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Deutschland / Welt Der Moment, der Amerika veränderte
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00:16 22.11.2013
Von Stefan Koch
Quelle: dpa
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Washington

"Mr President, schauen Sie! All die Menchen jubeln! Sie können nicht sagen, dass Sie in Dallas nicht geliebt werden!" Nellie Connally, Ehefrau des texanischen Gouverneurs, war begeistert und lachte, als sich tausende Menschen entlang der Dealey Plaza drängelten und John F. Kennedy zuwinkten.

Die Connallys saßen gemeinsam mit dem Präsidentenpaar in der schwarzen Limousine und sahen, wie dem Gast aus Washington etwas gelang, was damals als undenkbar galt: Ausgerechnet Dallas, das zu jener Zeit den Beinamen "Stadt des Hasses" trug, sollte den Mann feiern, der für die Erneuerung Amerikas stand. Der Siegeszug über die bleiernen fünfziger Jahre, über Rassentrennung und über die krasse soziale Ungerechtigkeit endete jedoch abrupt um 12.30 Uhr. Schüsse fielen, von denen zwei "JFK" tödlich treffen und das Land tief verunsichern sollten.

Die Fernsehbilder vom 22. November 1963 gruben sich in das Gedächtnis der Nation ein. Es erschien unfassbar, dass das Vorbild einer ganzen Generation, das weltweit die Hoffnung auf ein friedliches Ende des Kalten Krieges näherte, so plötzlich aus dem Leben gerissen wird. Viele Amerikaner konnten nicht glauben, dass ein einzelner Täter mit einem Jagdgewehr brutal in den Lauf der Geschichte eingriff.

Die unzähligen Verschwörungstheorien, die sich seit einem halben Jahrhundert um das Attentat ranken und regelmäßig neu befeuert werden, lassen sich nicht allein mit den damaligen Mängeln der Polizeiarbeit erklären. Sie deuten vor allem auf eine klaffende Wunde - Amerika spürte an diesem Tag seine eigene Zerrissenheit.

Rückblickend wird Kennedy oft in einem Atemzug mit Abraham Lincoln genannt. Beide Präsidenten hatten ihrem Land Hoffnung auf einen Neuanfang gegeben - und beide fielen einem Anschlag zum Opfer. Kennedy übte sein Amt nur etwa 1000 Tage aus, und doch vermittelte er der Welt den Eindruck, dass er die Supermacht aus der Konfrontation herausführen wollte.

Der Optimismus-Präsident

"Amerika hätte eine anderen Weg eingeschlagen. Ich gehe davon aus, dass er sich nicht so stark in Vietnam engagiert hätte", sagt Allan Lichtman von der American University in Washington. Der Historiker ist ein gefragter Mann in der US-Hauptstadt, da er viele Belege dafür findet, dass der 35. Präsident eine Kurskorrektur in der Außenpolitik einleiten wollte. Der 66-jährige Wissenschaftler gesteht freimütig, dass er sich als Jugendlicher für "JFK" begeistert habe. Der strahlende junge Mann im Weißen Haus habe unendlich viel Optimismus verbreitet. Seine Ankündigung, schon bald einen Amerikaner zum Mond fliegen zu lassen, habe die Menschen von einer besseren Zukunft träumen lassen.

Ein Blick in Washingtoner Buchhandlungen zeigt, wie sehr dieser Mann verklärt und fast zur Lichtgestalt erhoben wird - vielleicht gerade wegen seines frühen Ablebens. Umso erstaunlicher ist es, dass seine Bilanz eigentlich recht mager war. Das Programm "New Frontier", das alte Grenzen einreißen sollte, blieb weitgehend unerfüllt. Das Idol einer ganzen Generation war nur zwei Jahre im Amt, und die überwiegende Zahl seiner Gesetzesvorhaben scheiterte im Kongress. Die Sozialreformen, für die Kennedy so vehement stritt, boxte erst sein Nachfolger Lyndon B. Johnson durch die Parlamentskammern.

Nicht besser sah es in der Außenpolitik aus: Der Bau der Berliner Mauer, das Hineinrutschen der USA in den Vietnamkrieg und die Kuba-Krise belasteten die Ära Kennedys. Und so mancher Historiker ist gar der Ansicht, dass den charmanten Mann aus dem Weißen Haus eine Mitschuld an den dramatischen Entwicklungen trifft, da er sich im Juni 1961 bei seiner ersten Begegnung mit dem sowjetischen Regierungschef Nikita Chruschtschow recht unerfahren präsentiert haben soll.

Dass Moskau dem Bau der Mauer zustimmte und auf die Idee verfiel, wenige Meilen vor Floridas Küste Atomraketen zu stationieren, wäre wohl kaum denkbar gewesen, hätte Chruschtschow den Eindruck gewonnen, dass sein Verhandlungspartner überaus entschlossen sei. So aber ließ der Kreml die sowjetischen Frachter, die Kernwaffen geladen hatten, erst abdrehen, als Kuba schon fast erreicht war und die Welt am Rand eines fürchterlichen Atomkriegs stand.

Zeitgeschichtler diskutieren die durchwachsene Bilanz rund um den 50. Todestag mit Inbrunst. Kaum zur Sprache kommen dagegen die transatlantischen Initiativen, die bis heute nachwirken.

So blieb von dem Deutschlandbesuch im Juni 1963 vor allem seine Rede vor dem Schöneberger Rathaus ("Ich bin ein Berliner") in Erinnerung. Zu Unrecht fast vergessen ist dagegen sein vorheriger Auftritt in der Frankfurter Paulskirche. Kennedy war ein Vorkämpfer der transatlantischen Freihandelszone: "Die 500 Millionen Menschen diesseits und jenseits des Atlantiks müssen die Speerspitze sein, Freiheit auch in alle anderen Nationen der Welt zu tragen." Eine amerikanisch-europäische Handelsunion könnte in einer echten Vereinigung des Westens gipfeln.

50 Jahre nach seinem Deutschland-Besuch und 50 Jahre nach seinem Tod ist Kennedys Vermächtnis überraschend aktuell.

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