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Panorama Trump als Vergewaltiger: Ordinär – aber nicht gut
Nachrichten Panorama Trump als Vergewaltiger: Ordinär – aber nicht gut
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07:11 28.02.2017
Rosenmontagszug in Düsseldorf: Die Wagenbauer zeigten US-Präsident Donald Trump als Vergewaltiger der Freiheit. Quelle: imago/Bettina Strenske
Hannover

Monatelang hat sich Deutschland im Sommer wund diskutiert, ob man den türkischen Ministerpräsidenten lyrisch der Ziegenpenetration zeihen darf. Und ob man das – selbst wenn man es dürfte – möglicherweise trotzdem bitte lassen könnte, weil es ja doch irgendwie eklig ist. Rein äußerlich hat sich der Straßenkarneval in Düsseldorf Am Montag für die Methode Böhmermann entschieden: Da vögelt ein enthemmter Donald Trump die Freihheitsstatue von hinten. Da hält Lady Liberty – in Anlehnung an das weltweit diskutierte „Spiegel“-Titelbild, das seinerseits die IS-Ikonografie zitiert – das blutende, abgeschlagene Haupt des US-Präsidenten in den Händen. Da schießt sich die britische Premierministerin Theresa May mit einer „Brexit“-Pistole in den Mund. Und ein dem Wahnsinn naher „Erdowahn“ brüllt einen harmlosen Clown zusammen: „Terrorist!“

Bitter, ordinär, grobschlächtig. Aber auch: gut? Es gibt einen wichtigen Unterschied zum Kölner Entertainer: Im Gegensatz zu den Bemühungen der karnevalistischen Freizeitsatiriker hat Böhmermann seine eigenen Fäkalinjurien in ein aufklärerisches Kleid gehüllt. Ihm ging es um etwas: die Grenze zwischen zulässiger Satire und unzulässiger Schmähkritik. Es gab einen Kontext. Eine Absicht. Das ist mehr als eine formale Petitesse. Es ist die kluge Doppelbödigkeit, die dem politischen Karneval 2017 fast vollständig fehlt. Stattdessen: auf die Zwölf. Sein Motiv ist der Zorn, nicht der Witz. Sein stumpfes Werkzeug ist der Holzhammer, nicht das Florett.

Den Karnevalsmotiven fehlt Erhellende

Natürlich – eine Satire, die jedem gefällt, kann keine gute sein. Die Satire ist die scharfsinnige, böse Schwester des Humors. Der Humor – zumal der deutsche – ist ja eher ein gemütlicher, rotbackiger Kumpan, der niemandem wehtun möchte. Die Satire dagegen ist ein fieses, kleines Biest, das immer mal testet, was so ein Land aushält. Aber „die echte Satire ist blutreinigend“, schrieb Kurt Tucholsky 1919 in seinem berühmten Text, aus dem die meisten nur den letzten Satz kennen. Etwas Blutreinigendes aber ist den rheinischen Bastelarbeiten nicht abzugewinnen.

Wenn Humor der heitere Himmel ist, ist Satire der Blitz. Es ist genau das, was den grobschlächtigen Karnevalsmotiven, für die vor allem Düsseldorf gerühmt wird, fehlt: das Licht, das mit dem Blitz kommt. Das Erhellende. Denn das reine Brechen von Tabus ist ohne Wert, wenn es weder Witz noch Erkenntnis in sich trägt (und für echten Nonsens zu spießig ist). Satire kann als potentes Vehikel eines selbstbewussten Bürgertums dienen, als nützliches Korrektiv: Wir sind das Volk. Wir beobachten euch. Aber so?

Rosenmontagszug in Düsseldorf: Am Ende gewinnt doch die Freiheit? Quelle: imago/Bettina Strenske

Nun ist der politische Teil des rheinischen Karnevals immer noch aushaltbarer als die TV-Sitzungen. Wenn brathähnchenfarbene Frauen mit Obst auf dem Kopf gliederschmeißend Ekstase simulieren. Wenn angeschossene Reservekasper Witze aus dem Holozän des Humors abfeuern. Wenn vor Bedeutung berstende Humorvorstände Minderjährigen in mortadellafarbenen Strumpfhosen auf die Beine starren. Und wenn diese amtlich zugelassene Kurzzeit-Eruption dann auch noch überwacht wird von einem Frohsinnskomitee, das aussieht wie der Revolutionsrat der Schweizer Garden, festgefroren in Blitzeis. Das ist Humor im Endstadium.

Jeder kennt diese angetüterten Onkels, die auf Familienfeiern ungefragt die Bespaßung übernehmen. „Der Karlheinz wieder ...!“, sagen die verlegenen Ehefrauen dann entschuldigend, wenn der Karlheinz die Mischpoke mit Vierzeilern in die Flucht schlägt.

Für gelungene Satire ist der Tabubruch nur ein Mittel

Aber was soll’s: Traditionen ist mit Sachargumenten traditionell nicht beizukommen. Da kann man als Nordlicht hundertmal schimpfen über Karneval als emotionales Druckventil für ein untertäniges Bürgertum, das die Pseudoanarchie mit dem Segen von Politik und Kirche für seine staatsbürgerliche Pflicht hält. Der Deutsche hat es nun mal gern, wenn seine Schnapslust von einem historisch-traditionellen Fundament untermauert wird. Die „Tagesschau“ vermeldet wie immer ordnungsgemäß den „Rottweiler Narrensprung“, Schlipse ab, Schnäpschen, Küsschen – aber dann alle wieder husch husch ans Werk, gell?

Für gelungene Satire ist der Tabubruch nur ein Mittel. Für die brachialen Respektlosigkeiten der Rosenmontagszüge dagegen ist er der Zweck selbst. Satire wird unten erdacht und oben erlitten. Ihr Sinn ist die Aufdeckung durch Bloßstellung. Aber wer „da oben“ soll sich getroffen fühlen von den mittelalterlich anmutenden Pappmaché-Basteleien? Fühlt sich Angela Merkel „ertappt“, wenn sie als Mammut „Mammutti“ durch Köln schlappt, gepiesakt von einem Steinzeit-Martin-Schulz?

Die Welt ist härter und komplexer geworden. Der Ton schärfer. Möglich, dass die sexuelle und gewaltorientierte Unzweideutigkeit der Karnevalsmotive 2017 diese neue Härte spiegeln soll, quasi als kämpferische Antwort auf Propaganda und Egomanie der Populisten. Allein – die 3-D-Karikaturen sind zwar härter, aber eben nicht komplexer. Die Zeiten verdienen scharfsinnige, kluge Komik. Eine Satire, die sich die demagogischen und dämonisierenden Methoden ihrer Gegner zu eigen macht, kann keine gute sein.

„Comedy“, hat Böhmermann mal gesagt, sei „ein Versuch, mit den Mitteln des Karnevals Kabarett zu machen.“ Karneval selbst hält er für „reaktionär“. Der „Humorprofi“ sei davon „eher angewidert“. Wolfgang Reus hat es etwas verbindlicher formuliert: „Fasching ist etwas für die, für die Fasching etwas ist.“

Eine Satire, die sich die dämonisierenden Methoden ihrer Gegner zu eigen macht, kann keine gute sein.

Von Imre Grimm/RND

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