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13:15 21.02.2018
Wo sollen Menschen heute ihre emotionalen Haltepunkte finden? In austauschbaren Einkaufszentren, im Massentourismus, abends bei Netflix? Ein modernes Heimetverständnis ohne Trennlinien könnte helfen. Quelle: iStockphoto
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Hannover

Was haben wir gelacht. Gleich kübelweise wurde in den vergangenen Tagen Häme ausgegossen über den “Heimat-Horst“. Ein CSU-geführtes Ressort in Berlin, das sich die Heimat vornehmen soll – da schütteln viele sich spontan und wittern nichts anderes als ein hohles Tschingderassabum. Höhnisch wurde in den sozialen Netzwerken gefragt: Wird jetzt für Männer die Lederhose Pflicht? Sollen Frauen sich künftig im Dirndl zur Volksmusik um die eigene Achse drehen?

Die Redakteure der linksalternativen “taz“ titelten: “Home is where the Horst is“ – Heimat ist da, wo der Horst ist. In deutschen Supermärkten, blödelte ein fröhlicher Twitterer, werde es bald das fünfteilige “Heimat-Horst-Starter-Set“ geben: “Fähnchen, Gartenzwerg, Fünf-Liter-Fass Weißbier, regionale Tracht, Handbuch zur Leitkultur.“

Inzwischen aber, nachdem sich alle wieder beruhigt haben, beginnt ein etwas differenzierterer zweiter Teil der Debatte. “Köln“, tippte am Dienstag ein gewisser Ali Utlu in seinen Tweet, “ist meine Heimat.“ Dann fährt er fort: “Ein Bayer wird dieses Gefühl dieser Stadt niemals verstehen. Vor allem kein Seehofer.“ Sprechen Bekenntnisse dieser Art nun für oder gegen das Thema Heimat?

Menschen brauchen emotionale Haltepunkte

Sogar die anfangs ablehnende alternative Szene fängt an, sich am Kopf zu kratzen und neu nachzudenken. Viele Köpfe seien “vor Skepsis explodiert“, vor allem weil der Posten des Heimatministers mit Seehofer besetzt werden solle, schrieb die “taz“. Auch liege der Verdacht nahe, dass es Union und SPD nicht zuletzt darum gehe, AfD-Wähler zurückzugewinnen. “Wenn es aber um den Wiederaufbau der Gesellschaft gehen soll, geht uns das alle an.“

Heimat für alle: Tatsächlich liegt genau hier die Schlüsselfrage. Wenn man Heimat modern definiert, ohne Trennlinien entlang von Herkunft, Ethnie und Religion, liegt in der Stärkung der Heimat nichts Rückschrittliches, sondern ganz im Gegenteil eine gute, eine vorwärtsweisende Idee, deren Zeit gekommen ist.

Wo sollen Menschen heute ihre emotionalen und ihre identitätsstiftenden Haltepunkte finden? In austauschbaren Einkaufszentren, im Massentourismus, abends bei Netflix?

Heimat muss neu erschlossen werden

Deutschland ist ein reiches Land. Dennoch wachsen hinter den Kulissen einer rundum heiteren Konsumkultur viele neue Ängste. Jüngere ahnen, dass ihr Berufsleben kräftig durcheinander gerüttelt werden könnte durch Globalisierung, Digitalisierung und den Vormarsch von Robotern und künstlicher Intelligenz. Ältere fürchten mit Blick auf ihre letzten Lebensjahrzehnte Abstieg, Einsamkeit und Armut. Menschen, die weit draußen wohnen auf dem Dorf, fühlen sich schon jetzt abgehängt und ahnen, dass es bald noch schlimmer wird.

Heimatexperten wie die sächsische Landesministerin Petra Köpping von der SPD verorten das Problem im Psychologischen: fehlende Anerkennung. Man müsse die unzufriedenen Menschen einbinden und ihnen das Gefühl geben, dass sie gehört werden. Aber wie soll das genau gehen? Wie will die Politik Leute ansprechen, die einfach dichtmachen und ihre politischen Abschottungsphilosophien auch privat ausleben?

Die Heimat, von der jetzt in neuer Weise die Rede ist, muss hier und da erst mühsam neu entdeckt, neu erschlossen werden. Nie war in Deutschland der Anteil derer, die ihre Nachbarn überhaupt nicht kennen, so hoch wie heute. Von außen unerkennbar, hinter den gedämmten Mauern des modernen Wohnungsbaus, zerfällt die Gesellschaft in immer seltsamere Foren und Grüppchen aller Art. Zusammenhalt erleben viele Menschen nur noch virtuell, wenn sie nachts im Netz Bestätigung suchen für ihre teils nur schrägen, teils auch gefährlich radikalen Ansichten. Genau diese Szenerie ist es, die heimischen Radikalen ebenso hilft wie zugezogenen Fundamentalisten.

Mehr Stammtisch wagen

Eine funktionierende Heimat, in der man sich persönlich trifft, Gedanken austauscht und sich unterhält, könnte den Einfluss der Radikalen dämpfen. Stammtische beispielsweise sind lange genug belächelt worden. Man rümpfte die Nase über Leute, die beim Bier in der Dorfgaststätte oder in der Großstadtkneipe um die Ecke über allgemeine Themen diskutierten. Heute dagegen erstrahlt der Stammtisch in einem geradezu feierlichen neuen Licht, als Beispiel demokratischer bürgerlicher Kultur – denn am Stammtisch kommen auch andere als die eigenen Meinungen zu Wort, hier wird eine Haltung auch mal infrage gestellt.

Gehört am Ende auch das Weißbier, ausgeschenkt bei einem Stadtteilfest, zu den Gegengiften gegen das Abrutschen ganzer Gegenden in eine Mischung aus Tristesse und Radikalität? Städte, Vereine, Gewerbetreibende müssen, sollten und werden dies wohl ausprobieren. Mehr Hinwendung zur Heimat jedenfalls kann nicht schaden.

In diesem Sinne muss auch ein neuer Blick fallen auf Kulturetats, auf Zuschüsse für den Sport, auf die Frage, ob der Laden, die Schule, das Freibad wirklich geschlossen werden muss. Ein Bundesminister für Heimat in Berlin mag weit weg sein. Aber er kann etwa durch finanzielle Förderung oder steuerliche Erleichterungen an diversen Schrauben drehen, um im Zweifelsfall eine Entscheidung gegen die Verödung von Heimat möglich zu machen.

“Verächtlichkeit verbietet sich“

Allzu lange haben die Deutschen vor lauter Modernität das Thema Heimat übersehen. Das ist keine Spezialerkenntnis der Christsozialen aus Bayern. In Berlin ist jetzt parteiübergreifend ein neuer Respekt vor den Stimmungen und Strömungen in den Provinzen entstanden, im Kanzleramt ebenso wie in der SPD-Zentrale. Alle sehen sich geeint in dem Bemühen, viel mehr Rücksicht zu nehmen auf die Befindlichkeiten jener in Deutschland, die sich “nicht gesehen“ fühlen.

Der neue Bundesvorsitzende der Grünen, Robert Habeck, ein Mann aus Schleswig-Holstein, gab eine neue, für seine Partei zunächst ungewohnte Losung aus: “Wir müssen uns trauen, über Begriffe wie ,Heimat’ und ,Patriotismus’ zu reden, sie für uns zu reklamieren und sie zu definieren.“

Ist das alles nur politische Taktik, wie manche meinen? Geht es in der neuen deutschen Heimatdebatte der Union allein darum, der AfD das Wasser abzugraben? Wollen die Grünen nur in den Teichen der Schwarzen fischen? Es sei jedenfalls ein großer Fehler, sagt Habeck, Begriffe wie “Tradition“ und “Heimat“ der AfD zu überlassen. Er habe in Gesprächen oft erlebt, dass diese Dinge für Menschen wichtig seien: “Da verbietet sich jede Form von Verächtlichkeit.“

Einen Versuch ist es wert

Die Grünen hatten immer schon einen besonderen Sinn fürs Heimatliche. Es hat mit ihren Ursprüngen zu tun. Bei der ersten deutschen Anti-Atom-Demonstration, im Jahr 1975 in Whyl in Baden-Württemberg, reichten sich schwäbische Studenten, Bauern, Winzer, Hausfrauen und Rentner die Hand. Heimatbewegung und Umweltbewegung wurden eins – und stoppten tatsächlich den Bau eines Atomkraftwerks: “Nai hämmer gsait“ – Nein haben wir gesagt.

Die Kraft, die gegebenenfalls in den Provinzen entfaltet werden kann, ist enorm. Könnte diese Kraft auch mobilisiert werden, um die heutigen Probleme anzugehen, allen voran das Gefühl des Abgehängtseins und der Vereinsamung? Einen Versuch ist es wert.

Von Matthias Koch

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