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Terror trifft Tunesiens Lebensader

Touristen bleiben weg Terror trifft Tunesiens Lebensader

Verwaiste Strände, leere Hotels: Touristen meiden das nordafrikanische Urlaubsparadies Tunesien. Die größte Bettenburg des Landes gleicht einer Geisterstadt. Ein Ortsbesuch.

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Ein Land leidet: Nach dem Terrorangriff auf Sousse patrouillieren Soldaten in dem Urlaubsort. Aus Angst vor neuen Attacken meiden nun die Urlauber Tunesien.

Quelle: imago

Hammamet. Es ist früh am Morgen. Das Meer ist ruhig, und die Sonne wärmt den Strand von Hammamet. Ahmed schüttelt trotzdem mit dem Kopf. "Auch heute wird kein guter Tag", sagt der junge Tunesier. Er kramt sein Auftragsbuch hervor und blättert durch leere Seiten. Seit Wochen hat er jetzt schon keinen Bootsausflug mehr verkauft. "Keine Touristen, keine Ausflüge, kein Geld", sagt er. Wie soll es da ein guter Tag werden?

Tunesien im Ausnahmezustand

Ein paar Meter weiter, im Hotel Paradis, sitzen Gerd und Annette Mohr. Die beiden Rentner aus Dortmund sind Stammgäste. Seit mehr als zehn Jahren kommen sie nun schon nach Hammamet. "Hier wissen wir, was wir haben", sagt Gerd Mohr. "Tunesien ist ein schönes Land, der Strand ist toll, die Menschen sind freundlich." Seine Frau Annette nickt zustimmend. "Nur das Essen", ergänzt sie, "das ist in diesem Jahr nicht ganz so gut wie normalerweise." Aber was ist derzeit schon normal in Tunesien?

Die kleine arabische Nation befindet sich im Ausnahmezustand, ausgerufen von Präsident Beji Caid Essebsi, nachdem vor einer Woche ein Selbstmordattentäter in Tunis zwölf Mitglieder der Präsidentengarde mit in den Tod gerissen hat. In der Hauptstadt gilt ein nächtliches Ausgehverbot, die internationalen Flughäfen sind abgeriegelt und nur mit gültigem Flugticket zu erreichen, überall im Land stehen Polizeikontrollen. Gerd Mohr hat davon in den Nachrichten gehört. "Wenn das so weitergeht", sagt er, "dann kommen bald noch weniger Touristen hierhin." Dabei ist ja jetzt schon kaum noch einer da.

Hotels geben auf

Die Anschläge von Tunis und Sousse im Frühjahr dieses Jahres mit insgesamt 60 Toten haben das Land schwer getroffen. 470.000 Tunesier arbeiten im Tourismus, das entspricht 14 Prozent aller Beschäftigten. Weitere zwei Millionen profitieren indirekt als Handwerker, Fahrer, Verkäufer oder Landwirte vom Feriengeschäft – doch das liegt seit Monaten am Boden.

Nirgends lassen sich die Folgen derzeit eindrucksvoller beobachten als in Hammamet, der größten Bettenburg Tunesiens. "Das ist hier eine Geisterstadt", sagt Gerd Mohr. Von 150 Hotels entlang der Mittelmeerküste sind nur noch 15 geöffnet. Eines nach dem anderen hat in diesem Jahr bereits aufgegeben.

Die Gäste flüchteten

Das Hotel Paradis ist eines der wenigen, das der Krise trotzt. 503 Zimmer hat das Vier-Sterne-Haus, bis zum Anschlag in Sousse am 26. Juni war es für den gesamten Sommer ausgebucht. "Doch am Tag nach Sousse", sagt Verkaufsleiter Mohsen Boudhina, "waren von 1100 Gästen nur noch 70 da."

Auch in der neuen Medina von Hammamet haben sie das Unterhaltungsprogramm fast komplett heruntergefahren. Die meisten Restaurants sind geschlossen, der Freizeitpark auch, und vor den bunten Souvenirläden stehen sich die Händler die Beine in den Bauch.

"Der Staat muss Härte zeigen"

Einer von ihnen ist Farhat Boukhris. "Ich habe seit Wochen nichts mehr verkauft", sagt er. "Wie soll ich so meine Familie ernähren?" Jeden Tag kommt er zur Arbeit, stellt seine Ware auf, hofft auf Kundschaft. "Aber keiner kommt. Es ist eine Katastrophe", sagt der 53-Jährige. "Diese Terroristen wollen unser Land zerstören, weil wir ihnen zu liberal sind. Schrecklich!"

Tatsächlich gilt Tunesien als vergleichsweise liberales Land in der arabischen Welt. Staat und Religion sind per Verfassung getrennt, in vielen Bars und Restaurants wird Alkohol ausgeschenkt, Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Farhat Boukhris ist stolz auf diese Errungenschaften. Er sagt aber auch: "Der Staat muss jetzt Härte zeigen. Er muss diese Terroristen jagen, und er muss sie alle umbringen."

Polizeiwillkür nimmt zu

Es ist ein schmaler Grat, auf dem das Land wandelt. Die vielen Freiheiten, die mit der Revolution erkämpft worden waren, werden durch immer neue Anti-Terror-Gesetze wieder abgeschafft. Folter und Polizeiwillkür nehmen zu. Tunesische Menschenrechtsorganisationen warnen schon vor einem Rückfall in alten Zeiten. "Das alte Regime ist wieder zurück", sagt auch Farhat Boukhris, "bloß in neuem Gewand."

Es ist früh am Abend. Die Sonne senkt sich über Hammamet. Die Mohrs sitzen mit den Eheleuten Dietmar und Angela Schwarz aus Todtmoos bei Freiburg an der Hotelbar. Die Mohrs erzählen, dass sie im kommenden Jahr wiederkommen werden, "egal, was passiert". Angela Schwarz stimmt sofort ein. "Wir auch, ist doch klar. Wir können die Tunesier doch jetzt nicht im Stich lassen."

Draußen packt Ahmed seine Sachen zusammen. Er hat recht behalten: Auch heute war kein guter Tag. Wie lange er das noch durchhält? "Keine Ahnung. Ich kann nur warten. Vielleicht kommen die Touristen ja im nächsten Jahr wieder. Inshaallah." So Gott will.

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