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Panorama Warum es die Pariserin nicht gibt
Nachrichten Panorama Warum es die Pariserin nicht gibt
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20:11 18.05.2018
Echt französisch: Autorin Jeanne Damas. Quelle: Grasset & Fasquelle
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Paris

Braucht die Welt wirklich ein weiteres Buch über die Pariserin? Jeanne Damas, 25-jährige Influencerin und Pariserin der neuen Generation, sagt: Mais oui! – Aber ja! Ihr Buch „À Paris“ (In Paris) steht seit einiger Zeit neben all den anderen unzähligen Ratgebern über die nonchalante Französin, von „La Parisienne“ über „How to Be a Parisian Wherever You Are“. Aber selbstverständlich soll dieses Buch anders sein als alle anderen – und schon gar kein klassischer Stilratgeber.

Pariserin sein – egal wo

„Auch wenn es vielleicht vorkommt, dass ich auf meinem Instagram-Account unbewusst mit den Klischees der Pariserin spiele, ich wollte mit diesem Buch damit aufräumen und auf gar keinen Fall gute Ratschläge verteilen“, sagt Damas, die bereits mit 14 Jahren ihren eigenen Blog gründete. Heute folgen ihr mehr als 800 000 Menschen und ihr Label Rouje verkauft sich bestens.

Nichtsdestoweniger profitiert aber natürlich auch Damas vom hartnäckigen Mythos der stilsicheren Pariserin. Die Historikerin und Feministin Florence Montreynaud glaubt, dass er bereits in der Zeit der Belle Époque entstand, also Ende des 19. Jahrhunderts. „Am Eingang der Weltausstellung werden die über zehn Millionen Besucher aus aller Welt von der riesigen Statue einer Pariserin empfangen. Mit ihrem schmalen Rock und breitkrempigem Hut, angestrahlt von elektrischen Glühbirnen, steht sie als Symbol für die Hauptstadt der Mode“, schreibt sie in ihrem Buch „L’Aventure des femmes. XXe-XXIe siècle”.

Verkäuferin Fanny Quelle: Grasset & Fasquelle

Mit „À Paris“ (bisher auf Französisch und Englisch, Grasset & Fasquelle/Penguin) wollen Damas und ihre Co-Autorin, die Journalistin Lauren Bastide, nun zeigen, dass man die Pariserinnen aber natürlich nicht über einen Kamm scheren kann. Denn hinter dem Klischee stehen viele Frauen mit den unterschiedlichsten Facetten. 20 von ihnen haben Damas und Bastide für ihr Buch getroffen. Es liest sich wie eine Sammlung von Kurzgeschichten über Frauen, deren gemeinsamer Nenner das Leben in der Metropole ist. Darunter sind Prominente wie die Schriftstellerin Sophie Fontanel oder die Designerin Amelie Pichard, aber auch bisher der Öffentlichkeit unbekannte Frauen wie etwa Barbesitzerinnen, Künstlerinnen und Boutiquemanagerinnen.

Ein Buch als eine zeitgemäße Interpretation der Stadt

Die Auswahl der Autorinnen zeichnet ein erfrischend abwechslungsreiches Bild der Pariserin und verleiht dem Mythos ein realistisches Gesicht. Das der Nachteule Patricia zum Beispiel, die in einem winzigen Studio im vierten Arrondissement lebt, getrennt von ihrem 16-jährigen Sohn, den sie offenbar viel zu früh bekam. Oder das der 70-jährigen Françoise, einer Antiquitätenhändlerin, die gern mit Terrier und Hermès-Tasche durch den Jardin de Tuileries spaziert. Die Lebenswege der Frauen unterscheiden sich wie auch ihr Stil. Natürlich darf der Trenchcoat nicht fehlen, aber auch Batikkleider und Birkenstocks sind auf den Bildern zu finden. Damas und Bastide brechen das gängige Bild der Pariserin, indem sie Frauen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Hautfarben und Herkunft porträtieren. Ihr Buch ist eine zeitgemäße Interpretation, für die man die Autorinnen ruhig loben darf.

Noemi Ferst mit Baby Gigi Quelle: Grasset & Fasquelle

Letztlich aber tappt auch „À Paris“ in die Fallen leidiger Klischees. Dass die Designerin Nathalie Dumeix zum Beispiel extrem dünn sei, obwohl sie sich um kurz vor zwölf Rührei mit Schinken und Bratkartoffeln bestellt, wird mit Bewunderung erwähnt. Und bei genauem Hinsehen kommen die meisten der Porträtierten eben doch aus sozial begünstigten Milieus. So wie Emilie, die Nichte von Designerin Isabel Marant, oder Crystal, Tochter des Jazz-Saxofonisten David Murray.

Es mag sein, dass die Pariserinnen durch dieses Buch greifbarer werden. Mit dem Alltag haben die Szenen dennoch wenig zu tun. Denn wer kann sich schon den Luxus leisten, den Großteil des Tages im Bett zu verbringen und dort zu arbeiten, so wie die Schriftstellerin Sophie Fontanel? Aber die Geschichte von der Pariserin, die um 6.30 Uhr aufsteht und kurz darauf in die überfüllte Metro drängt, um rechtzeitig im Büro zu sein, lässt sich vermutlich nicht so gut verkaufen.

Von Estelle Marandon

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