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Abhörskandal erschüttert politisches System der Briten

Cameron-Berater festgenommen Abhörskandal erschüttert politisches System der Briten

Die britische Presse hat enorme Macht. Sie entscheidet mit, wer in Downing Street 10 einzieht. Der jetzige Mieter und Premier David Cameron - selbst Profiteur des Systems - will nach dem Abhörskandal bei einer Boulevardzeitung aufräumen.

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Viele Zeitungen entscheiden sich bewusst für die Unterstützung einer Partei, und tun das dann auch lautstark kund.

Quelle: dpa

London . Bessere Werbung hat sich David Cameron am Tag der Parlamentswahl im Mai 2010 kaum wünschen können: Das britische Massenblatt „The Sun“ druckt sein Konterfei über die gesamte Titelseite. „Unsere einzige Hoffnung“ steht darunter, und „Cameron vertrauen wir“.

Was Besuchern aus dem Ausland seltsam erscheinen mag, hat im Vereinigten Königreich Tradition. Viele Zeitungen entscheiden sich bewusst für die Unterstützung einer Partei, und tun das dann auch lautstark kund. Der Abhörskandal um die Zeitung „News of the World“ bringt nun das System der engen Bande von Politik und Medien ins Wanken.

„Weil Parteiführer so versessen darauf waren, die Unterstützung der Zeitungen zu gewinnen, haben wir wissentlich weggeschaut“, sagte Premier Cameron am Freitag in London mit Blick auf den Skandal um abgehörte Handys bei „News of the World“. In deutlichen Worten legte er ein Schuldbekenntnis ab. Das Land sei in einer „Zeit der Krise und Sorge“. Herauszuhören war, dass die Praktiken bei dem Blatt Teil eines weit verzweigten Sumpfes sind - darin stecken Presse, Polizei, Politik.

Cameron selbst ist in den Skandal verstrickt. Nicht nur gehört sein „The Sun“ zum selben Verlag wie „News of the World“ - und zwar zum britischen Arm des Medienimperiums von Rupert Murdoch. Auch machte Cameron nach seiner Wahl den ehemaligen Chefredakteur von „News of the World“, Andy Coulson, zu seinem Kommunikationschef. Der sitzt seit Freitag in Haft.

Mit dem Rücken zur Wand schießt Cameron nun nach vorn und kündigt eine Untersuchung aller Vorfälle und eine Neuregelung der Presseaufsicht an. „Es muss sich etwas ändern“, sagte er. Die Frage ist, ob Cameron wirklich aufräumen will oder ob es ihm vor allem darum geht sich selbst ins Trockene zu bringen. Denn seine drastischen Worte befeuern Gerüchte, alles könnte noch schlimmer werden.

Der Rundumschlag wirft Fragen auf, wie weit die Bespitzelung System hatte. War das Anzapfen der Handys von Terror- und Entführungsopfern, das es bei „News of the World“ gegeben haben soll, auch anderswo in der Branche Praxis? Hackte man sich in E-Mail-Accounts getöteter Soldaten ein? Fand man bei der Polizei willige Informanten, die sich mit hohen Summen bezahlen ließen? Wusste die Politik davon?

Die „News of the World“ wird es von kommender Woche an nicht mehr geben. Der seit Jahrzehnten laufende Skandal dürfte weiter schwelen. Neben polizeilicher Ermittlungen wird es auch einen Untersuchungsausschuss geben, kündigte Cameron an. Es sei mit weiteren Festnahmen zu rechnen.

Das abrupte Aus für das mehr als 168 Jahre alte Blatt weckt in Großbritannien Misstrauen. So spekulierte der britische Medienanwalt Mark Stephens im Gespräch mit dem australischen Sender „abc“ bereits, damit ließe sich ein juristischer Weg finden, dass News International die Unterlagen von „News of the World“ gar nicht herausgeben müsse, sondern als Teil der Auflösung sogar in den Reißwolf stecken könnte. Das Einstellen der Zeitung nannte Stephens einen „genialen Schachzug“.

Denn wie viele Medienexperten ist auch er der Ansicht, dass News International die „News of the World“ aus wirtschaftlichen Gründen ohnehin loswerden wollte. Stattdessen kommt Schätzungen zufolge bald eine Sonntagsausgabe des Schwesterblattes „The Sun“ auf den Markt. Doch Cameron will Winkelzüge nicht zulassen. „Es ist nicht die Zeitung, es sind die Praktiken. Was sich ändern muss, ist nicht der Name der Zeitung.“

frx/dpa

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