein Blatt Papier mit den Nummern von Freunden und ein paar Passbilder dabeihatte. Der Ausbilder hat mich gefragt: "Das sind deine ganzen Freunde?" Und dann hat er alles ohne mit der Wimper zu zucken in den Mülleimer geschmissen. Das war Vergangenheit. Das alte Leben zählt nicht mehr.

Was macht die Legion aus ihren Rekruten?
Man geht als kleiner Grünschnabel hin. Wenn man die fünf Jahre geschafft hat, ist man ein richtiger Mann.

Waren Sie in Kampfeinsätzen?
Ja, war ich.

Wo?
Darüber darf ich nicht sprechen.

Hatten Sie Angst um Ihr Leben?
Wer nicht? Aber ich würde es nicht Angst nennen, eher Aufregung, ich hatte Adrenalinstöße.

Maschier oder stirb – ein Leitspruch der Legion, der nicht gerade motiviert.
Ich finde da nichts Schlimmes dran. Das ist nun einmal die Devise. Man steht vor einer Entscheidung: Geb ich jetzt auf? Dieser Punkt kommt oft.

Schätzen Sie das Leben jetzt mehr als früher?
Definitiv.

Wie haben Sie erkannt, wofür Sie kämpfen? Immerhin haben Sie sich als gebürtiger Deutscher für ein fremdes Land verpflichtet.
Darüber hat sich niemand Gedanken gemacht. Politik war für uns nicht erlaubt. Jeder hatte seinen eigenen Grund. Wir haben gemeinsam unter französischer Flagge gekämpft. Wir waren da, um auf Befehle zu gehorchen und sie auszuführen.

Interview: Carsten Bergmann

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