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Leere Brotboxen und ein "Jaaa!" zum Lernen

Zwei Perspektiven auf den Schulanfang Leere Brotboxen und ein "Jaaa!" zum Lernen

Die ersten Tage sind für Kinder und Eltern aufregend – und nicht immer läuft sofort alles glatt. Die Mutter einer Erstklässlerin und eine Lehrerin erzählen offen von ihren Erfahrungen und Gefühlen in den ersten Schultagen.

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Quelle: dpa/Symbolbild
Der Schulanfang aus Sicht einer Mutter – ein Tagebuch

Einschulungsfeier

Auf allen Glückwunschkarten, die meine Tochter Leonie zur Einschulung bekommt, steht etwas von „neuem Lebensabschnitt“. Das nervt sie total, sie ist auch so schon nervös genug. Am meisten helfen jetzt andere Kinder: Zur Einschulungsfeier spielen die Viertklässler den Neuen eine Geschichte vor, die sie sich selbst ausgedacht haben. Die Lehrer werden darin „Schlaumeier“ genannt und ein Erstklässler, der die Turnhalle nicht findet, wird von den Großen sogar dorthin getragen. Nach der Vorführung geht es zur ersten offiziellen Schulstunde ins Klassenzimmer. Als Leonie wieder raus kommt, sieht sie erleichtert aus. Sie haben gemalt. Und es hat Spaß gemacht.

Erste Woche, Tag 1:

Beim Abholen um 15 Uhr sitzt Leonie mit hängenden Schultern ganz alleine auf den Stufen im Hof. Das Essen war doof, die komischen Bällchen haben nicht geschmeckt. Zum Glück macht ihr der Unterricht Spaß. Sie haben die 1 gelernt haben. „Erst macht man den kurzen Strich nach oben und dann saust man für den langen Strich nach unten.“ Am Abend gibt es Tränen und Angst vor dem nächsten Tag. Genau genommen vor den Pausen. Leonie kennt noch niemanden in ihrer Klasse. Das macht den Anfang für sie nicht einfach. Mein Mann und ich hatten überlegt, ob wir ihr 15 Uhr als Abholzeit schon zumuten können. Sie kennt es so aus dem Kindergarten und wir hatten gehofft, dass sie durch die gemeinsamen Stunden zum Spielen nach dem Unterricht schneller Freunde findet. Ich frage sie, ob sie morgen vielleicht das nette Mädchen, das ihr gegenüber sitzt, fragen will, ob sie in der Pause zusammen spielen. Leonie nickt.

Tag 2:

Wieder sitzt Leonie beim Abholen ganz alleine auf den Stufen vor der Schule. Diesmal sind auch die anderen Kinder aus ihrer Klasse nicht mehr zu sehen. Ich bin sauer: Es kann doch nicht sein, dass die Kleinen in dieser riesigen Schule mit Hunderten von Kindern schon an den ersten Tagen komplett sich selbst überlassen werden. Ich spreche die Betreuerin darauf an. Sie räumt ein, dass sie Leonie übersehen hat. Klar, auch für sie sind die Gesichter neu. Trotzdem muss sie doch die Kinder im Blick haben. Dann kommt der nächste Knaller: Eine junge Frau geht auf die Betreuerin zu und sagt: „Leonie muss sich beeilen, ihr Bus fährt gleich ab.“ Ich erkläre der Frau, dass ich die Mutter bin, dass ich Leonie gerade abhole und nichts von einem Bus weiß. Offensichtlich ein Missverständnis, aber die Frau beharrt darauf, dass Leonie jetzt zum Bus kommen soll. Ich frage mich, was passiert wäre, wenn ich ein paar Minuten später gekommen wäre. Hätten sie Leonie dann in einen Bus gesteckt und irgendwo hingekarrt? Mein Vertrauen in die Schule ist ziemlich angeschlagen. Auf dem Heimweg bläue ich Leonie ein, dass ich sie immer, immer abhole und dass sie nirgends mit dem Bus hinfahren soll, außer wenn ich ihr das vorher sage. Und falls eine Lehrerin oder Betreuerin darauf besteht, soll diejenige mich anrufen.

Zum Glück war der Tag sonst gut: Leonie erzählt, dass sie ein Lied von einem roten Auto gesungen haben. Das Auto hatte einen Platten, das Loch im Reifen wurde mit Kaugummi zugeklebt. Mit „fffffff“ haben sie den Platten gespielt und mit kauenden Mundbewegungen den Kaugummi. Und sie hat das Mädchen an ihrem Tisch, Amelie, gefragt, ob sie mit ihr spielen will und sie haben beide Pausen zusammen verbracht.  

Tag 3:

Morgens auf dem Schulweg radeln unsere Nachbarn fröhlich winkend an uns vorbei - mit ihrem gut gelaunten Erstklässler im Schlepptau. Leonie guckt auf den Boden. Sie will nicht, dass der Nachbarsjunge ihre Tränen sieht. Sie weint, weil ihre Betreuerin sie am Vortag gefragt hatte, warum sie nichts zu Mittag isst. Das Mittagessen hat ihr nicht geschmeckt und ihr war es unangenehm, das zu sagen. Sie hat Angst, dass es heute wieder so läuft. Ich spreche mit ihrer Klassenlehrerin, die ganz lieb und verständnisvoll reagiert und Leonie anbietet, dass sie, wenn es ihr wieder nicht schmeckt, ins Klassenzimmer gehen und was aus ihrer Pausenbox essen kann.

Beim Abholen am Nachmittag ist Leonie total angespannt. Sie will die Haustür selbst aufsperren. Als es nicht klappt - die Tür klemmt öfter - bekommt sie einen Wutanfall, schreit und heult. Eine ältere Frau geht kopfschüttelnd vorbei.

Tag 4:

Die Augenringe werden tiefer – bei uns allen. Leonie kommt jetzt wieder jede Nacht zu uns ins Bett. Gestern Nacht hatte sie auch noch Durst, weil sie in der Schule vor lauter Aufregung nichts getrunken hat. Danach waren wir beide hellwach und konnten erstmal nicht wieder einschlafen. Auch morgens ist es schwierig geworden: Sie flüchtet sich in ihre Traum- und Spielwelt, ignoriert alles um sich herum und weigert sich, sich fertig zu machen. Es ist offensichtlich, dass sie nicht losgehen will.

Am Nachmittag der gleiche Anblick wie immer: Leonie sitzt alleine auf den Stufen. Ich muss zugeben, dass mir das jedes Mal wehtut. Dabei weiß ich, dass sie gerne mal alleine ist und auch zu Hause lieber ihre Ruhe hat, als sich ständig zu verabreden. Aber es ist ein Unterschied, ob sie alleine in ihrem Zimmer sitzt oder hier, mitten in diesem fröhlichen Kindergewusel, alleine ist.

Zweite Woche, Tag 1:

Wie wohl die zweite Woche wird? Am Wochenende hatte sich Leonie mit ihrer Kindergarten-Freundin verabredet, das hat ihr gut getan. Heute hat sie zum ersten Mal Sport. Leonie will wissen, wer den Sportunterricht macht, traut sich aber nicht, ihre Klassenlehrerin zu fragen. Ich gehe mit ihr zusammen hin und sage der Lehrerin, dass Leonie sie etwas fragen will. Meine Tochter fasst ihren Mut zusammen und stellt ihre Frage. Wieder ein Schritt weiter.

Tag 3:

Heute waren die Betreuer mit Leonies Klasse auf dem Spielplatz. Schön, endlich eine gemeinsame Aktion. Auch sonst habe ich das Gefühl, dass sie mehr und mehr ankommt. Den anderen Kindern scheint es ähnlich zu gehen: Heute morgen auf dem Flur wurde Leonie von mehreren Klassenkameraden mit Namen begrüßt. Die ersten Tage waren die meisten Kinder so aufgeregt und mit sich selbst beschäftigt, dass sie ihre Umgebung und die anderen Kinder gar nicht wahrnahmen. Auch das Abnabeln klappt langsam: Gestern haben wir uns vor dem Klassenzimmer verabschiedet und sie ist alleine reingegangen. Heute wollte ich eigentlich unten vor dem Schuleingang tschüss sagen, aber sie bat mich, zumindest noch den halben Weg bis zum Klassenzimmer mitzugehen. „Nicht so schnell, Mama!“, sollte das wohl heißen.

Dritte Woche, Tag 1:

Noch hält Leonie auf dem Schulweg meine Hand ganz fest. Die Nächte verbringt sie nach wie vor bei uns (wir haben ihre Matratze in unser Schlafzimmer gelegt, so können wir alle wieder durchschlafen). Sie bekommt auch noch öfter Wutanfälle, die zeigen, dass sie ziemlich unter Stress steht. Aber wenn ich sie nach der Schule frage, wie es war, kommt als Antwort seit einigen Tagen immer ein „gut“ oder sogar „sehr gut“. An diesem Morgen verabschiede ich mich unten am Eingang zur Schule von ihr. Fröhlich winkend flitzt sie inmitten einer bunten, lachenden Kinderschar nach oben. 

Der Schulanfang aus Sicht einer Lehrerin – ein Protokoll

Wenn ich am ersten Schultag vor einer neuen Klasse stehe, bin ich auch aufgeregt. Mir schießen alle möglichen Gedanken durch den Kopf: „Wie wird es werden?“, „Wie werden die Kinder auf die Anweisungen reagieren?“, „Oh Gott, sind die alle klein!“ Die ersten Kinder testen auch gleich, wie weit sie gehen können. Ich sage: „Wenn ich spreche, dann bitte Hände weg vom Material.“ Die gucken mich an und greifen zu ihren Heften. Ich muss in Sekunden entscheiden, wie ich reagierte. Wiederhole ich die Bitte? Reicht der typische Lehrerblick? Oder wird die Stimme schon etwas lauter? Manchmal reagiere ich falsch und ärgere mich nachher darüber.

Die meisten Kinder sind gut auf die Schule vorbereitet. Wenn ein Kind noch nie einen Stift oder eine Schere in der Hand gehalten hat, ist es mit dem Ausschneiden natürlich überfordert. Und natürlich hilft es, wenn man sie vorher durch Vorlesen und gemeinsames Singen mit Sprache vertraut gemacht hat. Ich kann den Eltern nur sagen: Entspannt euch, die Kinder müssen hier nicht gleich Abitur machen. Erstmal geht es darum, ihnen die Strukturen und den Tagesablauf an der Schule beizubringen. Sie müssen lernen, dass sie sich die Jacke anziehen sollen, wenn es zur Pause klingelt oder dass sie sich melden sollen, wenn sie etwas sagen wollen. Es dauert in der Regel vier bis sechs Wochen, bis sie wirklich angekommen sind.

Manche Kinder sind von Zuhause gewohnt, dass ihnen alles nachgetragen wird. Die kommen dann gar nicht auf die Idee, sich die leere Trinkflasche am Wasserhahn selbst wieder aufzufüllen. Oder sie können sich nicht an Regeln halten, weil sie Zuhause alles dürfen und die Eltern Konflikten aus dem Weg gehen. Die Schule kann aber nicht die komplette Erziehung übernehmen.

Bei schüchternen Kindern hilft es, ihre Stärken zu betonen. Sie sind oft so still, weil sie viel beobachten. Das ist eine enorme Gabe. Schüchterne Kinder sprechen meist nicht gern mit Fremden und mit Erwachsenen. Ich warte dann, bis sie warm werden und von selbst kommen. Es gibt auch immer mal wieder Kinder, die hier in der Schule viel alleine sind. Ich geh' am Anfang in der Hofpause raus und schaue, wer sich gefunden hat und versuche auch mal zu vermitteln. Wenn ein Kind nicht mit den anderen laufen mag, schlage ich ihm vor: „Buddel doch mal mit denen in der Sandkiste.“ Es gibt aber auch Einzelgänger, für die ist das in Ordnung. Sie finden es zu anstrengend, sich auf andere einzulassen und wollen von sich aus lieber alleine bleiben. Wenn sie von anderen Kindern gefragt werden, ob sie nicht was zusammen machen wollen, sagen sie: „Och, nö“.

Toll ist, dass die Kinder alle gerne lernen wollen. Sie haben keine Lust mehr auf Kindergarten und wollen loslegen. Sie sind aufgeregt, finden Schule super und sind für alles zu begeistern. Wenn ich sage, heute ist Deutschtag, rufen sie begeistert: „Jaaaa!“. Am schönsten ist der Moment, wenn ein Kind anfängt zu lesen. Ich finde das jedes Jahr und bei jedem Kind wieder etwas Besonderes und habe dann fast Pippi in den Augen. Das macht mich glücklich.

Knifflig ist, dass die Kinder so unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen: Die einen können beim Monopoly schon zwei Millionen plus drei Millionen addieren, andere können noch nicht mal richtig zählen. Es gibt Kinder, die sind sehr langsam und machen kaum Fortschritte. Sie zu motivieren und ihnen zu sagen, dass das in Ordnung ist, ist schwierig. Es gibt immer welche, die sagen, „Ich bin schon auf Seite 8“. Und denen, die auf Seite 1 sind, kommen die Tränen. Die lobe ich dann besonders.

Es gibt auch Situationen, in denen man als Lehrer alleine überfordert ist: Einmal ist ein Erstklässler in Tränen ausgebrochen und wollte nicht bleiben. Der Vater hat gesagt: „Du bleibst hier, ich kann dich nicht mitnehmen.“ Das Kind war total verzweifelt. Zum Glück war an dem Tag eine Referendarin da und konnte die Klasse übernehmen. Ich bin mit dem Jungen in einen extra Raum gegangen, um herauszukommen, was los ist. Die Woche zuvor hatten wir einen Ausflug gemacht. Der Junge konnte nicht dabei sein, er war krank. Er hatte das Gefühl, er hätte den Anschluss verpasst und hätte keine Freunde. Dabei war er beliebt, alle wollten mit ihm spielen. Wenn ich an dem Tag alleine gewesen wäre, wäre es schwierig geworden. Gerade die Erstklässler reagieren manchmal sehr emotional. Einmal hat ein Mädchen morgens geweint. Die Nachbarin hatte sie zur Schule gebracht, weil der Vater keine Zeit hatte. Sie hatten die Brotbox vergessen. Für Kinder ist es ein Weltuntergang, wenn sich etwas ändert, was sonst so verlässlich war. Zum Glück gibt es ganz liebe, empathische Kinder, die zu einem weinenden Kind hingehen, es trösten und in den Arm nehmen oder ein Taschentuch holen. Und wenn ein Kind seine Brotbox vergessen hat, bekommt es von allen Seiten etwas und hat am Schluss mehr als sonst.

Was mir bei den Eltern auffällt, ist, dass sie manchmal zu fürsorglich sind: Uns ist es zum Beispiel wichtig, dass die Kinder möglichst bald alleine in die Klasse gehen. Sind die Eltern dabei, konzentrieren sich die Kinder nicht aufs Ausziehen. Stattdessen quatschen sie ihre Eltern voll und erwarten Hilfe beim Ausziehen. Entscheidend ist, ein Kind bei einem Weg, den es selbst einschlagen möchte, zu unterstützen und nicht zurückzuhalten. Wenn es die Eltern noch braucht, kann man das Kind am ersten Tag bis zum Platz bringen, am zweiten Tag bis zur Tür, am dritten bis zum Flur etc. Beim Schulweg muss man schauen, wie weit das Kind ist. Ist der Weg lange oder gibt es gefährliche Kreuzungen, ist es okay, wenn Mama oder Papa mitgehen. Am besten lässt man das Kind ein Stück alleine gehen und beobachtet, ob es dem Straßenverkehr gewachsen ist. Manche schaffen auch schon schwierige Schulwege alleine, andere nicht, weil sie zum Beispiel zu verträumt sind.

Wir wollen es allen Kindern in der Schule so schön wie möglich machen. Schwierig ist es für uns Lehrer, wenn Kinder Zuhause vernachlässigt werden und die Eltern sich nicht um sie kümmern. Es tut einem in der Seele weh, wenn die einen so viel haben und die anderen gar nichts. Wenn man fragt: „Was hattet ihr im Adventskalender?“ und ein Kind sagt: „Ich habe gar keinen.“ Und die anderen haben drei. Wir versuchen das dann zu kompensieren und sagen: „Dafür hast du einen Adventskalender hier in der Klasse.“ Als Lehrer ist man da ziemlich hilflos und kann nur wenig helfen. An machen Schulen ist das richtig schlimm. Bei uns zum Glück nicht. Dafür gibt es hier viele Kinder, die haben jeden Nachmittag Termine: Geige, Sprachbildung, Kinder-Yoga. Es gibt auch Kinder, die sind jeden Tag von morgens um 7 Uhr bis abends um 18 Uhr hier. Das ist eine Manager-Woche. Ich rate den Eltern davon ab, wenn sie andere Möglichkeiten haben oder empfehle ihnen, die Kinder zumindest zwei Mal pro Woche früher abzuholen. Manche sind gerne am Nachmittag da, die jammern eher, wenn sie abgeholt werden. Andere möchten sich einfach mal zu Hause verkriechen.

Generell wünsche ich mir, dass die Eltern uns und ihren Kindern mehr vertrauen. Wir wollen doch den Kindern nichts Böses. Natürlich will keiner hören, dass das eigene Kind Blödsinn macht. Die Eltern beziehen das auf sich. Ich sehe uns als Erziehungspartner, die zusammen arbeiten. Eine Mutter hat mir einmal gesagt, sie sei die Anwältin ihres Kindes. Da habe ich gesagt: Das bin ich auch, sonst wäre ich im falschen Job.

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