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Flüchtlingskrise: Das bewegte Land

Wie Wirtschaft und Gesellschaft helfen Flüchtlingskrise: Das bewegte Land

Geld, Arbeit, Wohnung: Im ganzen Land helfen Gemeinden, Firmen und Privatleute den Menschen, die nach langer Flucht ankommen – und sie machen das vollkommen selbstverständlich, ohne darüber zu reden. Deshalb machen wir das: Ein Kaleidoskop der Hilfe.

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Spielzeug im Warnhaus der Flüchtlingsinitiative "Willkommen in Mülheim" (o.l.). Der ehrenamtliche Helfer Sebastian Clever sortiert Spenden für Flüchtlinge in Leipzig. Oberkommissarin Katrin Beiersdorfer hilft Kinder aus Flüchtlingsfamilien auf dem Hauptbahnhof in Halle/Saale (u.l.). Farin Urlaub, Sänger und Gitarrist der Berliner Punkrock-Band Die Ärzte (r.u.).

Quelle: Matthias Balk/Maja Hitij/Hendrik Schmidt/ Jan Woitas/dpa

Hannover. Was in Deutschland passiert, so kann man meinen, ist ein Wunder. Zumindest wenn man den Blick auf die berauschende Willkommenskultur der vielen gutdenkenden Bürger lenkt, eine, die zum Vorbild für ganz Europa geworden ist. Unzählige Hilfsprojekte sind in den vergangenen Wochen auf den Weg gebracht worden. Unternehmen spenden in aller Stille Millionen, schaffen Wohnraum, bieten Praktikums- und Arbeitsstellen, Verlage schieben Kampagnen an.

Im ganzen Land helfen Gemeinden, Gruppen, Privatleute den Menschen, die nach langer Flucht ankommen. Ehrenamtliche verabreden sich online, um offline etwas zu tun. An den Bahnhöfen bilden sich Spaliere des guten Willens, auf zentralen Plätzen singen Tausende Menschen Lieder gegen Rechts. Ein Kaleidoskop der Hilfe.

Millionenspenden und Arbeitsplätze

Ob Telekom, Daimler oder BMW, Bayer, Trumpf oder Rossmann oder Alltours – die Unternehmen besinnen sich auf ihre gesellschaftliche Verantwortung. Das Engagement der Unternehmen wird diesmal zumeist nicht imagefördernd hervorgehoben – das würde auch nicht ins Stimmungsbild passen.

Der Chemiekonzern Evonik sowie Autohersteller Audi haben angekündigt, eine Soforthilfe in Höhe von einer Million Euro für Hilfsprojekte an Unternehmensstandorten bereitzustellen. Reiseveranstalter Alltours sowie die Fluggesellschaften Air Berlin und Germanwings transportierten Hilfspakete kostenlos auf die griechische Insel Kos.

Die Wohnungsbaugesellschaft LEG hat 450 Wohneinheiten an Flüchtlinge oder Städte vermietet. Der Bayer-Konzern und die Santander-Bank stellen kurzfristig Mitarbeiter zur Unterstützung von Flüchtlingsinitiativen frei. Daimler bildet in vier Werken Flüchtlinge aus. Werkzeugmaschinenbauer Trumpf stellt Syrer und Iraker mit Arbeitserlaubnis ein.

Ärzte-Hymne stürmt Charts

Geschafft! Das Lied "Schrei nach Liebe" der Band Die Ärzte hat die deutschen Charts gestürmt und Platz eins erobert. Ein Musiklehrer aus Niedersachsen schaffte es innerhalb weniger Tage mit seiner "Aktion Arschloch" die Anti-Nazi-Hymne von 1991 zu reaktivieren.

Die Ärzte erklärten, alle Einnahmen an Pro Asyl zu spenden. Auch Verkäufer wie Amazon und Universal Publishing verzichten zugunsten der Flüchtlingsorganisation auf die Einnahmen. Seitdem verbreitet sich die Aktion rasant – der Seniorenchor Die Goldies singt es auf Youtube, in deutschen Städten treffen Hunderte Menschen bei "Arschloch"-Flashmobs zusammen, Radiosender spielen "Schrei nach Liebe" rauf und runter – manche sogar mehrmals hintereinander.

Arabisch für Anfänger

Mit der Bereitstellung eines kostenlosen arabisch-deutschen Online-Wörterbuchs erreichte Langenscheidt viel Aufmerksamkeit. Mitarbeiter beantworten auf einer Plattform geduldig alle Fragen und zeigen sich souverän bei Hetze. Vor Kurzem veröffentlichte der Verlag die Top-25-Suchbegriffe – und zeigte, dass es in der Kommunikation zwischen Helfern und Flüchtlingen äußerst herzlich zugeht.

Unter den 25 populärsten Begriffen sind die Wörter "Liebe", "Freund" und "Danke" – aber auch anspruchsvollere Ausdrücke wie "Ich liebe Dich" oder "Herzlich willkommen". Denkwürdig ist nur der Begriff, der es auf Platz 23 schaffte: "Aal".

Auch ein Berliner Projekt hilft den Ankommenden mit einem Wörterbuch: Das "Refugee Phrasebook" soll die gängigsten Vokabeln in 30 Sprachen übersetzen. Hunderte internationale Helfer sitzen derzeit auf der ganzen Welt verstreut vor dem Rechner und sammeln von Arabisch bis Vietnamesisch Phrasen, Fachbegriffe, Floskeln und Redewendungen. Diese werden dann von Muttersprachlern übersetzt.

Fußball für Flüchtlinge

Unter dem Motto "90 Minuten für mehr Hoffnung" setzen die Teilnehmer der Champions League und der UEFA Europa League ein Zeichen. Wie die europäische Klub-Vereinigung ECA mitteilte, werden die 80 an den Wettbewerben teilnehmenden Fußballvereine für jedes Ticket, das sie beim ersten Heimspiel der Gruppenphase verkaufen, einen Euro an ausgewählte Hilfsorganisationen spenden.

50 Frisöre schneiden Haare

Beim wohl größten Open-Air-Friseursalon des Landes rückten am Wochenende 50 Frisöre mit Schere, Stuhl und Spiegel an, um die 300 Flüchtlinge in einer Hamburger Messehalle Flüchtlinge zu frisieren. Sie schnitten Haare und rasierten Bärte und schminkten Kinder.

Blogger sammeln und nominieren

Bereits knapp 100.000 Euro sammelten die Blogger und Aktivisten der Initiative "Blogger für Flüchtlinge – Menschen für Menschen" seit dem Start der Spendenaktion. Mittlerweile beteiligen sich nicht nur mehrere Tausend Blogger, sondern auch Verlage und Privatleute. Bei der "Welcome Challenge" im Netz werden indes Teilnehmer nominiert, um gute Taten für Flüchtlinge zu vollbringen – ähnlich wie bei der Ice-Bucket-Challenge im vergangenen Sommer.

Moscheen nehmen Flüchtlinge auf

Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) will in mehr als 600 Moscheen und Einrichtungen Tausend Flüchtlingsfamilien aufnehmen. Zudem sollten an islamischen Privatschulen Plätze für Flüchtlingskinder geschaffen werden.

Prominente erheben ihre Stimme

Ob die Schauspieler Til Schweiger und Benno Fürmann, Moderatorin Anja Reschke, die Sänger Herbert Grönemeyer, Xavier Naidoo, Andreas Bourani, die Kabarettisten Oliver Kalkofe, Jojo Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, Fußballtrainer Joachim Löw – mit Videos, Interviews, Konzerten weisen sie Rechte in die Schranken; und sie damit riskieren eine Flut von Anfeindungen. Ist ihnen egal.

Gerade führt Komikerin Carolin Kebekus mit der bissigen Parodie "Wie blöd du bist" die Dummheit von rechten Demonstranten vor. Die Interpretin der Originalversion, Sarah Connor, findet’s gut: "Starkes Zeichen gegen Rechts", kommentiert sie.

Gruezi auf dem Oktoberfest

München ächzt unter dem Flüchtlingszustrom. In Kürze treffen dort Wiesnbesucher und Flüchtlinge aufeinander, Polizei und Bahn rüsten sich für den Großeinsatz. Und dennoch: Die Hilfe geht weiter, selbst das Oktoberfest setzt Zeichen: Auf der Dirndlmode prangen Willkommens-Grüße, an den Ständen gibt’s Lebkuchen mit der Zuckerguss-Aufschrift „Toleranz“– der Erlös kommt minderjährigen Flüchtlingen zugute.

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