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Lucke unterliegt Petry

Neue AfD-Bundesvorsitzende Lucke unterliegt Petry

Bernd Lucke redet, streitet und kämpft auf dem AfD-Parteitag um sein politisches Überleben – und unterliegt. Am Sonnabend hat die AfD mit 60 Prozent der Stimmen Frauke Petry zur neuen Bundesvorsitzenden gewählt. Eine Analyse von Klaus Wallbaum.

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Petry schlägt Lucke: Mit 60 Prozent der Stimmen wurde Frauke Petry zur neuen AfD-Bundesvorsitzenden gewählt.

Quelle: dpa

Essen. Schon recht früh wird Bernd Lucke klar, dass er den Machtkampf wohl verloren hat. Zu Beginn des AfD-Bundesparteitags in der Essener Grugahalle tritt der Bundessprecher ans Mikrophon, um die mehr als 3400, aus allen Teilen der Republik angereisten Parteimitglieder willkommen zu heißen. Aber es liegt eine Spannung in der Luft, der Beifall bleibt mager, und als Lucke eine Minute später über seine Arbeit referiert, ertönen Buh-Rufe, die immer lauter werden.

Buh-Rufe gegen Lucke

"Lügner", schreien einige aufgebrachte Zuhörer dazwischen, "Lucke raus" brüllt jemand aus der anderen Ecke des Saales. Die Temperatur misst 28 Grad, alle schwitzen, die Stimmung ist aufgeheizt - und für Lucke, den einsamen Einzelkämpfer, wird es der Tag der großen Niederlage. Er sitzt nach seiner Rede fast den ganzen Tag nachdenklich auf seinem Stuhl oben auf der Tribüne am Vorstandstisch, sein Gesicht wirkt wie versteinert. Direkt neben ihm hat Frauke Petry Platz genommen, seine Gegenspielerin und die Siegerin des Tages. Die beiden würdigen sich keines Blickes.

Es soll dann noch acht Stunden dauern, bis nach quälenden Diskussionen über die Satzung und die Tagesordnung die Führungsfrage in der AfD auch formal entschieden ist. Gegen 18.15 Uhr steht fest: Der 52-jährige Ökonom und frühere Wirtschaftsprofessor Lucke (52) unterliegt, die sächsische Landtagsabgeordnete Petry (40), die auch die nationalkonservativen Kräfte hinter sich schart und keine Hinweise für einen "Rechtsruck" in der Partei zu haben glaubt, ist die neue erste Vorsitzende der AfD. Ein knappes Ergebnis war in den vergangenen Wochen erwartet worden, doch das Resultat fällt dann doch recht deutlich aus: 60 Prozent für Petry, 35 für Lucke.

Ein letztes Aufbäumen

Am Nachmittag, kurz vor der Wahl, gibt Lucke in seinem Rechenschaftsbericht noch einmal alles, wirkt kämpferisch und angriffslustig wie selten. Die AfD dürfe nicht die Partei der Populisten werden, ruft er in die Halle. Sie dürfe auch nicht Sprachrohr der Pegida-Bewegung werden, wie der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende und Petry-Vertraute Marcus Pretzell zuvor gesagt hatte. Die AfD dürfe nicht auf jeden Zug springen, das politische System verteufeln oder die Russland-Sanktionen bekämpfen, ohne ihren Sinn zu verstehen. Wenn man den Islam, wie Petry meint, für unvereinbar mit der Staatsordnung halte, dann müsse man auch sagen, "was mit dem Muslimen in Deutschland geschehen soll". Mit jedem seiner Sätze reizt der Vorsitzende seine Gegner im Saal zu einem immer lauter werdenden Pfeifkonzert. Sogar der Tagungsleiter muss eingreifen. Lucke spricht unverdrossen weiter - wohlwissend, wie sehr er seine Kritiker damit anstachelt. Nach der Rede rufen die einen "Lucke weg, Lucke weg!", etwas schwächer erklingt danach die andere Gruppe mit "Lucke, Lucke!"

Es war ein letztes Aufbäumen der bisherigen Leitfigur der AfD. Wird er jetzt mit seinen Getreuen die Partei verlassen, wird er eine neue Partei gründen - oder sich zurückziehen? Die Spaltung der AfD, die als Euro-kritische Partei gestartet war und 2014 einige spektakuläre Landtagswahlsiege im Osten feierte, hat sich längst schon vollzogen. Beim Parteitag wird das deutlich. Die Mitglieder - es sind überwiegend Männer, die meisten haben die 50 überschritten - bekennen sich nicht etwa als AfD-Anhänger, sondern als Angehörige eines bestimmten AfD-Grüppchens. Fast jeder dritte trägt ein Button. "Der Flügel" nennt sich der nationalkonservative Kreis um den Thüringer Björn Höcke. Die Lucke-Anhänger haben Sticker mit dem Namen "Weckruf", die Lucke-Gegner halten dagegen mit "Weckruf - Nein Danke."

Eine "Gallionsfigur der Gründerzeit"

Es war die Idee von Lucke vor zwei Monaten, seine Getreuen um sich zu scharen in einem parteiinternen Verein namens "Weckruf", der sich zum Ziel machte, das liberale und bürgerliche Image der AfD hervorzuheben. Gleichzeitig sollte das eine Abschottung gegenüber rechtsextremen Tendenzen sein. Doch Luckes Vorstoß ging nach hinten los. Viele AfD-Mitglieder interpretierten den Schritt wie einen Versuch der Ausgrenzung und Spaltung. Am "Weckruf" begannen sich auf einmal die Geister zu scheiden. Vielleicht hätte Lucke seine Integrationsfähigkeit unter Beweis stellen können, wenn er sich beim Parteitag von diesem "Weckruf" distanziert hätte. Doch er handelt im Gegenteil nach Luthers Motto: Hier stehe ich, ich kann nicht anders.

Die Siegerin Petry hingegen, die bei diesem Parteitag nicht so entspannt und wortgewandt wirkt wie sonst, genießt am Ende ihren Erfolg. Ihre Anhänger stehen auf und klatschen rhytmisch, sie tritt nach vorn und sagt: "Wir können nur gemeinsam als AfD Erfolg haben. Lieber Bernd Lucke, du bleibst die Gallionsfigur der Gründerzeit."

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