„Unrecht bleibt Unrecht“: Mechthild Ross-Luttmann.
Die Welle von Missbrauchsvorwürfen gegen Lehrer und Priester reißt nicht ab, doch die allermeisten Fälle bleiben juristisch folgenlos. Wird dadurch nicht das Vertrauen in den Rechtsstaat erschüttert?
Ich kann verstehen, dass viele Menschen entsetzt sind über die Folgenlosigkeit der bekannt gewordenen Missbrauchsfälle. Ich finde es darum richtig, wenn nun auf politischer Ebene über die Verjährungsfristen nachgedacht wird.Unrecht bleibt auch nach mehreren Jahrzehnten noch Unrecht und gehört sanktioniert.
Was sollte sich ändern?
Mir ist wichtig, dass man diese Debatte nicht nur im Blick auf abscheuliche Missbrauchstaten in der Vergangenheit begreift, sondern sich klarmacht, dass Missbrauchsgefahren auch heute noch im Alltag für unsere Kinder und Jugendlichen lauern. Sobald sich Kinder und Jugendliche auffällig verändern oder merklich zurückziehen, müssen bei den Eltern die Alarmglocken läuten. Der Teufelskreis aus Schuldgefühlen und Schweigen muss durchbrochen werden. Denn Missbrauchsopfer fühlen sich oft selbst schuldig. Professionelle Hilfe bieten auch die Kinder- und Jugendärzte des Vertrauens. Eltern sollten sie frühzeitig einschalten, wenn es Unsicherheiten gibt. Lieber einmal zu viel als zu spät. Wir brauchen auch hier eine Kultur des Hinschauens.
Wie erklären Sie es sich eigentlich, dass die Betroffenen erst nach 20 bis 30 Jahren über ihre Missbrauchserfahrungen sprechen?
Ich kann nur vermuten, dass viele Opfer in einen Teufelskreis aus Schuldgefühlen, Schweigen und Verdrängung geraten, aus dem sie nur schwer oder gar nicht wieder herauskommen. Denn Missbrauchsopfer fühlen sich oft selbst schuldig. Wenn nun alle gesellschaftlich relevanten Gruppen bei einem runden Tisch auf Bundesebene gegen Kindesmissbrauch zusammenkommen, ist das ein erster sehr wichtiger Schritt. Wir haben in Niedersachsen mit der Aufarbeitung des Unrechts an den Heimkindern in den Erziehungsheimen der fünfziger und sechziger Jahre wichtige Erfahrungen gemacht. Entscheidend war, die Verbände der Betroffenen und die Vertreter der Kirchen von Anfang an einzubinden.
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