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Wie lebt es sich im Schwarzen-Viertel?

Washington-Korrespondent Stefan Koch Wie lebt es sich im Schwarzen-Viertel?

Seit drei Jahren wohnt unser Washington-Korrespondent in Anacostia, einem zu 98 Prozent afroamerikanischen Viertel. 
Wie lebt es sich zwischen Gewalt, Bildungsmisere und guter Nachbarschaft? Ein Erfahrungsbericht aus dem Brennpunkt der US-Hauptstadt.

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Der Alltag ist speziell: Zwei Jugendliche an einer Straßenkreuzung in Anacostia.

Quelle: Stefan Koch

Washington. Der Fluss markiert die Grenze. Dort drüben liegt Capitol Hill, die Welt des US-Kongresses. Dort liegen auch die Viertel der Weißen und Reichen. Hier, entlang der linken Flussseite, liegt Anacostia. Im landschaftlich schönsten Teil Washingtons leben zu 98 Prozent Schwarze. Seit drei Jahren lebe auch ich hier. In einer Welt mit eigenen Gesetzen, eigenen Umgangsformen und eigenen Risiken.

Am Dienstag hatte ich wieder einen Menschen direkt vor meiner Motorhaube. Um Haaresbreite hätte ich den jungen Mann umgefahren. Er war auf dem Bürgersteig unterwegs und lief plötzlich auf die Straße, direkt vor meinen F150-Truck. Es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte den Kerl überfahren. „Typisch Anacostia“, fluchte ich im Stillen und schlug wütend auf das Lenkrad.

Mir laufen ständig Leute vors Auto

So seltsam es klingt, aber mir laufen ständig Leute vor das Auto. Wenn ich in meinem Stadtviertel unterwegs bin, muss ich immer damit rechnen, abrupt abbremsen zu müssen, weil Jugendliche die Straßenseite wechseln, ohne nach links oder rechts zu schauen. Es scheint, als seien sie gedankenverloren.

Ein Aktivist der Bürgerrechtsbewegung „Black Lives Matter“ gab mir kürzlich eine andere Erklärung: „Viele junge Leute sind so deprimiert und sehen so wenig Zukunftschancen, dass sie einen frühen Tod billigend in Kauf nehmen.“ Eine Beobachtung, die mir auf andere Weise mehrere Polizisten bestätigen: So mancher Jugendlicher gehe extrem aggressiv auf bewaffnete Beamte los, wohlwissend, dass man damit in Amerika sein Leben aufs Spiel setzt.

Anacostia ist ein armes und schwieriges Viertel. Korrespondent Stefan Koch (rechts) und Nachbar Roderick Washington leben trotzdem gerne dort.

Quelle: privat

Der Alltag in Anacostia ist ziemlich speziell, und ich bin froh, mittlerweile zumindest einige grundlegende Regeln verinnerlicht zu haben. So ließ mich mein Nachbar kurz nach dem Einzug in mein Haus wissen: niemals nach Einbruch der Dunkelheit in den Supermarkt gehen, niemals abends an der Tankstelle halten. Einfach zu gefährlich. Immerhin: Die Polizei in Anacostia weiß mit der hohen Kriminalität einigermaßen umzugehen. Ein Unglück wie in Dallas sei hier nicht vorstellbar, heißt es. Konfrontationen zwischen Weißen und Schwarzen gibt es selten. Dafür gibt es genügend andere Probleme. Man versucht, sie nicht wegzuleugnen.

Die Sicherheitskräfte zeigen viel Präsenz und demonstrieren Dialogbereitschaft auf der Straße. Das beginnt manchmal mit dem Äußeren: Der Beamte, der öfters an meinem Haus in der Minnesota Avenue vorbeischlendert, trägt Rastazöpfe, die ihm bis zum Gürtel reichen. Sein Hals ist bis zum Haaransatz tätowiert.

300 Millionen Schusswaffen in privaten Händen

Der Schwarze mit der beeindruckenden Haarpracht gab mir am Wochenende eine ebenso kurze wie bedrückende Erklärung, warum wir immer wieder mit Gewalt rechnen müssen: In den USA sind etwa 300 Millionen Schusswaffen in privaten Händen. Bei jeder schlichten Verkehrskontrolle müssten Polizisten damit rechnen, dass der Angehaltene plötzlich eine Pistole zieht. Angst hätten im Zweifelsfall beide Seiten.

Den Rasta-Polizisten habe ich auch gefragt, ob es seiner Einschätzung nach unter seinen weißen Kollegen Rassisten gibt. Seine Antwort: „Ja, leider. Aber es werden weniger.“ Heutzutage sei nicht so sehr unterschwelliger Rassismus das Problem, sondern schlichte Unkenntnis. Auf beiden Seiten. Und Nichtwissen fördere eben Misstrauen: „Es ist ein Drama, dass auch 50 Jahre nach der Bürgerrechtsbewegung die unterschiedlichen Hautfarben zum erheblichen Teil noch strikt getrennt sind. Weiße leben unter Weißen, Schwarze unter Schwarzen.“ Es gibt wenige wie mich in Anacostia.

An mehreren Schulen in Anacostia erreicht weit mehr als die Hälfte der Jugendlichen keinen Abschluss. Ein alltagstaugliches Niveau im Lesen, Schreiben und Rechnen besitzen nur 30 Prozent der Schulabgänger. Im Nordwesten Washingtons sind es 98 Prozent.

Quelle: Getty Images

In den Dreißiger-, Vierzigerjahren war Anacostia ein freundliches, solides Arbeiterviertel mit bescheidenen Holzhäuschen und ein paar eleganten Villen aus der Zeit der Jahrhundertwende. Die Menschen, die hier lebten, waren stolz auf ihr Zuhause und ihre Herkunft. Die Urururgroßeltern meines Nachbarn Roderick Washington zum Beispiel nahmen nach der Sklavenbefreiung den Familiennamen Washington an und zogen in die Hauptstadt, zu Ehren des ersten US-Präsidenten und weil sie sich hier sicherer fühlten als unter den früheren Sklavenbesitzern. Von diesem Sicherheitsgefühl ist wenig geblieben. Als in den Fünfzigerjahren die Fabriken und Militäreinrichtungen in der Nähe schlossen, ging es schnell bergab mit dem Viertel. Seit 50 Jahren ist Anacostia arm, überbevölkert und vernachlässigt.

Ich bin trotzdem gerne hierhergezogen. Zum einen kann ich notfalls zu Fuß zum Kongress laufen, ein Riesenvorteil für einen Korrespondenten. Zum anderen ist dieser Stadtteil herrlich lebendig und vielseitig – auch wenn ihm in der Hauptstadt kein allzu guter Ruf anhaftet. Bis vor wenigen Jahren weigerten sich Taxifahrer, das Viertel anzusteuern. Zu gefährlich. Schießereien waren fast an der Tagesordnung. Zwar vergeht auch heute kaum eine Woche, in der die Polizei nicht wegen einer blutigen Schießerei zu Hilfe gerufen wird. Aber diese Auseinandersetzungen spielen sich zumeist zwischen Drogendealern ab. Wir, das heißt meine unmittelbaren Nachbarn und ich, haben nicht das Gefühl, damit etwas zu tun zu haben.

Galeristen und Kulturschaffende bilden die neue Alltäglichkeit

Unsere Normalität ist nicht so aufregend: Frühmorgens stehe ich meist im Stau. Auf sämtlichen Straßen, die über den Fluss in Richtung „downtown“ führen, drängelt sich der Verkehr. Unzählige Menschen aus meinem Viertel arbeiten in Regierungsbehörden oder in kommunalen Einrichtungen. Und wie in anderen Stadtvierteln finden sich auch in Anacostia zahlreiche gehobene Wohnanlagen und schöne Häuser, die weder durch hohe Metallzäune noch durch Wachdienste geschützt sind. Zur neuen Alltäglichkeit zählen zudem Künstler, Galeristen und andere Kulturschaffende, die sich in jüngster Zeit in Anacostia niederlassen.

Gerade in so krisenhaften Momenten wie in der vergangenen Woche, als zwei Afroamerikaner von weißen Polizisten unter fragwürdigen Umständen in Louisiana und Minnesota erschossen wurden, ist zu spüren, dass sich in meiner neuen Heimat viel verändert hat. Im Gegensatz zu Baltimore oder St. Louis kam es bei uns nicht zu Unruhen. Auch in den vergangenen zwei Jahren, nach den dramatischen Zwischenfällen in Ferguson und Baltimore, beschränkten sich die Proteste in Washington auf die Plätze vor dem Weißen Haus. Zu den Teilnehmern der Demonstrationen zählten mehr Weiße aus dem noblen Nordwesten der Stadt als Schwarze aus dem Südosten, zu dem auch Anacostia zählt.

Viele Kinder wachsen ohne Vater auf

Die relative Ruhe heißt allerdings nicht, dass es mit meinem Viertel zum Besten bestellt wäre. Das zeigt sich in den Statistiken: An mehreren Schulen in Anacostia erreicht weit mehr als die Hälfte der Jugendlichen keinen Abschluss. Ein alltagstaugliches Niveau im Lesen, Schreiben und Rechnen besitzen nur etwa 30 Prozent der Schulabgänger. Im Nordwesten Washingtons sind es 98 Prozent. Über die Ursache dieser Bildungskatastrophe unter jungen Schwarzen wird viel gestritten. Fakt ist: Ein hoher Anteil der Kinder wächst ohne Vater auf, und Teenagerschwangerschaften sind nicht unüblich.

Das sehe ich bei meinen Nachbarn: Das Haus auf der linken Seite gehört zwei Brüdern. Der Jüngere ist 45 Jahre alt, seine Tochter feierte gerade ihren 30. Geburtstag. Vater und Tochter haben nie unter einem Dach gewohnt. Auf der rechten Seite wohnt Jackie: Die 55-jährige Krankenschwester zieht zwei ihrer Enkelkinder groß. Die Mutter der Kinder schaut einmal die Woche vorbei, der Vater sitzt im Gefängnis.

Ernüchternder Blick in die Highschool

Es gibt allerdings auch ganz andere Beispiele: Eine katholische Ordensgemeinschaft nimmt in ihrer Schule in Anacostia ausschließlich Töchter von alleinerziehenden Müttern auf. Die Quote der erfolgreichen Highschool-Absolventinnen liegt dort bei fast 100 Prozent. Für Aufsehen sorgt auch eine nahe gelegene kostenlose „Charter School“, die eng mit der George-Washington-Universität kooperiert: Auch dort schaffen fast alle Schüler den Sprung ins College.

Ein Blick in die öffentliche Highschool, die nur zwei Blocks von meinem Haus entfernt liegt, ist jedoch ernüchternd: Dort besitzt fast jedes Kind ein teures Smartphone, aber nur wenige sind in der Lage, mit dem Gerät fehlerfreie Sätze per SMS zu versenden. Nach dem Schulschluss zähle ich manchmal zwei Dutzend Polizisten mit schusssicheren Westen, die aufpassen, dass sich die Jugendlichen nicht gegenseitig an den Kragen gehen.

Mit schnellen Schuldzuweisungen halten sich die Polizisten auffällig zurück. Das liegt vielleicht auch an ihrer – weißen – Chefin, die in der Bevölkerung ungemein populär ist: Cathy Lanier befehligt mehrere Hundert Beamte und spricht regelmäßig vor den Jugendlichen Anacostias über ihre eigenen Lebenserfahrungen. Als Jugendliche hatte Lanier die Schule geschmissen und wurde mit 15 Jahren schwanger. Später rappelte sie sich auf, holte die verlorenen Schuljahre nach, startete ihre Karriere – und kümmerte sich weiterhin um ihr Kind. Ein Vorbild, dem viele junge Menschen in Anacostia inzwischen nacheifern.

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