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Deutschland / Welt „Wer gefunden wurde, bekam eine Kugel in den Kopf“
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00:18 08.10.2015
Kriegsszenen: Afghanische Regierungstruppen bei einer Patrouille in Kundus.Foto: afp Quelle: WAKIL KOHSAR
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Hannover/Kundus

Hunderte harren aus in ihren Verstecken, sie fürchten um ihr Leben. Seit die Taliban in die Stadt Kundus vorgerückt sind und viele Regierungsmitarbeiter umgebracht haben, herrscht unvorstellbare Angst in der nordafghanischen Provinzhauptstadt. Auch eine Woche nach dem Großangriff wagt sich kaum jemand auf die Straße, denn die Gefechte halten seit Tagen an. Nahezu alle Kliniken sind zerstört oder stark beschädigt. Viele Verletzte sterben, weil sie nicht versorgt werden können. Den afghanischen Sicherheitskräften gelingt es bisher nicht, die Aufständischen aus allen Teilen der 300 000-Einwohner-Stadt zurückzudrängen.

In der Region Hannover leben zwei Afghanen, die in diesen Tagen ständig Kontakt zu ihren Verwandten in Kundus halten - und die Dramatik der Situation in dieser Stadt hautnah geschildert bekommen. „Überall wird geschossen, Hubschrauber kreisen ständig über Kundus, die US-Armee geht immer wieder mit Luftangriffen gegen die Taliban vor“, sagt der 25-jährige Mohammad, ein ehemaliger Mitarbeiter der Bundeswehr. Er durfte vor Jahren nach Deutschland ausreisen, weil die Taliban ihn als Kollaborateur beschimpften und töten wollten. „Die Aufständischen verstecken sich hinter menschlichen Schutzschilden“, berichtet er. Seine Verwandten in Kundus haben ihm die verzweifelte Situation mehrfach beschrieben.

Soziale Netzwerke liefern grausame Bilder

Auch wenn die Telefonverbindungen seit Montag vergangener Woche nicht mehr funktionieren, erhalten Mohammad und sein Cousin Jamrad fast stündlich neue Informationen aus ihrer Heimat. Die sozialen Netzwerke bewähren sich und liefern unvorstellbar grausame Bilder aus Kundus. Tote liegen seit Tagen in der prallen Sonne am Straßenrand. Kaum jemand wagt es, die Leichen zu bestatten. „Die Taliban gingen von Haus zu Haus und suchten gezielt nach Regierungsbeamten und früheren Mitarbeitern der Schutztruppe Isaf. Wer gefunden wurde, bekam sofort eine Kugel in den Kopf“, berichtet Mohammad. Auch an das Haus von Mohammads Eltern wurde angeklopft. Mohammads Vater, ein General in der Nachbarprovinz, und einer seiner Brüder stehen auf der sogenannten Todesliste der Taliban. Beide hatten sich rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Den übrigen Familienangehörigen passierte bei der Hausdurchsuchung nichts.

Jamrad weiß dagegen nichts über das Schicksal seiner Angehörigen. „Sind sie tot, oder leben sie in einem Versteck?“, fragt er sich. Die Ungewissheit lässt ihn nicht mehr schlafen. „Ich fürchte das Schlimmste“, sagt er und wirkt dabei schon resigniert. „Wir bangen ständig um unseren Familien und können nur für sie beten.“ Am gestrigen Montag dann erreicht ihn eine Nachricht über seinen Onkel, dessen Name auch auf der „Todesliste“ steht. Die Taliban hatten ihn aufgespürt und wollten ihn hinrichten. Nur weil die Dorfältesten sich eingemischt und um Milde gebeten hatten, wurde der Onkel am Leben gelassen - aber die Taliban haben ihn dann längere Zeit gefoltert. Jamrad ist den Tränen nah, als er das berichtet.

Die beiden Cousins, die wegen ihrer guten Englischkenntnisse der Bundeswehr als Übersetzer jahrelang gute Dienste geleistet haben und inzwischen die deutsche Sprache gelernt haben, sind sich einig in der Beurteilung der Lage: „Die Nato hat in Afghanistan versagt, weil sie zu früh abgezogen ist, und unsere neue Regierung in Kabul taugt nichts, weil sie sich nur streitet und im Kampf gegen die Taliban scheitert.“ Sie sehnen sich zurück in die Zeit des im vergangenen Jahr abgelösten afghanischen Präsidenten Hamid Karsai: „Damals war nicht eine Provinz in der Gewalt der Taliban.“

Lage in Kundus von Tag zu Tag schlimmer

In Kundus wird die Lage offenbar von Tag zu Tag schlimmer. Brot und Wasser werden knapp. Wer sein Versteck nicht verlassen kann, bekommt nichts zu essen. Wer sich auf die Flucht begeben will, trifft auf rücksichtslose Geschäftemacher. Kostete die Fahrt mit dem Auto nach Masar-i-Scharif früher 10 Dollar, so werden heute bis zu 300 Dollar verlangt. Auch die wenigen Bäcker in der weitgehend zerstörten City von Kundus verlangen extrem hohe Preise. Für ein Fladenbrot, das früher für fünf Afghani zu haben war, müssen jetzt 100 Afghani hingelegt werden.

Mohammad und Jamrad haben wegen der extrem gefährlichen Lage in ihrer Heimat derzeit nur einen großen Wunsch. Sie möchten ihre Angehörigen in Sicherheit bringen und nach Deutschland holen. 526 ehemaligen afghanischen Mitarbeitern der Bundeswehr, sogenannten Ortskräften, wurde dies bisher gestattet. Sie reisten mit 1324 Familienangehörigen in die Bundesrepublik. Doch die Bundesregierung in Berlin hat die entsprechenden Wünsche von Mohammad und Jamrad bisher nicht erfüllt. In der vergangenen Woche, als der Krieg in Kundus tobte und viele Häuser, auch deutsche Einrichtungen, in Schutt und Asche legte, erhielt Mohammad eine Absage vom Innenministerium - mit der Begründung, für eine akute Gefährdung seiner Familie gebe es „keine eindeutigen Hinweise“. „Das kann doch nicht das letzte Wort sein“, sagt Mohammad leicht verbittert: „Wahrscheinlich kommt das Okay erst, wenn wir Fotos von ermordeten Brüdern einreichen können.“

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