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Panorama Wie aus Julian Jessica wurde
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00:18 10.01.2016
Jessica hat früh erkannt, dass sie im falschen Körper steckt. Quelle: privat
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Darmstadt

Lange Haare, weibliche Rundungen, ein selbstbewusstes Auftreten – Jessica wirkt mit ihren 16 Jahren erstaunlich erwachsen. Äußerlich unterscheidet sie nichts von einem typischen weiblichen Teenager, der die Welt für sich entdeckt.

Doch so selbstverständlich es wirkt: Für die junge Frau aus Südhessen war es ein weiter Weg hin zu dieser Unbeschwertheit. Jessica wurde als Junge geboren, merkte früh, dass sie im falschen Körper steckte, und entschied sich noch vor der Pubertät für eine Geschlechtsangleichung. Jessica ist transsexuell.

Tausende Operationen jedes Jahr

Genaue Zahlen, wie vielen Menschen es in Deutschland wie Jessica geht, gibt es nicht. Fest steht: Einzelfälle sind es ganz sicher nicht. Jahr für Jahr lassen 30.000 Deutsche operativ ihr Geschlecht verändern – Tendenz steigend. Ein bis sieben Prozent der Bevölkerung, so schätzen es Sexualwissenschaftler, leiden an einem Identitätskonflikt. Die wenigsten aber trauen sich, das Thema anzusprechen. Ein massives Tabu lastet auf den Transidenten – so nennen Experten Menschen wie Jessica. Mit Sexualität hat ihr Problem nämlich nichts zu tun.

Jessica – sie hieß früher Julian – hat mit drei, vier Jahren gemerkt, dass sie irgendwie anders ist. "Ich habe nur mit Puppen gespielt habe, hatte eine andere Gestik und Mimik, bin an den Schrank meiner Schwester gegangen und habe ihre Kleider angezogen." Der Beginn eines langwierigen Prozesses mit zahllosen Besuchen beim Arzt, hitzigen Diskussionen im Familienkreis, vagen Hoffnungen auf ein besseres Leben, Ängsten vor dem Anderssein.

Als sie mit zwölf Jahren zum ersten Mal Hormone bekam, die die Pubertät unterdrückten, war die Entscheidung final gefallen: Aus Julian wurde Jessica. "Ich wollte keine Dragqueen sein, die auf der Reeperbahn herumhüpft", sagt die 16-Jährige mit selbstbewusstem Tonfall. "Das ist für mich keine Verkleidung oder Rolle, sondern das Gefühl, dass es richtig ist."

Glücklich über die neue Freiheit

Für die Wissenschaft ist das Feld der Transidenten weitgehend unbekannt. Zumindest belegten Forscher kürzlich, dass die Transsexualität nichts mit einem Ungleichgewicht der Sexualhormone zu tun hat. Vielmehr würden bereits im Mutterleib die Anlagen gebildet – und die seien unumkehrbar. Der amerikanische Wissenschaftler Milton Diamond brachte es auf den Punkt: "Das Geschlecht sitzt zwischen den Ohren und nicht zwischen den Beinen." Jessica ist herzlich egal, welche Ursache ihr Identitätskonflikt – so steht es in den Lehrbüchern – hat. Sie spürt zur Zeit vor allem eins: Glück über ihre neu entdeckte Freiheit.

Ein Gefühl, das trotz der hohen Fallzahlen weltweit nur sehr wenige betroffene Gleichaltrige verspüren. Sie trauen sich diesen schwierigen und kräftezehrenden Prozess vor der Pubertät nicht zu. Auch bei Jessicas gab es anfangs Probleme. Ihre Krankenkasse wollte die Behandlung nur übernehmen, wenn sie entsprechende Gutachten eines Psychologen vorlegen könnte. Also legte sie sich alle zwei Wochen auf die Couch. Ein Jahr lang. Eine Tortur für die 16-Jährige. "Die Gespräche waren schwierig. Ich bin ja nicht psychisch krank, sondern hatte nur Probleme mit meinem Körper." Die Psychologin sei total überfordert gewesen. "Aber es ist nun einmal eine Voraussetzung der Kasse."

Ohne die Versicherung hätte Jessica die Behandlungskosten, die weit in die Tausende gehen, niemals bezahlen können. Zur Sorge der Finanzierung kamen auch noch die Probleme im familiären Umfeld hinzu. "Meine Familie stammt aus Russland, das ist kein Hort der Toleranz." Jessica bekommt mit, dass hinter ihrem Rücken über sie gesprochen wird. Eine direkte Konfrontation aber wagt niemand. Keine leichte Situation für einen Teenager.

Hollywood bricht Tabu: Der ehemalige amerikanische Leichtathletikweltmeister Bruce Jenner machte seine Geschlechtsumwandlung in einer Reality-Show öffentlich. Quelle: Annie Leibovitz/AP

Unterstützung findet Jessica bei Petra Weitzel, Beraterin bei der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität in Berlin. Sie hält den frühen Zeitpunkt des Geschlechtswechsels für richtig. "Für Jugendliche ist es eine Katastrophe, wenn sie erst als Volljährige eine Geschlechtsangleichung anfangen könnten." Der Körper entwickele sich in der Pubertät in die falsche Richtung. Manche Dinge wie breite Schultern und große Füße seien nicht mehr umkehrbar, sagt sie.

Wie groß die gesellschaftlichen Vorbehalte gegenüber Transidenten sind, zeigte der Aufschrei nach dem öffentlichen Bekenntnis von Bruce Jenner (66). Der frühere Olympia-Zehnkämpfer und Schauspieler aus den USA gab im April 2015 bekannt, eine Transfrau zu sein, und verwendet seitdem den Namen Caitlyn. "Es ist wichtig, dass es Personen gibt, die an die Öffentlichkeit gehen, um als positives Beispiel zu wirken", sagt die 16-jährige Jessica dazu. Sie weiß aus eigener, leidvoller Erfahrung: Vielen Menschen fehlt schlicht der Mut, sich zu bekennen. Dieser Schritt lohne sich aber: "Ich fühle mich aktuell so, dass ich angekommen bin."

Von Carsten Bergmann

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