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Vermeintlicher Nazi-Kollaborateur war Helfer von Juden

Mord an Widerstandskämpfer Vermeintlicher Nazi-Kollaborateur war Helfer von Juden

Diese Schlagzeile hat Holland erschüttert: "Widerstandsheldin (96) gesteht Mord an Widerstandsheld". Fast 65 Jahre nach ihrer Bluttat hat eine Greisin erkannt, dass ihr Opfer kein Nazi-Kollaborateur, sondern Helfer verfolgter Juden war.

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Der ermordete Felix Guljé (links, mit seiner Ehefrau) war kein Nazi, sondern Helfer von Juden.

Quelle: dpa

Leiden (Holland). Tragischer kann die Aufklärung eines lange zurückliegenden Mordes kaum sein: Mit 96 Jahren hat eine frühere holländische Widerstandskämpferin gestanden, 1946 einen mutmaßlichen Nazi-Kollaborateur erschossen zu haben, der in Wirklichkeit unter Lebensgefahr Juden vor den Nazis versteckt hatte. Mit dem Geständnis wollte die Greisin ihr Gewissen erleichtern. Die Familie des Opfers wirft ihr nun vor, viel zu leichtfertig getötet zu haben.

„Am Freitag, den 1. März 1946, wurde um 10.00 Uhr abends an der Wohnungstür von Felix Guljé an der Van Slingelandtlaan 8 in Leiden geklingelt“, so begann Leidens Bürgermeister Henri Lenferink seinen Bericht, der am Donnerstag viele Niederländer zutiefst erschütterte. Vor der Tür stand Atie Ridder-Visser, die während des Zweiten Weltkrieges die deutsche Besatzungsmacht in den Niederlanden bekämpft hatte und Kollaborateure abgrundtief hasste. Als sie den 52-jährigen Ingenieur, Bauunternehmer und Politiker Guljé im Flur erkannte, gab sie einen gezielten Schuss ab und verschwand danach unerkannt im Schneeregen.

Jahrzehntelang bereute sie nichts. Das war aus ihrer Sicht ja kein Mord, sondern eine Hinrichtung. Das Opfer, davon war Ridder-Visser angeblich überzeugt, hatte mit der deutschen Besatzungsmacht kollaboriert und seine gerechte Strafe bekommen. Schließlich hatte Guljés Unternehmen doch an Aufträgen der Nazis verdient und etliche Mitglieder der niederländischen Nazi-Partei NSB beschäftigt. So jedenfalls wurde es in Ridder-Vissers Kreisen berichtet. Die Bluttat löste seinerzeit großes Aufsehen aus. Guljé galt als künftiger Minister für Industrie und Handel.

Trotz umfangreicher Ermittlungen verliefen alle Spuren im Sande. Visser wurde nie verdächtigt. Ein Jahr nach dem Mord in der Van Slingelandtlaan ging sie für lange Zeit ins Ausland. 1982 kehrte sie kurzzeitig zurück, um das „Verzetskruis“ (Widerstandskreuz) entgegenzunehmen, die zweithöchste Auszeichnung der Niederlande.

Was sie angerichtet hat, wessen Leben sie vor 65 Jahren mit einem Schuss im Wohnungsflur tatsächlich auslöschte, erfuhr Ridder-Visser angeblich erst vor wenigen Monaten. Bei einer Begegnung mit Bürgermeister Lenferink kam das Gespräch auf den Mord an Guljé. Visser gestand die Tat - immer noch in der Annahme, sie habe einen Nazi-Kollaborateur erschossen. Doch der entsetzte Bürgermeister berichtete ihr, Guljé sei ein großer Sohn Leidens gewesen.

Seine Position als Unternehmer habe er unter Lebensgefahr genutzt, um Juden und andere Verfolgte zu verstecken und Untergetauchte materiell zu unterstützen. Heimlich hätten sich bei Guljé Nazi-Gegner getroffen, darunter die Leitung der verbotenen Katholischen Arbeitgebervereinigung AKWV, deren Vorsitzender er war.

Für Atie Ridder-Visser, die inzwischen gebrechlich und stark schwerhörig ist, brach eine Welt zusammen. Jahrzehnte war sie stolz darauf, sich den Nazis widersetzt zu haben und nach dem Krieg als Mitarbeiterin des „Politischen Aufspürungsdienstes“ Kollaborateure der Justiz übergeben zu haben. Guljé hatte sie gehasst, weil dessen Unternehmen einst im Auftrag der Besatzer eine Brücke wiederaufgebaut hatte, die von Vissers Untergrundgruppe zerstört worden war.

Zutiefst erschüttert schrieb die Greisin einen Brief, in dem sie ihre Mordtat gestand. Die Familie des Opfers und alle anderen sollten endlich erfahren, warum Guljé umgebracht wurde. Die Angehörigen reagierten empört. Von Versöhnung wollen sie nichts wissen, auch nicht nach 65 Jahren. Ridder-Visser und ihre Helfer aus dem Widerstand hätten die Pflicht gehabt, sich genauer über Guljé zu erkundigen, ehe sie Selbstjustiz übten, erklärte ein Familiensprecher.

Der Bürgermeister übergab Ridder-Vissers Brief mit deren Einverständnis an die Staatsanwaltschaft. Doch die winkte jetzt nur ab: Für die Bluttat gelte die Rechtslage von 1946. Und nach der sei der Mord nach 18 Jahren verjährt gewesen. Ein Trost sei das kaum, meint der Bürgermeister. Ob Ridder-Vissers große Auszeichnung, das „Verzetskruis“, nun eigentlich noch gültig sei, könne er nicht sagen.

dpa

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