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Panorama „Tempus – Zeit erleben“ auf dem Rittergut Dorstadt
Nachrichten Panorama „Tempus – Zeit erleben“ auf dem Rittergut Dorstadt
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20:24 03.06.2011
Ein Fenster in die Nachkriegszeit: Vor den Augen der neugierigen Besucher verhören US-Soldaten einen deutschen Kriegsheimkehrer zu seiner NSDAP-Vergangenheit. Quelle: Nico Herzog
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Am liebsten wäre Sergeant William Morgan gar nicht hier. Zu Hause, im fernen Oklahoma, könnte er jetzt mit seiner Familie in der Sonne liegen und müsste keine Kriegsflüchtlinge nach Waffen durchsuchen oder deutsche Trümmerfrauen am Schwarzmarkthandel hindern. Entsprechend mürrisch geht der US-Offizier seinem Tagesgeschäft nach: Hier ruft er einer verängstigt tuschelnden Flüchtlingsfamilie „Shut up!“ zu, da raunt er einen Kameraden an, der gerade Kaugummi an Kinder verteilt. Doch Sergeant Morgan kann auch ganz umgänglich sein. Dann nämlich, wenn er die Militärkappe abnimmt, wenn er beiseitetritt und erklärt: „Der Umgangston damals war nun mal rau. Und wenn ich etwas nachstelle, dann soll das Gesamtpaket stimmen.“

Wegen eben diesem Gesamtpaket pilgern in diesen Tagen Tausende Zuschauer nach Dorstadt im Landkreis Wolfenbüttel. Sergeant William Morgan, der eigentlich Volker Griesser heißt und nicht aus Oklahoma, sondern aus dem westfälischen Königswinter stammt, ist einer von rund 750 Laiendarstellern, die dort noch bis Sonntag vergangene Zeiten aufleben lassen. Beim viertägigen Historien-Festival „Tempus – Zeiten erleben“ präsentieren die Akteure auf dem 20 Hektar großen Rittergut Dorstadt eine Zeitreise von der Urzeit bis zur jüngsten Geschichte – auch in die des Braunschweiger Lands. 14 Stationen, sogenannte Zeitinseln, werfen Schlaglichter – etwa auf die Entstehung des Handwerks in der Bronzezeit, auf mittelalterliche Adelsfehden, die Napoleonischen Feldzüge oder auch auf die „Stunde null“ im Jahr 1945. Gemeinsam ist allen Zeitinseln die wirklichkeitsgetreue Nachstellung. Denn „Tempus“ ist nicht nur eine Show für Besucher, sondern auch das inoffizielle Jahrestreffen der Living-History-Szene: Die 750 Akteure sind Hobbyhistoriker, Laienschauspieler und Geschichtslehrer zugleich.

Während Seargent Morgan einem Private First Class beim Reparieren der Funkanlage zuschaut, marschieren einige Hundert Meter weiter zwei Dutzend Musketiere aus dem 17. Jahrhundert auf. Eine Salve nach der nächsten donnert über die Köpfe des jubelnden Publikums hinweg. Etwas abseits des Getöses erklärt Ritter Rhys einer Besucherin, dass sein acht Kilogramm schweres Kettenhemd aus 20.000 Eisenringen besteht – und es darunter ganz schön heiß werden kann. Weniger martialisch geht es der Vogelfänger Wim Martsuiker an, der eigens aus den Niederlanden angereist ist und nun, zum Vergnügen zahlreicher Kinder, allerlei Lockrufe für Enten, Fasane und sonstige Leckerbissen flötet. „Im Mittelalter konnte man damit jede Menge Geld verdienen“, erklärt der Niederländer.

Viel zu lernen gibt es auf dem Rittergut allemal. Einer, der davon etwas versteht, ist Horst Peter, Geschichtslehrer im Ruhestand und mit seiner ganzen Familie aus dem Saarland angereist. „Jeder der Akteure bemüht sich, bis ins Detail authentisch zu sein. Auf den meisten Mittelaltermärkten ist das schon lange nicht mehr der Fall“, sagt der 69-Jährige. Und auch Besucherin Heide Ihnen lobt den pädagogischen Wert der Historienschau. „Allemal sinnvoller als trockener Geschichtsunterricht in der Schule“, sagt sie mit Blick auf ihren 16-jährigen Sohn Björn.

So wie Ihnen und Peter ist vielen Besuchern anzumerken, dass der Funken der lebendig gewordenen Vergangenheit überspringt. „Geschichte muss nicht immer nur zwischen Buchdeckeln oder in Museumsvitrinen ruhen“, sagt Tempus-Veranstalter Claus Meiritz. Das Braunschweiger Land habe viele spannende historische Geschichten zu bieten – und nichts liege näher, als sich diese Geschichten von den Vorfahren selbst erzählen zu lassen.

„Tempus – Zeit erleben“ auf dem Rittergut Dorstadt ist am heutigen Sonnabend von 10 bis 20 Uhr und am Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet für Erwachsene neun, für Kinder fünf Euro. Familienkarten sind für 20 Euro erhältlich.

Michael Soboll

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