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Was ist schon Zeit?

Zeitempfinden Was ist schon Zeit?

Zeitempfinden ist die vielleicht rätselhafteste Erfahrung überhaupt. Eine Spurensuche zwischen Langeweile und Zeitdruck.

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Symbolbild

Quelle: dpa

Zeit ist wie eine Musik, die man niemals hört, weil sie immer da ist. Obwohl – manchmal habe ich sie wohl schon gehört, tief in mir, ganz leise“, sagt das Mädchen Momo. In Michael Endes gleichnamigem Kinderbuch rauben unheimliche graue Männer den Menschen ihre Zeit. Auch im wirklichen Leben kann man sich kaum unbeliebter machen, als wenn man einem anderen Zeit stiehlt. Sie gilt als das teuerste Gut überhaupt – dabei vergessen wir sie meist gänzlich. Die Zeit ist ein großes Rätsel: Mal wollen wir sie uns vertreiben, dann wollen wir sie doch wieder festhalten. Mal dehnt sie sich unendlich aus, mal schnurrt sie zusammen auf einen Augenblick. Für einen Greis ist ein Jahr wie ein Wimpernschlag, für ein Kleinkind wie eine Ewigkeit.

„Zeit“ gehört zu den zehn meistgebrauchten Substantiven der deutschen Sprache. Philosophen, Physiker, Theologen und Künstler haben sich an ihr abgearbeitet. Die Zeit hinterlässt  ihre Spuren – auf die Spur aber kommt man ihr nur schwer.

Jetzt, da die Uhrenumstellung den Winter einläutet, ist es an der Zeit, dem Geheimnis dieser Kraft nachzuspüren, die den Takt unseres Lebens vorgibt.

Die Herrschaft der Uhren

Eine Stunde erscheint hier wie 60 Minuten, die in 60 Sekunden geteilt sind.

Ein Stöhnen aus vielen Kehlen tönt über den Bahnsteig: Der Zug kommt 15 Minuten später. Nun wird der Anschlusszug verpasst, die Verabredung abgesagt, mit dem Kopf geschüttelt und dem Schicksal gehadert. Wie kann es sein, dass selbst minimale Plan-Abweichungen uns so durcheinander bringen? Weil wir uns daran gewöhnt haben, dass die Zeit nach unseren Regeln spielt – zumindest oberflächlich.

Wir versuchen die unheimliche Zeit in den Griff zu kriegen, indem wir sie takten und vergesellschaften. Schon der Begriff „Zeit“ geht auf eine Wurzel zurück, die „teilen“ bedeutet. Wir zerlegen die Zeit in Abschnitte und machen sie so beherrschbar.

Zeitdisziplin ist Inbegriff von Zivilisation und Ordnung: Der schiffbrüchige Robinson Crusoe bastelt sich einen Kalender, um nicht zu verwildern und nennt einen Eingeborenen Sonntag. Salvador Dalís zerfließende Uhren sind Symbol für ein brüchig gewordenes Weltbild.

Wir sind gleichzeitig geworden, per Skype kommunizieren wir in Echtzeit mit dem anderen Ende der Welt. Dabei vergessen wir, dass eine einheitlich genormte Zeit eine relativ junge Institution ist. Der Siegeszug der Eisenbahn machte es im 19. Jahrhundert notwendig, die zuvor von Ort zu Ort variierenden Zeiten zu synchronisieren. Die Greenwich Mean Time wurde 1884 eingeführt.
Ironischerweise ist es heutzutage ausgerechnet die Bahn, die uns immer wieder vor Augen führt, dass die Zeit aus den Fugen ist: Zu den Stichwörtern „DB“ und „Verspätung“ gibt es eine halbe Million Google-Treffer.

Langeweile

Eine Stunde erscheint hier endlos.

Die Zeit kann einem so lang werden. Der Blick auf die Uhr wird zum Zwang. Den Blick fest auf den Sekundenzeiger geheftet, vergeht die Zeit nur noch langsamer. Der Sog der Zeit betäubt plötzlich. Der Literaturwissenschaftler Rüdiger Safranski nennt Langeweile „das lähmende Rendezvous mit dem reinen Zeitvergehen“. Unsere Wahrnehmung verengt sich auf das folternde Tick-Tack der Uhr. „Zeit“, sagt der Philosoph Arthur Schopenhauer, „erfahren wir in der Langweile, nicht beim Kurzweiligen.“

In Samuel Becketts Theaterstück „Warten auf Godot“ harren zwei Landstreicher des unbekannten Godot, der niemals eintrifft. Einer der beiden bringt die Lage so auf den Punkt: „Wir langweilen uns zu Tode. Sicher ist, dass die Zeit unter solchen Umständen lange dauert und uns dazu treibt, sie mit Tätigkeiten auszufüllen.“ Langeweile als  menschliche Grundsituation – Götz Eisenberg, Gefängnispsychologe in der JVA Butzbach in Hessen, erinnert das an Häftlinge. „Das Übermaß an monotoner, unstrukturierter Zeit bringt es mit sich, dass man die Fähigkeit einbüßt, sinnvoll Gebrauch von ihr zu machen“, sagt er. „Gefangene warten und warten, die Zeit verliert ihre Konturen, wird breiig und zäh.“ Diese Zeiterfahrung selbst stelle die Strafe dar.

Zeitdruck

Eine Stunde erscheint hier wie eine Herausforderung, sie optimal zu nutzen.

Das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit verpflichtet zur optimalen Ausnutzung von Sekundenabschnitten. Ehe uns die Stunde schlägt, wollen wir jede einzelne ausgekostet haben. Um zu sehen, was die Zeit mit uns macht, muss man sich nur einmal ansehen, wie verbissen wir versuchen, das Beste aus unserer Zeit zu machen. Wir stehen – vermeintlich – ständig unter Zeitdruck. Wir fühlen uns verpflichtet zu einem aktiven Umgang mit der Zeit. Wir faulenzen und streben in der Entspannung doch danach, jedes Fitzelchen unserer persönlichen Zeit zu genießen. Dann wieder lassen wir uns willig vom Getriebe der Zeit aufsaugen, um die existenzielle Befristung unserer Stunden zu verdrängen.

Der nordrhein-westfälische Zeitcoach Hermann Josef Leiders hilft seinen Kunden, auf ihre innere Uhr zu hören. Er sagt: „Von klein auf vermitteln uns Lehrer und Eltern, wie wir mit unserer Zeit verfahren sollen. Psychologen sprechen vom Antriebsmodell, wonach wir alles möglichst schnell erledigen sollen. Ständig wird uns eingeredet, dass wir etwas verpassen könnten.“ In unserer beschleunigten Zeit hält Leiders es für illusorisch, den Tagesablauf bis ins Detail durchzuplanen, wie es sich einige Klienten von ihm erhoffen. Es gehe eher darum, wenige konkrete Zeitanker zu bestimmen. „Außerdem ist es wichtig, sich kleine Auszeiten zu nehmen, etwa das Büro zu verlassen und nach draußen zu gehen.“ So entzieht man sich dem Druck der Zeit, meint Leiders.

Die Sehnsucht nach der Zeitmaschine

Eine Stunde erscheint hier leider unwiederbringlich.

Wir versuchen die Zeit bisweilen totzuschlagen, doch am Ende sind es doch wir, die das Zeitliche segnen. So viel Zeit wir uns auch nehmen, wir können sie nicht festhalten. Die Begriffe, die die Zeit begleiten, sprechen für sich. Meist verschwenden oder vergeuden wir sie. Zeit vergeht, und das auch noch im Fluge, sie zerrinnt unter den Fingern wie der Sand im Stundenglas. Eins aber ist unumstößlich: Sie läuft. Sie lässt sich mit keiner Stoppuhr der Welt anhalten. Diese Unwiderrufbarkeit mutet in unserer Gesellschaft der permanenten Optimierung wie ein ewiges Ärgernis an. Man hat es noch nicht geschafft, das Gestern zu korrigieren. Die Uhr lässt sich zwar zurückdrehen, die Zeit aber nicht.

Dabei würden einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov zufolge fast zwei Drittel der Deutschen gerne einmal durch die Zeit reisen. Die Sehnsucht danach müssen Fiktionen befriedigen. Davon gibt es so viele, dass man schon eine Zeitmaschine bräuchte, um sie alle zu lesen oder anzusehen: In Martin Suters Roman „Die Zeit, die Zeit“ (2012) versucht der Protagonist, seine tote Ehefrau zurückzuholen, indem er Haus und Garten exakt so herrichtet wie zu ihren Lebzeiten. Michael J. Fox reiste „Zurück in die Zukunft“ (1985), und Diana Gabaldon machte einen Steinkreis zum Tor ins Schottland des 18. Jahrhunderts (1991).
Manchmal jedoch gelingt es auch im wahren Leben, die Vergangenheit für einen Moment zurückzuholen. Der französische Schriftsteller Marcel Proust war – dem Titel seines Hauptwerks getreu – zeitlebens „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Er fand sie beim Verzehr eines Madeleinegebäcks, das er in Tee tunkte. Schlagartig fühlte er sich über diese Geschmackserinnerung in seine Kindheit zurückversetzt. Eine ekstatische Glückserfahrung, die Szene ging in die Literaturgeschichte ein. Millionen Menschen erleben solche Erinnerungsreisen auf ähnliche oder ganz andere Weise. Die Gesetze der Zeit zu brechen ist ein alter Menschheitstraum.

Augenblickswesen im Zeitenlauf

Eine Stunde erscheint hier wie ein Flohhüpfer auf dem Weg in die Ewigkeit

Wenn wir unseren Blick zum Nachthimmel richten, sehen wir dort Sterne, die längst verloschen sind. Plötzlich fühlt sich der Mensch ganz klein und erdrückt vom galaktischen Ausmaß der Weltzeit. Dass wir nur Augenblickswesen im Zeitenlauf sind, ist mit unserem Selbstverständnis schwer vereinbar.

Die Menschen versuchen seit jeher, die eigene Lebensperiode in einen sinnhaften Zusammenhang mit der kosmischen Zeit zu setzen. Die zyklische Einteilung in Jahreszeiten und Gezeiten gibt Halt. Das christliche Heilsversprechen und die Evolution als Geschichte der Höherentwicklung sind Orientierungsversuche, um den unbegreiflichen Zeiträumen das Monströse zu nehmen. Für Platon war die Zeit nur ein minderwertiges Abbild der Ewigkeit. Der Physiker Isaac Newton machte die Zeit mathematisch greifbar, sein Kollege Albert Einstein erklärte sie zur relativen Größe.

Seine Relativitätstheorie veranschaulichte er einmal ironisch: „Wenn man zwei Stunden lang mit einem Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden.“ Gegen Ende seines Lebens zweifelte Einstein gar an der Existenz von Zeit: „Für uns gläubige Physiker hat die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer wenn auch hartnäckigen Illusion“, schrieb er. Und während Forscher und Feuilletonisten noch über diese Chimäre rätseln, macht es tick tock. Und die Zeit läuft.

Von Nina May

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