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Walsrode fürchtet um seinen guten Ruf

Hells Angels-Einfluss Walsrode fürchtet um seinen guten Ruf

Die Stadt Walsrode ist in die Schlagzeilen geraten, aber anders als sich das viele Bürger wünschen: Die Stadt in der Lüneburger Heide wird zunehmend in einem Atemzug mit den Hells Angels genannt. Die Rockerbande versucht offenbar mehr Einfluss in dem Heidestädtchen zu gewinnen.

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In Walsrode eine geachtete Person: Wolfang Heer, Besitzer des örtlichen Bordells "Casanova".

Quelle: Christian Burkert

Walsrode. Eine Stadt kämpft um ihren guten Ruf: Walsrode wehrt sich gegen den Verdacht, einen Pakt mit „Höllenengeln“ und „Roten Teufeln“ eingegangen zu sein. Hells Angels und Red Devils, so nennen sich Rockergangs, die nach Medienberichten in dem Heidestädtchen immer mehr an Einfluss gewinnen. Walsrodes Bürgermeisterin Silke Lorenz lud daher am Mittwoch zu einer Pressekonferenz, um dem imageschädlichen Horrorgemälde entgegenzutreten. „Viele Walsroder sind stark besorgt über eine Berichterstattung, die ein verzerrtes Bild von der Realität unserer Stadt zeichnet“, sagte die parteilose Rathauschefin. „Wir werden die Entwicklung weiter aufmerksam verfolgen, aber zu einer Dramatisierung besteht kein Anlass.“

Wie angespannt die Situation ist, zeigt sich bei Nachfragen. Die Bürgermeisterin reagiert unsicher, nervös und zumeist ausweichend. Im Zentrum der Debatte steht der Walsroder Geschäftsmann Wolfgang Heer, der als Schatzmeister eine führende Position bei den deutschen Hells Angels bekleidet und gemeinsam mit seinem hannoverschen Rockerfreund Frank Hanebuth das Sicherheitsunternehmen GAB-Security lenkt, das zum Beispiel in Hannover das Steintorviertel mit Türstehern versorgt.

In Walsrode ist der 65-jährige Altrocker fast so etwas wie ein Ehrenmann. Neben Bordellen und Sicherheitsunternehmen nämlich betreibt Heer auch ein Fitnessstudio und eine Bowlingbahn und bedenkt überdies die örtlichen Vereine und Verbände großzügig mit Spenden. Grünen-Ratsherr Detlef Gieseke forderte die Stadt bereits im vergangenen Jahr auf, sich nicht länger korrumpieren zu lassen und sich von dem Höllenengelsfürsten zu distanzieren. Doch der Lehrer stieß auf eine Mauer der Abwehr. Heers Ordner etwa durften bei einem Stadtfest vor einigen Tagen erneut für Ruhe und Ordnung sorgen, obwohl sie nach Polizeiangaben erst wenige Wochen zuvor durch ihre Überreaktion maßgeblich zu einer Fußball-Randale beigetragen hatten.

Da sich jedoch die Negativschlagzeilen häuften und bereits Urlaubsstornierungen zur Folge hatten, entschloss sich die Bürgermeisterin jetzt, einen Runden Tisch einzuberufen – mit Parteien, Vereinen, Verbänden, Kirchen- und Polizeivertretern. Die überregionale Presse blieb indessen – wegen angeblicher „Negativberichterstattung“ – ausgeschlossen; die Bürgermeisterin ließ nur die „Walsroder Zeitung“ zu.

Welche Gefahren sich mit den Hells Angels verbinden, führte laut „Walsroder Zeitung“ Andreas Kühn, Leiter der Abteilung organisierte Kriminalität im Landeskriminalamt (LKA), dem runden Tisch vor Augen: Die Rockergang kämpfe um Vorherrschaft im Rotlichtmilieu und der Ordner- und Türsteherszene und versuche nach dem Muster der organisierten Kriminalität Einfluss auf Politik, Medien, Justiz und Wirtschaft zu nehmen. Vier Tötungsdelikte werden den Hells Angels seit 2009 zugeschrieben. Mit Blick auf Walsrode enthielt sich der LKA-Mann einer eindeutigen Wertung, mahnte jedoch: „Manche Geschäftsbeziehungen haben auch Nebenwirkungen.“ Und wenngleich sich das Walsroder Rocker- und Rotlichtmilieu im legalen Rahmen bewege, gebe es auch eine moralische Ebene, die niemand ausblenden solle.

Dieser Einschätzung schlossen sich Ratsvertreter an, indem sie dazu aufriefen, „sich künftig ganz genau zu überlegen, von wem man Geld annimmt und mit wem man Geschäfte macht“. Ein Ratsherr der Walsroder Bürgerliste hingegen rühmte, wie am Mittwoch bekannt wurde, Heer nach wie vor als „großen Steuerzahler“ und wichtigen Auftraggeber für das örtliche Handwerk.

Anlass zur Sorge sieht weiter nur Ratsherr Gieseke. „Ich habe Angst um meine Sicherheit und die Sicherheit meiner Familie“, sagt der Grünen-Politiker. „Sorge macht mir auch, dass unsere Jugendlichen immer mehr in den Dunstkreis dieser Rockergangs geraten.“ Außer dem Fitnesscenter und der Bowlingbahn diene zur Kontaktaufnahme auch ein Klubheim der Red Devils, das 2010 aus den Trümmern eines niedergebrannten Bordells der Familie Heer errichtet wurde. Die Red Devils, eine Hilfstruppe der Hells Angels, haben in jüngster Zeit ganz Niedersachsen mit Neugründungen überzogen.

Diese Entwicklung ist auch für den Walsroder Superintendenten Ottomar Fricke Anlass, seine Position zu überdenken. „Wer sich als Outlaw definiert, kann keine Akzeptanz erwarten“, sagt der Kirchenmann. Auch Bürgermeisterin Silke Lorenz empfiehlt nun eine kritische Haltung zu Heer einzunehmen. Gieseke, vielfach als Nestbeschmutzer gescholten, betrachtet solche Stimmen als Zeichen für ein Umdenken. Doch auch Superintendent Fricke sieht noch keinen Grund, künftig die Spenden von Wolfgang Heer zurückzuweisen. „Ich kann nicht beurteilen, ob das Geld meinen moralischen Ansprüchen genügt.“

Für Anja Koch stellen sich solche Fragen nicht. Eine „Sauerei“ sei es, dass so getan werde, „als wären wir hier schon im Würgegriff der Höllenengel“, sagt die Bäckereiverkäuferin. „Man muss sich ja langsam schämen, dass man in Walsrode wohnt.“ Wie viele Walsroder sieht die 30-Jährige den örtlichen „Casanova-Club“ und die anderen Bordelle Heers zwar eher kritisch, kann aber nichts dabei finden, dass der glatzköpfige Geschäftsmann so viel spendet und Glanzpunkte in der Stadt setzt.

Seinen 60. Geburtstag feierte der Bordellbetreiber vor fünf Jahren standesgemäß in der Stadthalle. Die Hells Angels hatten damals noch mit einem Motorradkorso gratuliert. Seinen nächsten Geburtstag wird er nun wohl schlichter feiern.

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