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Panorama Warum wollten Sie nicht mit Mandela leben, Jack Swart?
Nachrichten Panorama Warum wollten Sie nicht mit Mandela leben, Jack Swart?
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20:12 18.05.2018
Jack Swart schwärmt über Nelson Mandela: „Er war ein sehr freundlicher Mann. Und unheimlich neugierig.“ Quelle: Rasso Knoller
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Kapstadt

Die Geschichte hat ihm einen Platz an der Seite des Freiheitskämpfers Nelson Mandela zugeteilt. Doch dabei war Jack Swart im Südafrika der Apartheidspolitik zunächst einfach nur ein Gefängniswärter, ein Nachkomme der weißen Buren, die das Land brutal regierten.

Herr Swart, würden Sie sich vielleicht für ein Foto in den Sessel unter Nelson Mandelas Porträt setzen?

Das steht mir nicht zu. Dieser Sessel ist Mandelas Sessel.

Und deshalb scheuen Sie sich, darin Platz zu nehmen?

Ich halte mich eben gerne an die Regeln. Dies ist nicht mein Platz.

Welches ist denn Ihr Platz?

Hier drüben in der Küche, an diesem Tresen. Von dort hatte ich immer einen guten Blick auf seinen Sessel. 14 Monate lang habe ich von meinem Hocker aus diesen Mann beobachtet, wenn er allein war und gelesen hat oder wenn, wie meistens, der Raum voller Besucher war. Mandela saß immer genau da in der Mitte, alle anderen um ihn herum. Und ich in der Küche.

Wie kamen Sie überhaupt in dieses Haus mit Mandelas Sessel?

Ich musste einem Befehl folgen. Im Dezember 1988 spürten die meisten von uns, dass sich in Südafrika etwas verändert. Mandela, seit 25 Jahren in Haft, war wegen Tuberkulose vom Pollsmore-Gefängnis in ein Kapstädter Krankenhaus verlegt worden, nun sollte er zurück ins Gefängnis. Was wir nicht wussten, war: Die Regierung verhandelte längst mit ihm über seine Freilassung. Es war wohl klar, dass er eine besondere Rolle für unsere Zukunft spielen würde. Mandela war aber seit 1963 von der Welt isoliert und musste vorbereitet werden. Deshalb kam er in diesen alten Bungalow auf dem Gelände des Victor-Verster-Gefängnisses in Paarl. Und ich erhielt einen Anruf, dass ich Möbel kaufen sollte und meinen Dienst antreten als Koch für den Häftling Mandela. Ich war nicht glücklich. Ich wollte diesen Job nicht.

Weil Sie als weißer Afrikaaner, als Bure, plötzlich mit dem berühmtesten schwarzen Freiheitskämpfer der Welt leben sollten?

Für uns waren die politischen Gefangenen damals alle Terroristen. „Jetzt sollst du für einen Kaffer kochen“, haben meine Freunde gesagt. Ich hab’ nur geantwortet: „Ich bediene keinen Kaffer, ich mache meinen Job.“ Ich war trotzdem ärgerlich: Ich hatte jahrelang so hart für meine neue Stelle gearbeitet, war gerade Küchenchef für alle Gefängnisse in der Kap-Provinz geworden. Und jetzt sollte ich für einen einzigen Mann kochen?

Wie war denn dann die erste Begegnung mit diesem „Terroristen“?

Ich hatte ihn schon 1964 einmal auf Robben Island erlebt. Als ganz junger Gefängniswärter habe ich politische Häftlinge zur Arbeit in den Steinbrüchen gefahren. Das tat ich wohl etwas wild. Jedenfalls hat Mandela mal von hinten an die Scheibe der Fahrerkabine geklopft und geschimpft: „Was glauben Sie denn, was wir sind? Mehlsäcke?“ Als er nun in diesem Haus ankam, erinnerte ich ihn daran. Da grinst er nur und sagt: „Sie waren das? Ich hoffe, dass Sie ein besserer Koch als Fahrer sind.“

Das hat er sich als Häftling getraut?

Ja, er war furchtlos, auch nach einem Vierteljahrhundert im Gefängnis. Und er hatte immer diese Haltung, schon auf Robben Island, die ganz klarmachte, dass er eine Führungspersönlichkeit ist. Vor allem aber hatte er diese große Fähigkeit zur Vergebung. So verstehe ich diesen Satz: dass wir in der Nacht, in der wir beide in dieses Haus gekommen sind, etwas Neues anfangen.

Und er hat Ihnen vertraut, dass auch Sie so einen Neuanfang wollen?

Das war nicht so wichtig. An unserem ersten gemeinsamen Tag hat er mich gefragt, ob ich mich für Politik interessiere, und ich habe Nein gesagt. Das hat er respektiert und mich nie wieder auf Politik angesprochen. Aber das Haus war die ganze Zeit voll mit Politik. Die Besucher haben über nichts anderes geredet.

Sie haben alles mitgehört, sprechen selbst alle drei Sprachen des Landes – Englisch, Xhosa, Afrikaans. Haben Sie die Inhalte dieser Gespräche weitergegeben?

Das war nicht nötig, das Haus war verwanzt. Überall waren Mikrofone eingebaut, sogar in den Ständern der Sonnenschirme und in Mandelas Gartenstuhl.

Hat Mandela Ihnen mal erzählt, wie er sich in diesem Haus fühlte, das vergittert und ummauert und von Sicherheitsleuten bewacht war und das er nur in Begleitung verlassen durfte?

Nein, das konnte ich ja sehen. Er war stolz darauf, wieder ein Haus zu führen. Wenn Besucher angekündigt waren, dann ist er auf die Knie gegangen, um die Fransen am Teppich mit den Fingern zu kämmen. Er hat jedem Gast mit Wonne die Mikrowelle vorgeführt – die er zuerst für einen zweiten Fernseher gehalten hatte –, weil diese Entwicklung ja völlig an ihm vorbeigegangen war. Er hat sich, trickreich, als Lungenkranker von seinem Arzt ein Rezept für Feuerholz ausstellen lassen – so umging er die Rationierung der Verwaltung und hat es sich jeden Abend am Kamin gemütlich gemacht. Er konnte nicht schwimmen, war aber gerne im Pool, hat den Kopf unter Wasser gesteckt und ist so darin gelaufen. Er wollte unbedingt lernen, die Waschmaschine zu bedienen, hat darauf bestanden, seine Wäsche selbst zu waschen.

Das klingt für ein Gefängnis alles so – heiter ...

Er war eben auch ein sehr freundlicher Mann. Und unheimlich neugierig. Nur wenn er sich geärgert hat, dann hat er so ein komisches kleines Schnarchen von sich gegeben und zehn Minuten nicht geredet. Einmal, als er mich fragte, wie die Melonen heißen, die er so mochte, habe ich ohne Nachdenken gesagt „Kaffermelonen“. Da war er verletzt. Oder als er zwei wichtige Männer zum Dinner erwartete und ich ihm gesagt habe, dass sie den furchtbar süßen Wein, den er immer trank, nicht mögen würden. Da wurde er unleidlich, das seien teure Flaschen. Ich habe dann vorgeschlagen, dass ich zwei Weine besorge: einen süßen und einen trockenen. Als ich die Auswahl anbot, griffen die Gäste zum Trockenen – und Mandela war beleidigt. Ich hätte ihn vorgeführt, sagte er. Ach, eins hat er nie getan: Er hat nie in dem großen Schlafzimmer geschlafen, das wir für ihn eingerichtet haben. Dort hat er nur Sport gemacht – Fahrradfahren und Liegestütze auf den Fingerspitzen, mit 70! Geschlafen hat er auf einem schmalen Bett im kleinsten Zimmer, das ist genauso groß wie eine Gefängniszelle. Heute glaube ich, er hat sich dort sicher gefühlt.

Wann haben Sie das erste Mal gemerkt, dass sich am Status des Häftlings Mandela etwas ändert?

Etwa drei Monate nach seiner Ankunft. Ich hatte am Anfang die Gefängnisleitung gefragt, wie ich ihn anreden solle. Nelson oder Mandela, wie alle Häftlinge, hieß es. Dann kam eine Notiz, es sei an der Zeit, ihn Mister Mandela zu nennen. Da war klar, dass dieses Haus das letzte Gefängnis für ihn sein würde, dass ich dabei helfen sollte, diesen Mann auf ein freies Leben vorzubereiten. Das war ja dann auch so.

Hat er Ihnen dafür gedankt, bevor er durch das Gefängnistor hinausging?

Nein. Er hat nur kurz seine Hand auf meine Schulter gelegt. Ich glaube, für einen Mann seiner Generation war das ein Danke. Und er hat mich und meine Frau später eingeladen, zu seiner Inauguration als Präsident, zum Geburtstag, zum Tee in seinem Haus.

Waren Sie stolz darauf?

Ja.

Haben Sie nie über die Kluft zwischen Ihnen, über Ihre Herkunft und Erziehung, gesprochen?

Nein.

Sie haben in der Zeit mit ihm die Führungsriege seiner Partei, des Afrikanischen Nationalkongresses ANC, kennengelernt. Hat Ihre Bekanntschaft mit Mandela auch Ihre Sichtweise auf die Befreiungsbewegung verändert?

Nein. Als Mandela frei war, haben sie mich einmal aufgefordert, mich ihnen anzuschließen. Du bist jetzt einer von uns, haben sie gesagt. Aber nein, das bin ich nicht.

Wenn Sie die Person Nelson Mandela in drei Worten beschreiben sollten, was würden Sie sagen?

Ich brauche nur ein Wort: Gentleman.

Ein unwahrscheinlicher Begleiter: Jack Swart ist der Zeitzeuge aus dem Inneren des Systems

Es war der Moment, in dem die Freiheit triumphierte: Am 11. Februar 1990, nach 27 Jahren in Haft, ging Nelson Mandela als freier Mann durch das große Tor des Victor-Verster-Gefängnisses im südafrikanischen Paarl – die rechte Faust in die Luft gereckt, die linke Hand in der Hand seiner Frau Winnie Madikizela-Mandela. Es war der Moment, in dem Millionen schwarze Südafrikaner ihren Glauben an ihr Land zurückerhielten und in dem der Job des Gefängniswärters und -kochs Jack Swart beendet war.

Der Mann aus dem Transvaal, der Hochburg des weißen Nationalismus der Buren-Nachkommen, war ein so zufälliger wie unwahrscheinlicher Begleiter auf den letzten Metern des langen Marsches Nelson Mandelas. Swart, Jahrgang 1947, hatte sich schon als Schüler einer Karriere in den Gefängnissen seines Landes verschrieben. In seinem privaten Fotoalbum finden sich nicht nur gemeinsame Bilder mit dem ersten schwarzen Präsidenten der Republik am Kap – sondern auch eines, auf dem er strahlend als 18-Jähriger einen Preis von Hendrik Verwoerd entgegennimmt. Premierminister Ver­woerd war einer der Baumeister des Apartheidsstaats, der von 1948 bis 1991 die schwarze Bevölkerungsmehrheit entrechtete und unterdrückte, im Namen der systematischen „Rassentrennung“. Swarts persönliche Geschichte umspannt nicht nur in dieser Hinsicht einen großen Teil der modernen Geschichte Südafrikas.

Wiedersehen: Nelson Mandela (r.) und Jack Swart 1998 an dem Bungalow, in dem sie 14 Monate gemeinsam verbachten. Quelle: imago stock&peopleimago stock&people

Der pensionierte Stabsfeldwebel, Vater zweier erwachsener Kinder, gilt heute als wichtiger Zeitzeuge aus dem Inneren des Systems, der die Verwandlung des Häftlings Nelson in den Staatsmann Mandela aus nächster Nähe miterlebt hat. Aktiv arbeitet er in der Nelson-Mandela-Stiftung mit – etwa zusammen mit Christo Brand als einer der wenigen Weißen und Vertreter des ehemaligen Apartheidsregimes, die ohne Beschönigung private Führungen auf der Gefängnisinsel Robben Island vor Kapstadt machen. Hier hat Swart den größeren Teil seines Berufslebens verbracht, hier hat Nelson Mandela die längste Zeit eingesessen. Seltener fährt Swart auch – wie jüngst mit fünf deutschen, österreichischen und Schweizer Journalisten – in den lachsfarbenen Bungalow im Weinbaugebiet Paarl, wo er Nelson Mandela von Dezember 1988 bis Februar 1990 während dessen letzter Gefängnisstation versorgte. In diesem Sommer – dem südafrikanischen Winter – ist Jack Swart besonders gefragt.

Denn in wenigen Wochen, am 18. Juli, feiert Südafrika den 100. Geburtstag des Freiheitshelden und Friedensnobelpreisträgers Nelson Mandela. Menschen in aller Welt sollen mitfeiern. Rund um den Globus organisiert „Mandela Concerts“ für diesen 18. Juli Benefizkonzerte – und will damit Schul- und Bildungsprojekte in Südafrika finanzieren. Die Nelson-Mandela-Stiftung stellt eine Lebensschau zusammen, die fünf Jahre lang um die Welt reisen soll – damit benachteiligte Kinder erfahren, dass ein Ausbruch aus Gewalt und Unterdrückung möglich ist. Der erste schwarze US-Präsident Barack Obama hält in Johannesburg eine Festrede. Das Tourismusbüro von Südafrika bietet Reisen „Auf den Spuren Nelson Mandelas“ an. Und Jack Swart erzählt, wie es war, so persönlich den Anbruch des neuen Südafrika mitzuerleben.

Auch bei Nelson Mandela selbst haben die Monate im Bungalow, im Schatten der Drakensberge, nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Er war bereits Präsident, berichtet Brian Sickle von der Mandela-Stiftung, als er die Gefängnisleitung um die alten Baupläne des Hauses bat. Dann ließ er im Dorf seiner Kindheit, Qunu in der Transkei, exakt dieses kleine Haus mit seinen drei Schlafzimmern und dem Pool nachbauen, als Alterssitz. Bescheiden für einen Präsidenten – aber genau richtig für den Menschen Mandela. Denn dies war das Haus, in dem er zum ersten Mal seit 25 Jahren ohne Angst leben, atmen, schlafen konnte.

Das Foto mit Jack Swart am Pool, entstanden nach der Freilassung, hat Mandela vergrößern lassen und in seinem neuen Haus neben den Kamin gehängt.

Von Susanne Iden

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