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RAF-Trio macht grobe Fehler

Von Jägern und Gejagten RAF-Trio macht grobe Fehler

Ewig lange herrscht Schweigen. Aber jetzt macht die RAF wieder Schlagzeilen. Ermittler haben neue Erkenntnisse zu drei ehemaligen Terroristen. Die Schlinge könnte sich zuziehen - wenn die Fahnder keine Fehler machen.

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Am 28.12.2015 wurde ein Geldtransporter hinter dem Markt überfallen. Die Täter flüchteten ohne Beute. Nach dem Überfall fanden sich DNA-Spuren von drei seit Jahrzehnten abgetauchten RAF-Terroristen.

Quelle: dpa

Berlin. Das ist die Geschichte einer Jagd. Sie beginnt im deutschen Herbst in den 1970er Jahren. Und sie könnte bald zu Ende gehen. Aber noch ist es nicht so weit. Es ist die Geschichte von zwei Männern und einer Frau. Die Rede ist von den ehemaligen RAF-Terroristen Ernst-Volker Staub (61), Daniela Klette (57) und Burkhard Garweg (47). Und von den Fahndern, die ihnen vielleicht noch nie so dicht auf den Fersen waren. Es geht um DNA-Spuren und Phantombilder, um Existenzen im Untergrund, um Jäger und Gejagte. Es ist auch eine Geschichte von Fehlern und Fehlschlägen. Und ein Stück Geschichte dieser Republik.

Vor fast genau einem Jahr kam die Sache ins Rollen. In Niedersachsen, wo sich die aktuellen Raubzüge der drei zu häufen scheinen.

Samstag, 6. Juni 2015, 14.20 Uhr, Stuhr, Ortsteil Groß Mackenstedt, auf dem Gelände eines Real-Markts:
Seit 16 Jahren waren sie verschwunden, jedenfalls für die Fahnder. Plötzlich sind Staub, Klette und Garweg wieder da. Genauer: Die Polizei entdeckt ihre Spuren. Das Trio wollte, so der Stand der Ermittlungen, auf dem Parkplatz des Supermarkts einen Geldtransporter mit rund einer Million Euro überfallen. Sie blockieren den dunklen Geldwagen mit einem weißen VW Transporter T4. Das Auto war Ende 2014 rund 40 Kilometer entfernt bei einem Gebrauchtwagenhändler in Oldenburg gebraucht gekauft worden.

Einer der Täter zielt mit einer Panzerfaust auf das Fahrzeug. Die beiden anderen sind mit einer Kalaschnikow und einem Gewehr bewaffnet. Fahrer und Beifahrer weigern sich aber, den verriegelten Transporter zu öffnen. Die maskierten Täter feuern drei Schüsse auf das Fahrzeug ab, geben dann aber auf und flüchten in einem silbergrauen Ford Focus Kombi. Der T4-Van wird am Tatort zurückgelassen, der Ford Focus am 17. Juni in der Nähe gefunden.
Im Polizeibericht steht: „Die Täter waren maskiert. Auf der Bekleidung zumindest eines der Täter stand auf dem Rücken „POIZEI“ (Polizei ohne L).“ Das Amtsgericht Verden erlässt gegen die drei Haftbefehle wegen des Verdachts des versuchten Mordes und versuchten schweren Raubes. Die Ermittler gehen davon aus, dass die „RAF-Rentner“ keine neuen Anschläge vorbereiten wollten. Ihr Ziel dürfe das Sichern der Altersvorsorge sein, heißt es.

EINSCHÄTZUNG EINES RAF-EXPERTEN
RAF-Experte Butz Peters sagt: „Das ist ja das Tragische an der Geschichte: Jeder, der mal Scheiß’ gemacht hat, ist irgendwann aus dem Knast draußen. Aber die drei haben ja keine Chance. Sie sind ja fast dazu verurteilt, weiter kriminell zu sein.“

EIN HALBES JAHR SPÄTER
Montag, 28. Dezember 2015, 13.55 Uhr, Hehlinger Straße, Wolfsburger Ortsteil Nordsteimke, Gelände Real-Markt:
Das Trio versucht erneut, einen Geldtransporter zu überfallen. Einer der Täter bedroht den Beifahrer mit einer Waffe, der Fahrer drückt aufs Gaspedal und kann mit dem Transporter fliehen. Die Täter flüchten nach ihrem erneuten Fehlschlag in einem dunkelblauen Ford Focus Kombi. Am Tatort wird noch ein zweites Fahrzeug sichergestellt: ein grüner VW Golf Variant. Der Ford war im November 2015 in Celle gekauft worden, der Golf bei Hannover. Der Ford wird am Tag nach der Tat verlassen bei Wolfsburg gefunden. Tatwaffen waren unter anderen wieder ein Schnellfeuergewehr und eine Panzerfaust.

EINSCHÄTZUNG EINES PROFILERS
Profiler und Buchautor Axel Petermann sagt: „Ihnen scheint die Konsequenz und die Planungsgenauigkeit zu fehlen. Im entscheidenden Moment sind sie zu gestresst, um das, was sie sich vorgenommen haben, auch umsetzen zu können. Es wirkt letztendlich nicht sehr professionell.“

BLICK IN DIE VERGANGENHEIT
Garweg, Klette und Staub gehören zur sogenannten dritten Generation der RAF. Sie wurde aktiv, als zentrale Figuren wie Andreas Baader und Ulrike Meinhof längst tot waren. Auf das Konto dieser dritten Generation sollen mehrere Morde gehen, so an Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen (1989) und Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder (1991). Garweg, Klette und Staub verübten nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft 1993 als Kommando „Katharina Hammerschmidt“ einen Sprengstoffanschlag auf das neue, noch nicht fertige Gefängnis im hessischen Weiterstadt. Gesamtschaden: 123 Millionen D-Mark. Das war fünf Jahre, bevor die RAF 1998 offiziell ihre Auflösung bekanntgab.
Am 20. Juli 1999 soll das Trio auch einen Geldtransporter in Duisburg-Rheinhausen überfallen haben. Die Beute: rund eine Million D-Mark (510 000 Euro). An den Sturmhauben fanden die Behörden später Genmaterial von Klette und Staub. Die Täter waren mit Motorradhelmen maskiert. Dieses Geld dürfte inzwischen aufgebraucht sein.

ÜBERFÄLLE AUF SUPERMÄRKTE
Dass das Trio zuletzt nicht nur Geldtransporter im Visier hatte, sondern wohl auch Supermärkte, kommt erst allmählich raus: Mehrere Überfälle auf Läden könnten auf das Konto der „RAF-Rentner“ gehen, Medienberichte dazu bestätigten die Behörden am Freitag. 380 000 Euro sollen sie dabei erbeutet haben, schreibt „Der Spiegel“. Auch nach einem gescheiterten Überfall auf einen Geldboten Mitte Mai in einem Supermarkt in Hildesheim ist noch unklar, ob das Trio für diese Tat verantwortlich ist.
Jedenfalls gaben die Behörden vor kurzem aktuelle Fahndungsfotos heraus. „Die Bilder stammen aus diesem Jahr“, sagt Staatsanwältin Marie-Louise Tartz in Verden. In einem in den Niederlanden in der Sendung „opsporing verzocht“ (das holländische „Aktenzeichen xy ... ungelöst“) am 24. Mai verbreiteten Fahndungsaufruf heißt es: „Wahrscheinlich hat das Trio in den letzten fünf Jahren mindestens sieben solcher gewalttätiger Überfälle begangen.“

VIELE OFFENE FRAGEN
Trotz aller neuen Details liegt vieles noch im Vagen. Wo haben die drei in all den Jahren gelebt, wo leben sie heute? Die Tatorte der Überfälle, die Standorte der Autohändler, bei denen die Fahrzeuge gekauft wurden, konzentrieren sich auf den Norden: Stuhr und Wolfsburg, Celle, Hannover, Oldenburg. Staub stammt aus Hamburg, Garweg hat dort gelebt. Und er hat Staub sowie Klette dort kennengelernt. Aber auch ein Leben in den benachbarten Niederlanden wäre - logistisch gesehen - möglich. Und nicht entdeckt zu werden ist anscheinend gar nicht so schwer.

EINSCHÄTZUNG EINES EX-GENERALBUNDESANWALTS
Ex-Generalbundesanwalt Kay Nehm sagt dazu: „Gesuchte Straftäter können jahrelang unerkannt leben, solange sie keine öffentlichen Leistungen in Anspruch nehmen und nicht durch Zufall in die Fänge des Staates geraten. Wer sich persönliche Dokumente anderer Personen beschafft, kann damit auch öffentliche Leistungen sogar im Gesundheitswesen in Anspruch nehmen, ohne aufzufallen.“
RAF-Experte Peters erinnert daran, dass das rechte NSU-Terrortrio es geschafft hat, 13 Jahre im sächsischen Untergrund zu leben. „Beate Zschäpe hatte fast ein Dutzend Identitäten, sie ist damit so geschickt umgegangen wie ein Jongleur mit fünf Bällen.“ Ein Versteck im benachbarten Ausland hält Peters für möglich: „Amsterdam war Headquarter der RAF im deutschen Herbst, danach war Paris drei Jahre Fluchtburg mit 5 Wohnungen für etwa 15 Personen. Für die Nachbarländer ist die RAF ganz weit weg, die sagt den Menschen dort überhaupt nichts.“ Das hilft denen, die unerkannt bleiben wollen.

Ob das Trio heute tatsächlich zusammenlebt, ist offen. Klette und Staub waren einmal ein Paar. Aber das ist 20 Jahre her. Immerhin ein Hinweis: In einem der Täterfahrzeuge wurden Hundehaare gefunden. Es könnte also ein Haustier geben.

PROFIS ODER NICHT?
Zweifel an der Professionalität der Täter nährt vor allen die Tatsache, dass die beiden Überfälle in Stuhr und Wolfsburg erfolglos blieben. Und auch der ihnen noch nicht sicher zugeschriebene in Hildesheim. In Wolfsburg trägt ein Krimineller keine Maske - Zeugen können ihn beschreiben. Und der Geldtransporter in Stuhr ist bereits verriegelt, als das Trio zuschlagen will. Später funktioniert dann der Zünder nicht, mit dem die Täter ihr Fluchtauto in Brand setzen wollten. Die Batterie soll nicht stark genug gewesen sein. Die Folge: Ihre DNA kann im Wagen erneut identifiziert werden.

EINSCHÄTZUNG EINES POLIZEIEXPERTEN
André Schulz vom Bund Deutscher Kriminalbeamter sagt: „Es ist einfacher, die Geldboten abzufangen, wenn sie nicht im Fahrzeug sind. Denkbar ist dann auch, denjenigen, der drinnen sitzt, mit der menschlichen Geisel zu nötigen, das Fahrzeug zu öffnen. Auch wenn es Anweisungen gibt, das nicht zu tun.“

PROBLEME DER FAHNDER
Auch bei den Fahndern läuft nicht alles rund: Die Polizei geht nach dem Überfall in Stuhr Mitte 2015 lange von drei männlichen Tätern aus. Auch für die ZDF-Sendung „Aktenzeichen xy...ungelöst“ am 20. Januar 2016 wird das Geschehen mit drei Männern nachgestellt. Erst etwa zwei Wochen vor der Ausstrahlung, so heißt es, kommt durch die DNA-Analysen heraus: Der dritte Täter war eine Frau. Daniela Klette.
Auch die Erfolglosigkeit der Fahndungsaufrufe macht stutzig. Erst wird unter anderem mit jahrzehntealten Fotos gesucht. Nach dem Wolfsburger Überfall entstand zudem ein Phantombild. Mehr als 400, wohl auch wegen des Alters vieler Fotos nicht immer zielführende Hinweise muss die Sonderkommision „Real“ nach der Sendung abarbeiten.

Dann können Zielfahnder des Landeskriminalamtes in Hannover einen Erfolg melden. Sie sichern die Fotos, die Staub und Garweg 2016 zeigen sollen. Doch die Resonanz der Veröffentlichung kann ernüchtern: Binnen einer guten Woche gehen nur 27 Zeugenhinweise ein. Vermutlich auch, weil die Bilder ohne weiterführende Information verbreitet wurden - etwa zum Ort ihres Entstehens. Gerade das Foto Staubs - wohl aus einer Überwachungskamera - ist von guter Qualität. Menschen aus seiner Nachbarschaft müssten ihn eigentlich erkennen, heißt es. Bis jetzt Fehlanzeige.

Bemerkenswert ist auch, dass sich Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt (BKA) so zurückhalten. Bisher spreche nichts für einen Terrorhintergrund, heißt es. Folglich braucht Karlsruhe die Jagd, was die aktuellen Raubzüge angeht, nicht zu übernehmen. Auch das BKA in Wiesbaden verweist auf die Zuständigkeit der Staatsanwaltschaft in Verden. Einer Kreisstadt, um die 27 000 Einwohner, plattdeutscher Name Veern.
Also sind die Niedersachsen am Zuge. Die Sonderkommission „Real“ in Diepholz, noch kleiner als Verden, wurde aber Ende April aufgelöst, die Zahl der Ermittler reduziert. Dennoch seien die Fahnder weitergekommen, heißt es. Die Polizei kreise die RAF-Oldies allmählich ein. Oder, wie andere Beobachter sagen: Die Fahnder tappen weiter im Dunkeln.

Sie versuchen zwar, mit Großaktionen wie etwa mit der Befragung von rund 1000 Autohändlern endlich voranzukommen. Doch wenn der durchschlagende Erfolg weiter auf sich warten lässt? Bleibt noch die Hoffnung, die Täter würden sich vielleicht freiwillig stellen. In diesem Fall könnten sie mit einer erheblich reduzierten Strafe rechnen. Wahrscheinlich ist das nicht. Den richtigen Zeitpunkt dafür hat das Trio wohl verpasst.

EINSCHÄTZUNG EINES EX-GENERALBUNDESANWALTS
Kay Nehm sagt: „Ich halte es für möglich, dass untergetauchte Terroristen dieses Dasein irgendwann nicht mehr aushalten. Sie wären gut beraten gewesen, sich mit Hilfe von Anwälten rechtzeitig zu stellen. Nach den Erfahrungen der strafrechtlichen Praxis steigen die Chancen, glimpflich davon zu kommen, je länger die Taten zurückliegen. Die nun hinzukommenden neuen Vorwürfe erleichtern ein solches Vorgehen gewiss nicht.“

dpa

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Supermarkt-Überfälle

Die auf die Niederlande ausgedehnte Fahndung nach den drei gesuchten RAF-Terroristen Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette hat neue Hinweise gebracht. Diese würden nun ausgewertet, über den Inhalt und die Qualität der Hinweise könne noch nichts gesagt werden, teilte die niederländische Polizei mit.

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