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Eine junge Frau bestimmt ihren Todestag

Sterbehilfe in den USA Eine junge Frau bestimmt ihren Todestag

Ebenso wie in Deutschland ist der Freitod von Schwerkranken auch in den USA ein hochumstrittenes Thema. Eine 29-jährige Krebspatientin hat nun ihren eigenen Todestag bestimmt – und wendet sich damit an die Öffentlichkeit gewandt.

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Die schwerkranke Brittany Maynard wühlt mit ihrem öffentlichen Plädoyer für Sterbehilfe ihre amerikanischen Landsleute auf

Quelle: dpa

Washington. Der Neujahrstag bringt schreckliche Gewissheit. Hirntumor. Die Diagnose der Ärzte ist eindeutig. Das junge Leben von Brittany Maynard steht vor dem Abgrund. Im Januar schätzen die Mediziner die ihr verbleibende Zeit auf etwa zehn Jahre. Vier Monate später, bei einer erneuten Untersuchung, müssen sie erkennen: Das aggressive Geschwür wächst rasant weiter - der 29-Jährigen bleiben wohl nur noch wenige Monate.

Nach dem ersten Schock trifft Maynard im Sommer eine schwere Entscheidung: Den Zeitpunkt ihres Todes will sie selbst bestimmen. Die letzte Phase ihres Leidens möchte sie sich und ihren Angehörigen ersparen. Mehrere Fachleute hätten ihr bis ins Detail beschrieben, was ansonsten auf sie zukommen würde: der schnelle körperliche Verfall, übermäßige Schmerzen, völliger Kontrollverlust.

Ganz Amerika nimmt Anteil am Schicksal der jungen Frau, seit sie den Weg in die Öffentlichkeit gewählt hat. Trotz aller Abgeschiedenheit, die sie für sich, ihren Ehemann und ihre Eltern nahe der kanadischen Grenze gewählt hat, meldet sie sich regelmäßig zu Wort. YouTube, Facebook und Twitter sind ihre Plattformen, um ein letztes Ziel zu erreichen - mehr Hilfe und Verständnis für Menschen, die angesichts ihres nahenden Todes mit Würde aus dem Leben scheiden wollen. Ihre neu gegründete Stiftung für aktive Sterbehilfe soll zu ihrem Vermächtnis werden.

Das Video, das sie mit professioneller Hilfe hat drehen lassen, ist schwer erträglich. Es beginnt mit ihrer romantischen Hochzeit vor zwei Jahren, als sie vor Freude weint. Der attraktiven Frau scheint die ganze Welt offenzustehen.

In der nächsten Szene wendet sich Maynard direkt an die Zuschauer. Sie sitzt auf einem Sessel, blickt ernst in die Kamera. Ihr Körper ist von den Krebstherapien und den Schmerzmitteln der vergangenen Monate deutlich gezeichnet, das Gesicht aufgedunsen. Sie spricht ruhig und überlegt. Man ahnt, dass sie zuvor gründlich über jede einzelne Formulierung nachgedacht hat. Sie will sich den Menschen erklären und hofft, für ihre Entscheidung nicht verurteilt zu werden.

Ebenso wie in Deutschland ist der Freitod von Schwerkranken auch in den USA ein hochumstrittenes Thema. Aktive Sterbehilfe ist in weiten Teilen des christlich geprägten Landes strikt verboten. Allerdings gibt es Ausnahmen: In den Bundesstaaten Oregon und Washington regelt das Gesetz "Death with Dignity Act", wie Ärzte den Patienten in ihren letzten Momenten zur Seite stehen können, ohne sich strafbar zu machen. In Vermont tritt ein ähnliches Gesetz 2016 in Kraft, und in Montana und New Mexico hatten sich die Richter bei Strafverfahren auf die Seite der Ärzte gestellt.

„Ich wünsche mir für alle Wahlfreiheit“

Aus diesem Flickenteppich der unterschiedlichen Rechtsprechung zog Maynard ihre eigenen Konsequenzen: Sie verließ vor wenigen Wochen ihren Wohnort im kalifornischen San Francisco und siedelte nach Oregon um. Sie erhielt einen neuen Führerschein und trug sich in das örtliche Wählerregister ein, um als Neubürgerin in dem kleinen Bundesstaat im Nordwesten der Vereinigten Staaten registriert zu werden. Ihr Ehemann wurde von seinem Arbeitgeber freigestellt, um seine Frau auf ihrer letzten Reise zu begleiten. Auch ihre Eltern und ihre beste Freundin sind zumindest zeitweise mit dabei. "Da es unserer Familie finanziell relativ gut geht, konnten wir den Umzug auf die Schnelle organisieren", sagt Maynard. "Aber ich wünsche mir für alle Menschen diese Wahlfreiheit. Es ist doch unwürdig, eigens zum Sterben in eine andere Region fahren zu müssen."

Auf die 'Würde' kommt die junge Frau oft zu sprechen. Die Vorstellung, bei einer Chemotherapie ihre Haare zu verlieren, an das Bett gefesselt und vollständig auf fremde Hilfe angewiesen zu sein, erscheint ihr grausam: "Da mein Körper jung ist, würde ich vielleicht noch längere Zeit überleben, obwohl der Krebs meinen Geist auffrisst." Es bliebe nichts als eine äußere Hülle.

Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren Eltern habe sie daher den Entschluss gefasst, vorzeitig aus dem Leben zu scheiden. Auch den Todestag hat sie für sich bestimmt: "Am 1. November gehe ich. In unserem Ehebett, oben im Schlafzimmer, nehme ich die tödlichen Mittel. Im Hintergrund soll leise Musik spielen."

Die Debatte um aktive Sterbehilfe ist nicht neu. Doch Maynard, die am Sonnabend ihren 30. Geburtstag feierte, verleiht einem schwierigen Thema, das sich sonst eher um alte und gebrechliche Menschen dreht, ein junges und attraktives Gesicht.
Die Reaktionen lassen nicht auf sich warten: Auf ihren Webseiten sind unzählige Kommentare zu lesen. Es finden sich zahllose Tipps für neue Behandlungsmethoden, andere empfehlen das stille Gebet.

„Es geht nicht allein um die Würde“

Bedrückend sind vor allem die Hinweise auf die Sterbehilfe-Debatte im vergangenen Jahr in Vermont: Bei der Anhörung vor dem Kongress des kleinen Bundesstaates gab eine Krankenversicherung zu Protokoll, dass sie die Kosten für die Verabreichung von teuren Schmerzmitteln nicht übernehme - wohl aber für tödliches Gift für unheilbar Kranke. Gerade in Amerika, das deutlich höhere Sätze für Pflege- und Gesundheitsdienstleistungen kennt als Deutschland, mündet die Auseinandersetzung um die letzte - kostenintensive - Lebensphase schnell in ökonomischen Kalkulationen. Die Sorge der Sterbehilfe-Kritiker lautet denn auch: Ist das Tabu erst einmal gefallen, könnte sich die gesellschaftliche Debatte in eine gefährliche Richtung bewegen. Heute geht es nur um die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen. Wer aber stellt sicher, dass die Frage von Leben und Tod künftig nicht von anderen beantwortet wird? Ist es zum Beispiel armen Familien zuzumuten, ihre letzten Ersparnisse für die Pflege einer Großmutter herzugeben, die ohnehin bald stirbt? Wie steht es um depressive Patienten, die sich den Tod wünschen?

Einen nachdenklichen Ton bringt auch Katrina Trinko von der konservativen "Heritage Foundation" in die Diskussion. Die Autorin erinnert an die letzten Lebensmonate ihrer Großmutter. Sie habe gelitten, gekämpft und verloren. "Aber rückblickend bin ich dankbar, dass wir die letzte Phase ihres Lebens gemeinsam gegangen sind", sagt Trinko. Der Wert des Lebens dürfe eben nicht auf spezielle Qualitäten und Eigenschaften eines Menschen reduziert werden. Schönheit, Intelligenz oder Reichtum seien vergänglich. Wenn beispielsweise ein Familienmitglied an Demenz erkranke oder die Kontrolle über seinen eigenen Körper verliere, werde er - im besten Fall - dennoch von seinem Umfeld geliebt. Trinko: "Es geht nicht allein um die Würde. Wir sollten mehr über die Liebe sprechen."

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