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So funktioniert das Darknet

Selbstversuch So funktioniert das Darknet

Es ist eine entscheidende Frage: Woher bekommt ein 18-Jähriger Münchener eine scharfe Waffe? Aus dem Darknet. Doch wie kommt man da rein? Und wie kann man das kontrollieren? Ein Selbstversuch in die verborgene Welt im Internet.

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Recherche im Darknet: Wie kommt man an eine Waffe? Leichter als gedacht.

Hannover. Am Sonntag haben die Ermittler die Antwort geliefert, wie der Amokläufer an die Waffe kam. Bei der Durchsicht der Dateien auf dem Computer des Amokläufers stießen die Fachleute auf Chatprotokolle, die auf darauf hindeuten, dass sich David S. die Pistole des Typs Glock 17 im sogenannten Darknet gekauft hat. Die Waffe war eine reaktivierte Theaterwaffe mit einem Prüfzeichen aus der Slowakai. Sie wurde offenbar voll funktionstüchtig in dem düsteren Teil des Netzes angeboten. Das Darknet ist ein Schlupfwinkel des Internets, abseits von Google-Suchmaschinen und Warenhäusern. Doch wie kommt man in dieses dunkle Netz? Ist es wirklich so einfach, sich dort eine Waffe zu bestellen? Und was unternimmt der Staat dagegen? Ein Blick in die verborgene Welt des Netzes. Aus drei Perspektiven.

Der Selbstversuch

Hotelzimmer 235 am Rande der Hamburger Innenstadt: Ralf Paulat (Name von der Redaktion geändert) sitzt am Schreibtisch, klappt sein Notebook auf und stellt die Verbindung zum WLAN-Netzwerk her. „Jetzt noch über Private Internet Access eine anonyme IP-Adresse zulegen und wir können loslegen“, sagt der Mitvierziger mit Schnurrbart und Kapuzenpulli. Ralf Paulat ist Undercover-Ermittler für Unternehmen. Er spürt im Netz unter anderem Plagiate in Online-Kaufhäusern auf oder ist anderen Kriminellen auf der Spur. Was genau er macht, darüber spricht man in Ermittlerkreisen nicht gern. So viel ist sicher: Paulat ist einer der wenigen Nicht-Verbrecher, die sich in der Welt des Darknets auskennen. Er hat sich bereiterklärt, zu demonstrieren, wie man dort eine Waffe bestellt. „Da sind viele Freaks unterwegs - können Sie mir glauben“, kündigt er schon einmal an.

Über den Tor-Browser gelangen wir hinein. Tor steht für „The Onion Router“ und wie bei einer Zwiebel wird von nun unsere Internetverbindung an Schale für Schale über drei Server geleitet. Alles verschlüsselt, alles mit unterdrückter IP-Adresse. Danach ist für niemanden mehr nachvollziehbar, wer wir sind. „Wir sind quasi unsichtbar“, sagt Paulat und kopiert eine kryptische anmutende Adresse in das Adressfeld des Browsers. Im Internet hat er sich zuvor über versteckte Foren und Marktplätze informiert, um sich ein kleines Adressbuch zu basteln. So machen das alle Täter: Sie lesen sich in aller Ruhe im Internet ein, wo sie im Darknet was finden. Das ist notwendig, weil das Darknet kein Google kennt. Wer nicht genau weiß, wohin er will, bleibt draußen.

Paulat ist ein Profi. Zunächst legt es sich eine neue Identität zu. Es dauert keine Stunde und er ist Neuseeländer, hat eine neue Kreditkarte und 1000 Dollar Falschgeld - alles in illegalen Internetshops zusammengesucht. 2500 Euro kostet alles zusammen. Bezahlt wird per Bitcoin, einer virtuellen Währung, die man an einer ganz normalen Börse kaufen kann. Wohlgemerkt: Wir kaufen nicht, wollen keine Straftat begehen.

Das Komplizierteste an der Bestellung sei die Ablieferung, die anonym bleiben muss. Aber auch dafür haben die Kriminellen Lösungen gefunden. „Sie gehen einfach in heruntergekommene Wohnviertel, kleben den Namen ihrer gefälschten Identität an einen verwaisten Briefkasten und ziehen Sendungen nach dem Eintreffen einfach heraus.“ Auch der Paketbote werde dort gern vor der Haustür abgefangen, sagt der Experte.

In speziellen Foren begegnen uns ausführliche Anleitungen, um seinen Darknet-Auftritt zu perfektionieren: Wie bleibe ich anonym? Wie löse ich das Lieferproblem. Das Darknet zu verstehen scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Uns begegnen Drogen wie Amphetamine, gefälschte Zigaretten sowie Medikamente vom Antidepressivum bis zum Blutdrucksenker. Und Waffen. Viele Waffen. Für 900 Dollar wird eine fabrikneue Black Rain von Adams Arms angeboten. Der Verkäufer hat gute Bewertungen. Auch reaktivierte Theaterwaffen sind hier leicht zu bekommen, so wie die Glock 17, die David S. in München für seine Tat benutzte.

„Je tiefer man einsteigt, desto mehr findet man. Eigentlich gibt es im Darknet alles“, sagt Ralf Paulat. Nach Kinderpornos und anderen Machenschaften von Perversen schauen wir bewusst nicht. Es gibt genug renommierte Autoren die bereits ausführlich darüber geschrieben haben, dass Pädophile im Darknet nicht nur Bilder tauschen, sondern offenbar auch konkret Anleitungen geben, wie man Chloroform herstellt und Kellergefängnisse schalldicht ausbaut. „Der Widerlichkeit sind keine Grenzen gesetzt“, sagt Paulat. Das Darknet ist zwar keinesfalls so leicht zu bedienen wie ein Online-Supermarkt. „Über solche Sachen unterhalten sich die Leute natürlich in Darknet-Chats. Man muss grundsätzlich erst einmal ihr Vertrauen gewinnen“, sagt Paulat und beendet unseren Ausflug auf die dunkle Seite des Internets nach einigen Stunden. Das Fazit: Wer ein bisschen Zeit investiert, bekommt im Darknet auch als Laie fast alles.

Der Experte für Darknet-Waffen

Norbert Schindler vom Zollfahndungsamt München ist Behördengutachter und gilt als einer der renommiertesten Waffenexperten in Deutschland. Er ist bundesweit bei Gerichtsprozessen gefragt und stellt den Staatsanwaltschaften und Gerichten seine Expertise zur Verfügung. Schindler untersucht mit seiner Kollegin Petra Loos Waffen aller Art auf ihre Gefährlichkeit. Die abgesägte Pumpgun, die er gerade in der Hand hält, wurde im Darknet gehandelt. Sie ist mehr als gefährlich. „Es befinden sich 390 Schrotkugeln in jeder Patrone. Werden sie aus etwa einem Meter ins Bein getroffen werden, verbrennt zunächst ihre Haut, dann schält sich das Fleisch vom Knochen und dann liegt das Bein doa“, erklärt Schindler mit seinem oberbayrischen Dialekt recht plastisch. Waffen und ihre Technik faszinieren den passionierten Raucher, schon seit Großvater war als Büchsenmacher mit Gewehren und Revolvern aller Art vertraut.

Seit einem guten Jahr boomen die Aufgriffe aus Darknet-Fällen, sagen sie beim Zollfahndungamt München. Vom Sturmgewehr bis zur Kalaschnikow, vom Sprengstoff bis Anabolika ist im Cyber-Untergrund alles zu bekommen. „Die Täter kommen dabei aus allen sozialen Schichten - vom Gärtner über den Arzt bis zum Schüler ist quasi alles vertreten. Manche wollen sich einfach nur bewaffnen, andere wittern das große Geschäft“, weiß Schindler. In einer Asservatenkammer im Keller des historischen Zollfahndungsamtes landen dann die beschlagnahmten Schusswaffen, auch die aus den Darknet-Fällen. Knapp 400 Stück sind es insgesamt, darunter auch Raritäten wie eine zusammenklappbare Maschinenpistole im Handtaschenformat oder eine Pistole, die so schlank gebaut wurde, dass er sich bequem in einem Bildschirm schmuggeln lässt. „Die Verstecke werden immer raffinierter. Wir haben schon Waffen in Tierabfällen und Schrott gefunden“, sagt Norbert Schindler und verschließt das Waffenlager sorgfältig. In weitere Kammern nebenan lagern tonnenweise andere illegale Dinge wie Schmuggelzigaretten, Wasserpfeifentabak oder Fakes von hochwertigen, technischen Geräten. Häufig finden Zollfahnder bei Razzien und Festnahmen eine ganze Palette verschiedener illegaler Produkte - Täter stellen ihr Geschäft gern auf mehrere Standbeine. Rolex-Uhren und wertvolle Autos sind eigentlich immer unter den Beschlagnahmungen in großen Fällen zu finden.

Norbert Schindler untersucht übrigens nicht nur Schusswaffen aus dem Darknet: Auch Wurfsterne oder ein Hand-Rasenkantenschneider gelten als Waffe. „Wir gefährlich so ein Rasentrimmer ist, testen wir dann auch schon mal an einem Hähnchenschenkel aus dem Supermarkt“, sagt Schindler und lacht.

Die Darknet-Ermittler

Georg Ungefuk und Benjamin Krause von der Zentralstelle zur Bekämpfung von Internetkriminalität (ZIT), einer Außenstelle der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt in Gießen, sind mit ihrem Team die Experten, wenn es um Straftaten im Internet und Darknet geht. Die Staatsanwälte bearbeiten 80 Prozent der Cyber-Verfahren des Bundeskriminalamtes und haben einen sehr guten Ruf erlangt, wenn es um die Bekämpfung von Kinderpornographie oder illegalen Handel mit Drogen, illegalen Daten oder Waffen im Darknet geht. Unter anderem hat der Fall Edathy in der ZIT seinen Anfang genommen. Ungefuk und Krause bestätigen, dass es für Täter aus der Organisierten Kriminalität leicht möglich ist, sich über das Darknet ein illegales Wirtschaftsunternehmen aufzubauen. „Es werden dort kriminelle Dienstleistungen angeboten - für jedes Fachgebiet gibt es Spezialisten. Wir nennen das crime as a service - man findet sich kurzfristig zu Straftaten zusammen und benötigt kein auffälliges Bandenkonstrukt mehr. Man kooperiert auch über Landesgrenzen hinaus“, sagt Krause. Auch zur sicheren Kommunikation werde das Darknet genutzt.

Rund 1000 Verfahren bearbeiten er und seine Kollegen im Jahr - „vor allem der Handel mit illegalen Daten und Falschgeld boomt im deutschen Darknet. Über gefälschte Bank-Konten - so genannte bank drops - wird Geld gewaschen und verschleiert.“ Ob sich auch Auftragskiller über das Darknet buchen lassen? „Es gibt Erkenntnisse, dass Leute diese so genannten hit man services anbieten. Auch wenn sich im Darknet natürlich auch viele Betrüger tummeln“, sagt Staatsanwalt Krause. Die deutsche Waffenszene agiere im Darknet derzeit aber sehr vorsichtig, auch durch die Ermittlungsarbeit der ZIT. „Man muss sich schon sehr viel Vertrauen erarbeiten, um etwas zu bekommen“, so Krause. Es sogar Fälle, in denen Darknet-Waffenhandel mit dem Terror der islamistischen Szene in Verbindung stand.

Ein wenig muss Benjamin Krause Mystik, die das Darknet für viele Menschen umgibt, am Ende dann doch noch entzaubern. „Fast alles, was man im dort bekommt, gibt es auch im legalen Internet. Und wenn eine Webseite www.droge.de heißt, dann muss das nicht heißen, dass sie auch in Deutschland gespeichert ist. Das kann auch in Tonga sein und so etwas macht uns in der Strafverfolgung natürlich das Leben schwer.“

Von Marco Tripmaker

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