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Tödliche Schüsse auf Einbrecher waren Notwehr

Sittensen Tödliche Schüsse auf Einbrecher waren Notwehr

Labinot S. und seine vier Komplizen waren schon auf der Flucht, als der Rentner Ernst B. ihnen hinterher schoss. Die jungen Männer waren am Abend des 13. Dezember vorigen Jahres in das Haus des 77-Jährigen eingebrochen, ein reetgedecktes Anwesen im nordniedersächsischen Sittensen. Die Täter rechneten mit reicher Beute, nicht aber mit einer schrillenden Alarmanlage – und einem tödlichen Ausgang.

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Wo beginnt der "Notwehrexzess?" Haus des 77-Jährigen in Sittensen.

Quelle: dpa

Sittensen. Die Männer rennen raus, Ernst B., Jäger und Waffenliebhaber, greift zur Pistole, schießt, eine Kugel trifft Labinot S. zwischen den Schulterblättern. Der 16-Jährige verblutet im Schnee. In seiner Jackentasche steckt das Portemonnaie von Ernst B., darin 2143 Euro.

Der Rentner behielt nicht nur sein Geld, er behielt auch recht. Zwar sah er sich seinerseits monatelang einer strafrechtlichen Ermittlung ausgesetzt. Doch am Donnerstag stellte die Staatsanwaltschaft Stade das Verfahren wegen des Verdachts des Totschlags ein. Ernst B. habe in Notwehr geschossen, befand die Behörde.

Notwehr – im Fall von Ernst B. meint dies nicht den Schutz von Leib und Leben, sondern den von Hab und Gut. Ernst B., der damals nach einer Knieoperation auf Krücken angewiesen war, musste nicht um seine Gesundheit fürchten. Die Räuber liefen ja davon. Der frühere Tischler und Bestatter musste um sein Eigentum fürchten – um die 2143 Euro in der Jackentasche von Labinot S.

„Der Angriff auf das Eigentum von Ernst B. war noch in vollem Gang – der Dieb rannte damit weg. Um sein Eigentum zu verteidigen, durfte Ernst B. schießen“, sagt Kai Thomas Breas von der Staatsanwaltschaft Stade. Und: „Demzufolge ist es auch unerheblich, dass der 16-Jährige in den Rücken getroffen wurde.“

Hat ein Menschenleben also weniger Gewicht als ein paar Tausend Euro? Auf solche Fragen gibt das deutsche Notwehrrecht keine präzise Antwort. „Das Notwehrrecht wird in Deutschland sehr rigide angewendet“, sagt Prof. Henning Radtke, Strafrechtler an der Leibniz Universität Hannover.

Tatsächlich gilt im Notwehrrecht der Grundsatz, dass das Recht dem Unrecht nicht zu weichen braucht – unabhängig davon, ob ein Angreifer das Leben des Opfers bedroht oder nur dessen Eigentum. Der Angegriffene darf sich verteidigen und den Angriff stoppen. Nur ein extremes Missverhältnis zwischen den Rechtsgütern führt zu einem strafbaren „Notwehrexzess“ – wie in jener Aufgabe, die Jurastudenten im ersten Semester lösen müssen: Ein Opa im Rollstuhl schießt auf Kinder, die in seinem Garten von seinen Kirschen essen. Wäre das noch rechtens? „Nein“, sagt Juraprofessor Radtke.

Marina Kormbaki

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Prozess gegen Rentner findet statt
Foto: Der Angeklagte Ernst B. erscheint im Schwurgericht Stade.

Der Totschlagsprozess gegen einen Rentner aus Sittensen, der im Dezember 2010 einen aus seinem Haus flüchtenden Räuber im Garten erschossen hat, findet statt. Das Schwurgericht in Stade lehnte am Mittwoch den Antrag der Verteidigung ab, das Verfahren auszusetzen.

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