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Jamie-Lee – ein Manga-Mädchen in Bullerbü

ESC 2016 Jamie-Lee – ein Manga-Mädchen in Bullerbü

Die deutsche ESC-Hoffnung Jamie-Lee Kriewitz buhlt in Stockholm um Sympathien. Ihre Chancen auf den Sieg des Musikwettbewerbs sind nicht groß. Aber sie repräsentiert einen europäischen Zeitgeist. Eine Begegnung. 

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"Ich erlebe die beste Zeit meines Lebens" - Jamie-Lee Kriewitz freut sich auf den ESC 2016.

Quelle: dpa

Stockholm. Nein, keine Elche! Keine Fotos mit eingesperrten Tieren. Jamie-Lee Kriewitz, Veganerin und Peta-Galionsfigur, ist dagegen. Man hatte sich da etwas mit jungen Elchen überlegt. Elfe mit Elchen – schon klar. Aber nicht mit Jamie-Lee. Sie glaubt nicht an glückliche Zootiere. Auch nicht hier, im Stockholmer Freilichtmuseum Skansen, dem ältesten der Welt. So sterben Fotografenideen. Am Ende geht’s halt in die Achterbahn.

Foto hier, Küsschen da, immer lächeln

Sie macht ja sonst fast alles mit, was zum Eurovision-Zirkus dazugehört. Klettertour über Stockholms Dächer. Besuch einer Glasbläserei. Konkurrenten herzen. Foto hier, Küsschen da. Immer lächeln, und immer ihre „Signature Pose“ zeigen, ihr Wiedererkennungszeichen: das doppelte Victoryzeichen nah an der Wange.

Insgesamt treten 26 Länder beim Eurovision Song Contest (ESC) in Stockholm an. Deutschland wird von Jamie-Lee Kriewitz vertreten. Wer sind ihre Konkurrenten? Das sehen Sie hier.

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Alles im Dienste der Mission. Und die heißt: Am Sonnabend im Finale des 61. Eurovision Song Contest eine Blamage vermeiden. „Ich habe viel zu tun“, sagt die 18-Jährige. „Aber ich erlebe die beste Zeit meines Lebens.“ (hier geht´s zum ausführlichen Interview mit Jamie-Lee Kriewitz)

Jamie-Lee Kriewitz aus Bennigsen gewann im vergangenen Jahr die fünfte Staffel der Castingshow "The Voice of Germany". In diesem Jahr tritt die 18-Jährige für Deutschland beim Eurovision Song Contest an.

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In der „Tyska Skolan“ etwa, der Deutschen Schule in Stockholm. 200 Schüler hocken in der glutheißen Turnhalle, viele mit bunten Manga-Haarreifen. Alarmkreischen, als Jamie-Lee erscheint, im rosa Tutu mit Sesamstraßenrucksack.

An ihrer Seite: Michi Beck und Smudo von den Fantastischen Vier, die ihr seit dem Sieg bei der Castingshow „The Voice of Germany“ in „brüderlicher Freundschaft“ (Smudo) verbunden sind. Ob sie aufgeregt sei, fragen die Schüler. „Ich bin immer aufgeregt“, sagt Jamie-Lee – „ob ich vor zwei Zuhörern singe oder vor zwei Millionen.“

„Oder vor 200 Millionen“, feixt Smudo.

„Oh Gott  ...“, piepst Jamie-Lee.

„Es ist nur eine Zahl“, sagt Smudo.

Schnell deeskalieren. 30 Fünftklässler singen ihren ESC-Song „Ghost“. Tränen der Rührung. „Oh mein Gott, war das süß“, sagt sie.

Mit dem Selbstbewusstsein eines Zlatan Ibrahimovic

Fragerunde mit den Schülern. Nein, sie hat keinen Freund („keine Zeit“). Nein, sie spielt kein Instrument („die Klavierlehrerin war nicht cool“). Ja, sie wird ihr Abitur machen: „Ich darf die zwölfte Klasse wiederholen, wann ich will. Ich habe eine sehr nette Schule.“


Ja, sie ist Veganerin, seit sie vor Jahren ein schreckliches Video vom Tierleid in der Fleischindustrie sah. „Ich habe von einem Tag auf den anderen aufgehört, Fleisch zu essen.“ Ihr Lieblingslied im Wettbewerb? „If I Were Sorry“ vom schwedischen Vertreter Frans. „Das ist cool.“ Smudo grinst ironisch: „Mit welcher Grandezza die Königin des Grand Prix die Konkurrenz bedenkt und dabei ihre Größe spüren lässt!“

Das ist nicht ganz korrekt. Nicht wie die Königin wirkt sie hier in Stockholm, zwischen krachledernen Ostblock-Amazonen und vor Ehrgeiz zitternden Size-Zero-Diven. Eher wie Alice im Wunderland. Die Elchklischees von der schwedischen Idylle passen ganz gut zur Mangaprinzessin aus Bennigsen. Sailor Moon in Bullerbü. Aber mit dem Selbstbewusstsein eines Zlatan Ibrahimovic.

12 Points: Neues Punktesystem

  • In Stockholm hat die heiße Phase des 61. Eurovision Song Contest (ESC) begonnen. Am Dienstagabend qualifizierten sich in einer zweistündigen Show im ersten Halbfinale zehn Länder für das Finale am Sonnabend (ARD, 21 Uhr). 200 Millionen Zuschauer weltweit könnten das TV-Ereignis verfolgen.
  • Unter den Konkurrenten der deutschen Starterin Jamie-Lee Kriewitz sind wie erwartet der als Favorit gehandelte russische Teilnehmer Sergey Lazarev sowie die Künstler aus Österreich und den Niederlanden. Für das Finale sind sechs Länder gesetzt, darunter das zu den großen Geldgebern des ESC zählende Deutschland. In den zwei Halbfinals qualifizieren sich jeweils zehn Länder für das Finale der 26 – das zweite Halbfinale findet heute statt.
  • Ein zentrales Element der Show wird in diesem Jahr reformiert: die Punktevergabe. Bisher bildete je zur Hälfte eine Jury aus den Teilnehmerländern und die Zuschauerabstimmung eine Punktzahl von eins bis zwölf Punkten. Von dieser Abstimmung verlas im Anschluss an die Auftritte der Künstler ein Ländersprecher die besten drei Länder. Für diese wurden zwölf, zehn und acht Punkte vergeben, die weiteren Punkte von sieben bis eins wurden einfach eingeblendet und aufaddiert.
  • Die Streuung der Punkte zwischen eins und zwölf bleibt unverändert. Neu ist, dass die Ländersprecher nur noch das Abstimmungsergebnis der Jurys bekannt geben und von diesem auch nur die zwölf Punkte für das beliebteste Land. Alle anderen Punkte werden eingeblendet und addiert. Nach Bekanntgabe der Juryergebnisse aus allen 42 Ländern geben dann die Moderatoren die Ergebnisse der Zuschauerabstimmung für die 26 Finalisten bekannt. Dies aber als Summe aller Länder pro Teilnehmer. Die ESC-Organisatoren wollen damit die Spannung erhöhen, nachdem zuletzt stets deutlich vor dem Ende der Show der Sieger schon feststand.

Es ist nicht einfach, in diesem fähnchenüberfluteten Zirkus, in dem 42 Egomanen „HIER!“ schreien, aufzufallen. Die „New York Times“ hat Jamie-Lee (benannt nach der Schauspielerin Jamie Lee Curtis) gerade in einem ESC-Artikel als „hot this year“ gefeiert.

Man nähert sich dort dem Spektakel mit dem verwunderten Blick des Ethnologen (putzig, diese Europäer!) und bläst den Staub von den alten Plänen für einen American Song Contest zwischen allen 50 Bundesstaaten.

Pause vom wirklichen Wahnsinn

Die Buchmacher sehen ­Jamie-Lee realistischer: im Mittelfeld. Immerhin. Man ist ja demütig geworden. Vorn liegen Russland, Schweden, Frankreich. „Hoffnung und Druck hängen zusammen“, sagt Jamie Lee. „Wenn ich die ganze Zeit darüber nachdenken würde, wie es wäre, in die Top Fünf zu kommen oder den ESC zu gewinnen – dann wäre ich enttäuscht, wenn das nicht passiert.“

Die Proben in der Globen Arena waren solide. Man schraubt noch am Licht. Zum Finale kommen dann Eltern und Bruder.

Eine 17-jährige Schülerin aus Springe wird Deutschland beim Eurovision Song Contest vertreten: Jamie-Lee Kriewitz gewann den deutschen ESC-Vorentscheid. Sehen Sie hier die schönsten Bilder der Show "Unser Lied für Stockholm".

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Jamie-Lee, die Elfin mit ihren rosafarbenen Schleifchen und den Kinderfiguren um sie herum, ist eine würdige Repräsentantin des europäischen Zeitgeists. In Phasen der ganz realen Krise flüchten sich Menschen und Gesellschaften gern in die emotionale Idylle, in schmerzfreie Märchenwelten, die eine Pause vom wirklichen Wahnsinn verheißen, von Rechtsruck, Flüchtlingselend, TTIP, politischer Ratlosigkeit.

Der weltweit verbreitete Decora-Kei-Stil, geboren in Japan und Südkorea, ist mit all seiner quietschbunten Verniedlichung vor allem Ausdruck einer verunsicherten, verspielten, zukunftsängstlichen Jugend, die das Ende der Kindheit so lange wie möglich herauszuzögern versucht. Es ist eine Insel der Glücksverheißung in einem Meer von Überforderung ringsum. Dass europaweit Musicals, TV-Serien, Pop-Festivals und Kreuzfahrten boomen, ist Ausdruck eines massenhaften Eskapismus.

Der ESC ist in diesem Kontext vor allem ein Angebot zur Weltflucht. Und zum europäischen Datenabgleich: Wo stehen wir? Wie weit ist die Homogenisierung der kontinentalen Kultur vorangeschritten? Was trennt uns, worauf können wir uns einigen? Was wollen wir sehen. Und: Was wollen wir sein?

ESC spiegelt den Zeitgeist

In den vergangenen Jahren gewannen beim ESC immer die selbstbewussten Sympathen. Diejenigen, die sich der Verbiegung verweigerten, wie die österreichische Toleranz-Ikone Conchita Wurst. Ihr Sieg 2014 war der bisher deutlichste Ausdruck der Tatsache, dass der ESC den Zeitgeist spiegelt. So wäre Europa – oder zumindest ein bedeutender Teil – in der Summe auch gern: tolerant, interessant, offen, anders.

Wie sehr sich der vermeintlich „unpolitische“ ESC der Tatsache bewusst ist, dass er auch ein politisches Ereignis ist, verriet die Pausennummer im ersten Halbfinale am Dienstagabend: Die Tanzgruppe The Grey People zeigte in einer Choreografie das Leid von Millionen Flüchtlingen als dramatische Performance.

Im ersten ESC-Halbfinale kämpften am Dienstagabend 18 Länder um zehn Finalplätze. Wir zeigen Ihnen, welche Konkurrenten für Jamie-Lee in der Finalshow am Samstag bereits feststehen.

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Das hätte leicht zum peinlichen, überambitionierten Fremdschäm-Moment werden können und war doch eine spektakuläre Stellungnahme. Totenstille in der Globen Arena. Dann tosender Beifall.

Schmuseteddy-Niedlichkeit trifft Düsternis

Jamie-Lee ist kein kalkuliertes Produkt. „Ich bin so“, sagt sie, und es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln. „Ich mag es, wenn Leute mich angucken. Es ist das Gefühl, dass man nicht untergeht in der Menge.“ Mehr noch: „Ich mag das so gerne, wenn man in Erinnerung bleibt. Selbst wenn man stirbt, ist man dann nicht richtig tot, sondern hat etwas dagelassen. Ich glaube, man kann nicht sterben, wenn man mal in den Köpfen der Leute war.“

Selbstinszenierung und Authentizität müssen kein Widerspruch mehr sein. Millionen betreiben in den sozialen Medien die narzisstische „Instagrammisierung“ des eigenen Lebens mit Selfies, Fotokunst und immer neuen Nachweisen der eigenen Existenz. Die optimierte Selbstdarstellung ist selbstverständlicher Bestandteil der sozialen Interaktion geworden.

Das lolitahafte Äußere schließt Selbstbestimmung nicht aus. Es gehört ja eine gewisse Reflexionsfähigkeit dazu, sich zu überlegen, wie man wirken will. Die Deutungshoheit über sich selbst liegt bei ihr.

60 Jahre ESC? Nicht zwingend eine deutsche Erfolgsgeschichte. Mit "Ein bisschen Frieden" von Nicole 1982 und "Satellite" von Lena 2010 konnte Deutschland den Songcontest nur zwei Mal gewinnen. Hier die Tops und Flops.

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Später sitzt Jamie-Lee auf edlem Mobiliar in der Villa Ekarne auf den Hügeln über Stockholm. ABBA-Manager Stig Anderson hat hier gewohnt. „Sein Geist weht noch durch die Räume“, sagt der deutsche Botschafter Michael Bock. Die Villa ist seine Residenz, er hat zu Lachshäppchen geladen.

Jamie-Lee singt Melancholisches von ihrem Debütalbum „Berlin“ zur Akustikgitarre. Das ist das Verwirrende an diesem Popstar: außen offensive, quietschige Schmuseteddy-Niedlichkeit, innen grüblerische Düsternis. Und die vermeintliche nerdige Außenseiterin ist ja in Wahrheit eine Mainstream-Heldin reinsten Wassers. Verspielt und zielstrebig gleichzeitig. Bubblegum und Bedrückung.

"Nicht irgendeine Freakshow"

Aus diesen Widersprüchlichkeiten entsteht der Reiz der Inszenierung. Sie passt in die Zeit. Aber man muss ein Momentum erwischen, um beim ESC zu reüssieren.

Jamie-Lee hat beim Singen die Augen geschlossen, steht auf der Treppe der Botschaft. „Ist das jetzt ihr ESC-Lied?“, flüstert der Botschafter. Man hilft ihm. Nein, das kommt erst noch. An der Gitarre sitzt Hampus Tross Lindvall. Er ist der Sohn des letzten ABBA-Schlagzeugers Per Lindvall.

Ihr Ziel für Sonnabend? „Ich hoffe, dass mich die Leute nicht als irgendeine Freakshow abtun. Sie sollen spüren, dass ich mein Ding durchziehe.“ Auch ohne Elche.

Party am Opernplatz

Auf dem Opernplatz in Hannover wird es nun doch ein offizielles Public Viewing zum Eurovision Song Contest geben. Der Szenetreff „Andersraum“ lädt gemeinsam mit dem Kulturbüro der Stadt zum Abschluss des „Christopher Street Day“ vor die Großbildleinwand. Auch einige Gaststätten zeigen den Wettbewerb.

Wer ganz nah dran sein will an Jamie-Lee Kriewitz, kann in ihrem Heimatort Springe-Bennigsen gucken. Dort werden sich ihre Familie, Freunde und ihr Chor in der Gaststätte Schwägermann vor dem Bildschirm versammeln.

isc

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