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Wie Erwachsene das Radeln lernen

Mit dem Sitzroller in die Kurve Wie Erwachsene das Radeln lernen

Die Hände an den Lenker, den Blick nach vorn: Radfahren sieht kinderleicht aus. Doch hunderttausende Erwachsene in Deutschland können nicht radeln. Ein Berliner hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht.

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Hundetausende Menschen in Deutschland können kein Fahrrad fahren.

Quelle: dpa (Symbolbild)

Berlin. Das rosa Rad wackelt bedenklich, als die Frau eine Hand vom Lenker nimmt. Sie tritt weiter in die Pedale, lächelt unsicher. „Das hat schon was Majestätisches“, ermuntert Wolfgang Lukowiak seine Schülerin. Auf dem Verkehrsübungsplatz im Stadtpark Berlin-Steglitz leitet der Ex-Auto-Fahrlehrer eine Radfahrschule für Erwachsene. Eigentlich tummeln sich vor allem Grundschüler auf den schmalen Wegen zwischen Mini-Verkehrsschildern.

Ein weiterer Kursteilnehmer, Anfang 50, hat den Blick starr auf den regennassen Boden gerichtet. „Der Herr sitzrollert noch“, sagt Lukowiak. Gemeint ist das Gefährt: ein großer Tretroller mit Sattel, eine Vorstufe zum Fahrrad. Je nach Vorkenntnissen düsen Fahranfänger am ersten Kurstag mit dem Tretroller über den Platz. Die Methode hat Lukowiak sich ausgedacht, wie er sagt: „Standards gibt’s da nicht. Aber als Kind fängt man auch mit Rollern an.“

Nach Schätzungen von Sportwissenschaftlern können in Deutschland mehrere hunderttausend Volljährige nicht radeln, obwohl sie körperlich dazu in der Lage wären. „Wir rechnen mit weiteren Hunderttausenden, die es zwar als Kind gelernt haben, aber jahrzehntelang nicht mehr gefahren sind und es sich nicht mehr zutrauen“, sagt die Sprecherin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), Stephanie Krone. Knapp drei Dutzend Radfahrschulen für Erwachsene listet der Verein bundesweit auf - die Nachfrage sei „erfreulich hoch“. Im Trend seien Radfahrkurse aktuell bei Arbeitgebern, die Unfällen auf dem Arbeitsweg vorbeugen wollen. 

„Oft wollen die Leute das Radfahren lernen, wenn ein neuer Lebensabschnitt beginnt: Wenn sie in den Ruhestand gehen oder einen neuen, sportlichen Partner haben“, sagt Lukowiak. Seit 11 Jahren betreibt er die Schule. Seitdem sei das Publikum jünger geworden. Die Kurse besuchen nicht nur rüstige ältere Damen, die das Radfahren in der Nachkriegszeit nicht lernen konnten oder durften. Afrikanische Models kämen ebenso wie Botschaftsmitarbeiter. In manchen Städten sind die Radfahrkurse gar eine Integrationsmaßnahme.

Anders als im Straßenverkehr sind die Schüler in Steglitz durch dichte Hecken vor den Blicken von Passanten geschützt. So etwas wie Mobilität ist beim ein oder anderen erst in Ansätzen zu erkennen: Das Schwungholen artet zuweilen in große Schlenker aus. Nicht selten behindern sie sich gegenseitig, was aber lachend quittiert wird. „Am Anfang ist es eine rein motorische Sache“, sagt Lukowiak.

Einige der Radschüler haben frustrierende Selbstversuche hinter sich, wie sie nach schweißtreibendem Üben erzählen. „Mein Mann wollte es mir beibringen, aber ich habe es einfach nicht hingekriegt“, sagt eine der Frauen. Eine andere berichtet von einem Unfall mit 19: „Seitdem bin ich nie wieder gefahren.“ Der Kurs verbindet die Nichtradler: „Hier ist man nicht der einzige Freak, der es nicht kann.“ Der einzige Mann in der Runde hat eigentlich ein ganz anderes Ziel: den Mofa-Führerschein.

Generell sind es eher Frauen, die aus eigener Initiative einen Kurs besuchen: „Männer wollen das Defizit häufig nicht vor anderen eingestehen und üben lieber selbst im Wald“, sagt Krone vom ADFC. Die Erfahrung, dass sich Nichtradler ungern outen, hat auch Sascha Möllering gemacht. Als Berlin-Guide steigt er mit Reisegruppen aufs Rad. Sind Touristen aus Asien und arabischen Ländern dabei, wo Wohlhabende das Radfahren gerade erst langsam für sich entdecken, muss er genau hingucken. Es gebe Touristen, die einfach aufsteigen und beim Anfahren scheitern. Für den Notfall hat er ein Tandem oder eine Rikscha parat.

Besonders gefährdet sind Fahrrad-Anfänger im Straßenverkehr aber offenbar nicht: Typische Patienten nach Fahrradunfällen sind eher Rennradfahrer, heißt es am Unfallkrankenhaus Berlin. Für die einst verunglückte Radschülerin steht dennoch fest, dass sie dem Berliner Stadtverkehr auch nach abgeschlossenem Kurs fernbleiben wird: „Ich bleibe wohl eher eine Sommer-Radlerin.“

dpa

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