Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 15 ° Regenschauer

Navigation:
Mindestens 72 Menschen sterben in Lahore

Anschlag in Pakistan Mindestens 72 Menschen sterben in Lahore

Ein warmer Ostersonntag, der Park in der Millionenmetropole Lahore ist voll mit Familien. Ganz in der Nähe der Kinderschaukeln sprengt sich ein Attentäter in die Luft, mindestens 75 Menschen sterben, darunter 29 Kinder. Mittlerweile haben die pakistanischen Behörden die ersten Verdächtigen festgenommen. 

Voriger Artikel
Kurden attackieren Anti-Terror-Demo
Nächster Artikel
Türkei bestellt Botschafter wegen NDR-Satire ein

In einem öffentlichen Park in Lahore verübte ein Attentäter den Anschlag. 

Quelle: dpa

Lahore. Nach dem Selbstmordanschlag auf feiernde Familien in Pakistan sind die Behörden mit Razzien und Festnahmen gegen Verdächtige vorgegangen. Eine Reihe von "mutmaßlichen Terroristen und Unterstützern" sei festgesetzt worden, erklärte die Armee am Montag. Ein Taliban-Kämpfer hatte sich am Sonntag nahe eines Spielplatzes in Lahore in die Luft gesprengt, mehr als 70 Menschen wurden getötet. Der Anschlag richtete sich nach Angaben der Taliban gegen Christen. In einem Park der nordpakistanischen Großstadt hielten sich am warmen Osterabend rund 8000 Menschen auf, als der Attentäter inmitten von feiernden Familien seinen Sprengsatz zündete. Nach Angaben der Behörden wurden mindestens 72 Menschen getötet, darunter 29 Kinder. Etwa 280 Menschen wurden verletzt, viele von ihnen mussten wegen des Andrangs in den Kliniken auf dem Boden und in Fluren versorgt werden. Die Regierung rief eine dreitägige Trauer für die Provinz Punjab aus, in der Lahore liegt. Die Behörden baten zudem um Blutspenden.

"Er ist vor meinen Augen gestorben"

Den Montag verbrachten viele der Trauernden mit der Beisetzung ihrer Liebsten. Er habe noch versucht, ihn wiederzubeleben, sagte Javed Bashir bei der Beerdigung seines Sohnes Mutahir. "Er ist vor meinen Augen gestorben." Die Mutter eines anderen Todesopfers schluchzte: "Mein Sohn, mein Sohn, niemand sollte seine Söhne verlieren." Zu dem Attentat bekannte sich die Taliban-Gruppierung Jamaat-ul-Ahrar. "Wir haben das Attentat von Lahore begangen, weil Christen unser Ziel sind", sagte ihr Sprecher Ehsanullah Ehsan am Montag der Nachrichtenagentur AFP. Seine Gruppe plane weitere Anschläge, auch gegen Schulen und Universitäten. Die Jamaat-ul-Ahrar hatte sich 2014 von der Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP) abgespalten, schloss sich ihr später aber wieder an. Das mächtige pakistanische Militär erklärte, nach dem Attentat habe es Razzien in Lahore selbst sowie in Faisalabad und Multan gegeben, die ebenfalls in Punjab liegen. Weitere Durchsuchungen würden folgen. Es habe eine Reihe von Festnahmen gegeben, außerdem sei ein "riesiges Waffen- und Munitionslager" ausgehoben worden, erklärte ein Armeesprecher.

Den Behörden in Lahore zufolge waren "zehn bis 15" der Todesopfer Christen, die Identifizierung der Opfer dauerte aber noch an. Polizeioffizier Haider Ashraf sagte ebenfalls, bei der Mehrheit der Toten habe es sich um Muslime gehandelt. "Alle gehen in diesen Park." Auch der 53-jährige Arif Gill, der mit seiner Familie am Sonntag in dem Park war, sagte, es sei "ein Angriff gegen alle". "Dies ist kein Angriff gegen Christen, alle sind Opfer, es sind viele Muslime unter den Opfern, alle gehen in den Park zum Entspannen." Auch mehrere seiner Verwandten wurden verletzt. Die christliche Minderheit macht in Pakistan nur 1,6 Prozent der rund 200 Millionen Einwohner aus. Vor einem Jahr wurden bei zwei Selbstmordanschlägen auf Kirchen in Lahore 17 Menschen getötet.

Papst ruft zum Schutz religiöser Minderheiten auf

Die Angriffe führten zu Ausschreitungen tausender Christen, die den Behörden vorwarfen, nicht genug für ihren Schutz zu tun. Der jüngste Anschlag dürfte das ohnehin angespannte Verhältnis der Konfessionen nun weiter belasten. Pakistans Regierungschef Nawaz Sharif verurteilte die Tat und erklärte, er empfinde "Schmerz und Kummer über den traurigen Verlust von unschuldigen Leben". Papst Franziskus erklärte, das heilige Osterfest sei durch ein "scheußliches Attentat mit Blut befleckt" worden.

Er rief die Verantwortlichen in Pakistan auf, mehr zum Schutz religiöser Minderheiten zu tun. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sprach ebenfalls von einem "entsetzlichen Akt des Terrorismus". Auch die US-Regierung und Russland verurteilten den Anschlag auf unschuldige Zivilisten. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte den Zeitungen der Funke-Mediengruppe vom Dienstag, der Anschlag habe erneut gezeigt, "mit welcher Brutalität und Grausamkeit Terroristen ein friedliches Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Pakistan zu zerstören versuchen".

Wer steckt hinter dem Anschlag?

Die pakistanische Talibangruppe Jamaat ul-Ahrar (JA) ist eine der aktivsten und brutalsten Extremistengruppierungen des Landes. Die sunnitischen Islamisten verüben landesweit Anschläge gegen den Staat, aber auch gegen Nicht-Muslime, etwa Christen. Der Anschlag vom Sonntag auf einen Park voller Familien und Christen, die Ostern feierten, kam fast genau ein Jahr nach einem ähnlichen Angriff 2015. Damals hatte die Gruppe Selbstmordattentäter in zwei katholische Kirchen in Lahore geschickt. 15 Menschen starben. Auf ihr Konto ging auch der Anschlag an der indisch-pakistanischen Grenze im November 2014. Mehr als 50 Menschen wurden damals getötet.

JA agiert in wechselnden Allianzen. Einigen Berichten zufolge hat Anführer Omar Khalid Khorasani der Terrormiliz Islamischer Staat die Anhängerschaft geschworen. Im September 2014 hatte er sich von der Dachorganisation der pakistanischen Taliban, Tehrik-e Taliban (TTP), getrennt, weil er die Führerschaft des neuen TTP-Anführers Mullah Fazlullah nicht anerkennen wollte. Mittlerweile sind JA und TTP wieder lose verbunden. Aus Sicherheitskreisen verlautet, die JA-Kommandoebene operiere aus Afghanistan heraus, vor allem aus den Provinzen Kunar und Nuristan.

afp/dpa

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Deutschland / Welt
Die Karikatur des Tages

So sehen unsere Karikaturisten die Welt.