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Vor 25 Jahren lief der letzte Trabi vom Band

DDR-Auto Vor 25 Jahren lief der letzte Trabi vom Band

Kein Produkt der ostdeutschen Mangelwirtschaft ist so symbolisch geworden wie der stoisch bis zum Ende weitergebaute Trabi. Heute vor 25 Jahren lief bei einer grotesken Feierstunde der letzte Trabi vom Band in Zwickau. Wie geht es den Arbeitern von damals jetzt?

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Der letzte Trabant: Am 30. April 1991 rollte dieser 1.1er mit Viertakt-Lizenzmotor von Volkswagen und 40 PS vom Band direkt ins Zwickauer Automobilmuseum.

Quelle: dpa

Zwickau. Der Beweis trägt strahlend blauen Lack, wirkt eher französisch als sächsisch und ist ein Dreitürer mit Schrägheck und Viertaktmotor. Der Trabant P 610 erinnert daran, was die DDR-Werktätigen alles hätten schaffen können. Autos zu bauen, zum Beispiel, nicht nur stinkende Witze aus Duroplast. P 610 sollte ab 1984 in Serie gehen. Er hätte den Sound des Ostens verändert. Kein Täng-täng-deräng des Zweitakters mehr, keine bläulichen Abgasfahnen. Mit dem 1,1-Liter-Motor hätte der neue Trabi bis auf 125 Stundenkilometer beschleunigt und ein Volk auf die Überholspur gebracht. Es sollte nicht sein.

Kein Produkt der ostdeutschen Mangelwirtschaft ist so symbolisch geworden wie der stoisch bis zum Ende weitergebaute Trabi 601 mit Technik und Design aus den Fünfzigerjahren. Er ist zum Sinnbild des untergegangenen Staates geworden, der ihn hervorbrachte. Ein knutschkugeliger Witz, harmlos, veraltet und stets zu langsam, am Leben gehalten nur durch die Improvisationskunst seiner leiderprobten Bürger. Und doch, auch, ihr ganzer Stolz.

"Der Trabant hatte keine Chance mehr"

Der P 610 ging nie in Serie, der Ministerrat der DDR stoppte die Entwicklung 1979. Nur  20 Prototypen wurden fertiggestellt. Die meisten wurden verschrottet, wenige gerettet, einer gehört heute dem Internationalen Trabant-Register, dem Trabi-Museum von Manfred Schürer in Zwickau. Der heute 66-Jährige hat 1972 als Montageschlosser bei Sachsenring angefangen, in der Wendezeit wurde er Betriebsrat. Zwei Insolvenzen der Trabi-Nachfolgebetriebe hat er in dieser Funktion mitgemacht, jetzt ist er Rentner.

Schürer klappt sanft die geöffnete Motorhaube des blauen Prototyps zu. „So hätte es werden können“, sagt der drahtige Mann mit den kurzen grauen Haaren. Wie wurde es stattdessen?

„Der Trabant hatte keine Chance mehr auf dem Markt, das war den meisten hier klar“, erinnert sich Schürer. Das Tachometer des Tempos, mit dem die DDR sich in den Wendemonaten 1989/90 zerlegte, waren die in den Parteizeitungen veröffentlichten Bestellnummern für Trabi und Wartburg, die zur Abholung bereit waren. Die Wartezeit sank von 15 Jahren rapide auf null. Wer wollte noch einen Trabi, wenn überall die Fähnchen der westdeutschen Gebrauchtwagenhändler flatterten?

Aber Sachsenring war ja nicht einfach eine Autofabrik. Es war eine eigene Welt mit  11 000 Menschen, die Hallen errichteten, Werkzeuge herstellten, Spritzroboter erfanden, die umsorgt wurden „von der schmerzlosen Geburt bis zur Feuerbestattung“. So sagt es Wolfgang Neef, 77, im volkseigenen Betrieb seit 1953 und zur Wendezeit dessen  Direktor.  Er sitzt im August-Horch-Museum vor den Oberklasse-Limousinen der Vorkriegszeit. Ex-Direktor Neef und Ex-Betriebsrat Schürer sind nicht zu einem gemeinsamen Treffen zu bewegen. Sie sitzen zehn Minuten voneinander entfernt in zwei verschiedenen Automuseen und haben bis heute teilweise sehr unterschiedliche Ansichten über das Ende des Trabis und die Zeit danach.

Verpasste Chance: Montagejobs bei Sachsenring waren heiß begehrt – aber der moderne P 610 ging nie in Serie. Ex-Betriebsrat Manfred Schürer (r.) hat einen Prototyp gerettet.

Quelle:

Einig sind sich Neef und Schürer aber in ihrer Erinnerung an die Feierstunde zum letzten Trabant am 30. April 1991, heute vor 25 Jahren. Das Auto mit der Produktionsnummer 3 096 099 war in Miss-Piggy-Pink lackiert und ist bis heute keinen einzigen Kilometer gefahren. Es rollte direkt ins Museumsdepot. An seinem 25. Geburtstag wird es dieses Wochenende zum ersten Mal ausgestellt. Nach dem Mauerfall hatten die Sachsenring-Arbeiter immer noch Trabis gebaut, insgesamt 37 000 Stück. Ein Auto, das keiner mehr wollte.

Sie bauten es, um nicht auf die Straße gesetzt zu werden. Doch sie mussten sich als Trümmertruppe fühlen. Denn im neuen Werk außerhalb der Stadt bauten 3000 Kollegen bereits Karosserien für Polo und Golf. Heute beschäftigt Volkswagen hier 6500 Menschen.

Dass es so gut laufen würde, konnte im April 1991 noch niemand wissen. Als der Miss-Piggy-Trabi, der letzte 1.1, vom Band rollte, pendelte die Stimmung zwischen depressiv und aggressiv. Zwei Arbeiter hielten ein Trauerplakat  hoch, „Letzter Gruss!“ stand darauf und der abgewandelte Mielke-Satz „Ich liebte euch doch alle“. Noch machten die Zwickauer das alte System für den Niedergang verantwortlich, noch protestierten sie gegen die längst geschassten DDR-Oberen, nicht gegen die Treuhand oder die neue Regierung. Sachsens Landesvater Kurt Biedenkopf ließ sich lächelnd mit Miss Piggy und Sachsenring-Arbeiterinnen fotografieren. Am Tag zuvor war eine Auffanggesellschaft gegründet worden, zwei Tage später feierten VW-Chef Carl Hahn und Bundeswirtschaftsminister Jürgen W. Möllemann (FDP) Richtfest im neuen Werk, Hahn sagte 4,6 Milliarden D-Mark Investitionssumme zu.

In seiner Unternehmensberatung in Hannover berichtet Horst Meyer stolz von seiner Rolle beim Sachsenring. Der Olympiasieger im Rudern von 1968 kam als zweiter Geschäftsführer aus dem Westen nach Zwickau. „Das ist gut gelaufen damals“, sagt er. „Wir haben für fast alle Arbeiter etwas gefunden, mussten nur 600 betriebsbedingte Kündigungen aussprechen.“ Meyer kaufte das letzte Trabi-Cabrio, das produziert wurde, und fuhr viele Sommer damit herum. Er kommt ins Erzählen: „Das waren exzellente Leute dort. Als wir Karossen für VW produziert haben, waren sie besser als die aus Wolfsburg.“

„Ich liebte euch doch alle“: Um 14.51 Uhr rollte der letzte Trabi vom Band direkt ins Museum. Ein ganzes Werk trauerte.

Quelle:

Natürlich rechnet Meyer in seine Kalkulation auch die 2500 Arbeiter ein, die zwischengeparkt wurden oder auf Kurzarbeit null gesetzt wurden. Sachsenring selbst hatte zum 1. Januar 1993 noch 1500 Beschäftigte. Die Brüder Rittinghaus aus dem Sauerland bauten die Firma zum Autozulieferer um, übernahmen sich, scheiterten und wurden wegen Insolvenzverschleppung verurteilt. Heute gibt es unter dem Namen Sachsenring eine Mini-Firma mit 35 Beschäftigten. Dennoch sagt Ex-Chef Neef: „Von der Wende haben alle profitiert. Einige vielleicht nur wenig, und es hat lange gedauert, aber trotzdem.“ Ex-Betriebsrat Schürer widerspricht in bitterem Ton: „Es sind immer welche auf der Strecke geblieben.“

Als Miss Piggy vom Band rollte, schimpfte Fritz Warth, Schürers Vorgänger als Betriebsratschef, auf das katastrophale Erbe der DDR und sprach von „Volksverdummung“ durch die SED. Das Wort findet heute irritierende Resonanz bei den beiden Sachsenring-Veteranen. „Ich will nicht in die rechte Ecke gestellt werden“, sagen sie beide. Dann berichten sie von ihren Vorbehalten gegenüber den Fremden, den Flüchtlingen. Schürer sagt: „Wir können nicht die Welt retten, sonst gehen wir kaputt wie die DDR.“

Es ist nicht nur der quietschrosa Trabant übrig geblieben von der Abschiedsfeier vor 25 Jahren. Auch die gedrückte Stimmung.

Ein Witz auf vier Rädern und ein Kult

Es gibt sie noch immer, die Trabanten-Treffen, bei denen Liebhaber des DDR-Oldies ihre Schätze vorführen, aufgepimpt oder originalgetreu erhalten. Auch im Ausland ist die „Rennpappe“ beliebt. Immer dabei: Trabi-Witze made in GDR. Eine Auswahl.

Warum fahren Trabis nur 100? Weil ihre Fahrer sonst merken würden, wie klein die DDR ist.

Wie viele Arbeiter braucht man, um einen Trabi zu bauen? Zwei. Einer faltet, einer klebt.

Hast du Zange, Schere, Draht, kommst du bis nach Leningrad.

Was sind fünf Trabbis an einer Kreuzung?  Eine Tupperparty.

Händler zum Kunden: „In 15 Jahren können Sie ihren Trabant abholen.“ Kunde: „Vormittags oder nachmittags?“ Händler: „Ist das wichtig?“ Kunde: „Ja, vormittags kommen die Handwerker.“

Wie heißt der Trabi auf Französisch? Carton de blamage!

Wie verdoppelt man den Wert des Trabis? Einmal volltanken!

Was ist der Unterschied zwischen einem Trabi und einem Trabi Sport? Der Fahrer vom Sport hat Turnschuhe an.

Wo kann man heute noch Original-Trabis kaufen? – Im Bastelladen!

Was bedeutet die Bezeichnung 601 auf dem Trabbi? 600 haben ihn bestellt und einer hat ihn bekommen.

Von Jan Sternberg

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