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Ein Bild, das an Grenzen geht

Symbol für Flüchtlingskatastrophe Ein Bild, das an Grenzen geht

Das Foto des toten dreijährigen Flüchtlingsjungen Aylan vom Strand in der Türkei schockiert die Welt - und wird zum Symbol für die Flüchtlingskatastrophe. Damit gehört es zu den Sinnbildern, die sich ins kollektive Gedächtnis einbrennen. Den Medien kommt dabei eine besondere Verantwortung zu.

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Das Bild, das die Welt erschüttert: Der dreijährige Aylan ertrank auf der Flucht in der Ägäis.

Quelle: afp

Hannover. Das rote T-Shirt des Kleinkindes leuchtet wie ein Signalfeuer. Es ist ein wenig hochgerutscht und entblößt ein Stück nackte Haut. Der kleine Junge sieht aus, als halte er nur ein Nickerchen am Strand. Gleich werden ihn seine Eltern aufwecken, weil die Flut zu nahe kommt. Doch tatsächlich zeigt die Fotografie, die derzeit um die Welt geht, keinen Schlafenden. Der junge Syrer ist auf der Flucht mit seiner Familie zwischen der türkischen Halbinsel Bodrum und der griechischen Insel Kos in der Ägäis ertrunken. Bei Twitter verbreitet sich das Bild rasant. #KiyiyaVuranInsanlik“ („Die fortgespülte Menschlichkeit“) war am Mittwoch sogar der weltweit am häufigsten verwendete Hashtag auf der sozialen Plattform. „Das traurigste Bild der Welt“, titelte der Branchendienst Meedia. „Ein Foto, um die Welt zum Schweigen zu bringen”, kommentierte die italienische Zeitung „La Repubblica“.

Die Bilder des toten Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi gehen um die Welt - und werden zum Symbol für die Flüchtlingskatastrophe. Damit gehören sie zu den Fotografien, die sich ins kollektive Gedächtnis einbrennen.

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Der britische „Independent“ fragte gar: „Was, wenn nicht dieses Bild eines an den Strand gespülten syrischen Kindes, wird die europäische Haltung gegenüber Flüchtlingen ändern?” Am Donnerstag hatte sich zumindest die Debatte in der Europäischen Union über den Umgang mit der Flüchtlingskrise verschärft, weitere Forderungen wurden laut.

Symbol für die Flüchtlingskatastrophe

Das Bild wird als Symbol für die Flüchtlingskatastrophe gehandelt, das verzögerte Entsetzen verstört. Schon der Transporter mit 71 erstickten Flüchtlingen in Österreich berührte die Menschen hierzulande mehr als die tägliche Berichterstattung über Hunderte namenlose Opfer. Die Kraft der Bilder in ihrer unmittelbaren Wirkung ist dabei essenziell. Man kann das makaber finden – oder schlicht menschlich. Der Psychologe Michael Thiel spricht von einem „Gefühlskaleidoskop“, das derartige Bilder auslösen. Der tote Junge am Ufer erinnert auch an die ungezählten Leidensgenossen, die unbeobachtet auf den Meeresboden sanken. Am Donnerstag schickte die Deutsche Presse-Agentur die Nachricht über den Ticker, dass weltweit rund 30 Millionen Kinder auf der Flucht sind. Das Einzelschicksal verweist sinnbildlich auf ein Massendrama. Rosa Luxemburg hat diesen Effekt mit den Worten beschrieben: „Gewöhnlich ist ein Leichnam ein stummes, unansehnliches Ding. Es gibt aber Leichen, die lauter reden als Posaunen und heller leuchten als Fackeln.“

Prägende Bilder vom Vietnam-Krieg bis 11. September

Bilder spielen als verdichtetes Medium eine große Rolle bei der Wahrnehmung der Ereignisse. Jahres- oder auch Opferzahlen lernt man vielleicht im Geschichtsunterricht auswendig, es sind aber einzelne Abbildungen, die sich in unser visuelles Gedächtnis einbrennen. Beim Stichwort Vietnam-Krieg erscheint vor dem inneren Auge das Bild des nackten Mädchens, das schreiend vor der Napalm-Bombe flieht. Beim Mauerbau denken viele zuerst an den Soldaten, der über den Stacheldrahtzaun springt und dabei seine Waffe fortwirft. Ikonen der Zeitgeschichte, das sind auch Willy Brandts Kniefall in Warschau oder der Astronaut Neil Armstrong beim Betreten des Mondes. Ein kleiner Knipser für den Fotografen, ein großer Effekt für die Menschheit. Mehr noch als Bewegtbilder prägen sich Fotografien ins kollektive Gedächtnis ein. Zu jedem Jahrestag werden sie erneut abgerufen.

Gibt es angesichts der allgegenwärtigen Bilderflut überhaupt noch das eine singuläre Symbolbild? Die brennenden Zwillingstürme des New Yorker World Trade Centers stehen zwar sinnbildlich für den 11. September, aber doch eher für ein Paket von vielen verschiedenen Aufnahmen. „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt wissen, wissen wir durch die Massenmedien“: ­Dieser Leitspruch des Kommunikationswissenschaftlers Niklas Luhmann verweist auf die zwangsläufig selektive Darstellung der Wirklichkeit in den Medien.

Wo hört die Informationspflicht auf, wo fängt Voyeurismus an?

Von Bildern wird erwartet, dass sie die Realität unmittelbarer wiedergeben als Text. Die suggestive Kraft entsteht aus der vorgeblich technischen Objektivität des Fotoapparats. Doch historisches Bewusstsein kann mit Bildern auch manipuliert werden, das beweist eine Bildreihe des sowjetischen Fotografen Jewgeni Chaldej. Sie zeigt, wie ein Soldat die Flagge der Sowjetunion auf dem Berliner Reichstagsgebäude hisst – die Szene wurde zum Symbol für das Ende des Zweiten Weltkrieges. Später erwies sich die Aufnahme als retuschiert. In einem Beitrag des Historischen Seminars Heidelberg heißt es über die Macht der Bilder: „Das Schlagbild hat das Schlagwort abgelöst!“ In unserer visuellen Geschichtskultur sei das Bild jenseits von propagandistischer Manipulation ein Machtfaktor. Das bedeutet aber auch: Die Medien tragen eine ganz besondere Verantwortung.

Es gilt abzuwägen zwischen der Würde des Toten und dem Bedürfnis, den Lesern das Ausmaß der Katastrophe im buchstäblichen Sinne vor Augen zu führen. Wie es die Fotografin Heike Rost beim Branchendienst „Kress“ formulierte: „Es gehört zur Aufgabe von Journalismus, die Seelenruhe von Lesern zu stören. Unbequem ist das und schwer erträglich; auch für Journalisten.“ Wo hört die Informationspflicht auf, wo fängt Voyeurismus an? Es gibt auf diese Frage keine eindeutige Antwort.

Presserat erwartet Beschwerden

So gingen die einzelnen Medien unterschiedlich mit dem Foto um: Die „Bild“-Zeitung räumte dafür die gesamte letzte Seite, der britische „Guardian“ zeigte die Szene auf seiner Titelseite. Die „Süddeutsche Zeitung“ hingegen kündigte an, das Bild nicht zu veröffentlichen. Unter Ziffer elf des deutschen Pressekodex heißt es: „Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid.“ Beim Deutschen Presserat gingen bis am Donnerstag zehn Beschwerden ein, mehr werden erwartet. Schon als die „Bild“-Zeitung Aufnahmen der toten Flüchtlinge im Lastwagen in Österreich veröffentlichte, hatte es Kritik gehagelt. Diese waren jedoch im Vergleich noch grausamer.

Von Nina May

In eigener Sache

Bis zum Donnerstagnachmittag hat HAZ.de das Bild von Aylans Leiche nicht gezeigt. Im Rahmen dieses Textes haben wir uns nun dazu entschlossen. Es gibt in dieser Frage keine vollständig richtige oder vollständig falsche Haltung, denken wir. Manche mögen das Bild als Zumutung empfinden, andere vielleicht als das, was es eben auch ist: ein Dokument der schrecklichen Wirklichkeit in diesen Tagen, die man wahrnehmen muss. Möglicherweise auch, damit sich etwas ändert.  

Hendrik Brandt, HAZ-Chefredakteur 

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