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Deutschland / Welt „Auf Lesbos werden aus Geflüchteten Gefangene“
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00:15 02.04.2016
Von Marina Kormbaki
Flüchtlinge in dem Lager Moria auf Lesbos.  Quelle: dpa
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Herr Telaro, Sie sind Projektleiter von Ärzte ohne Grenzen auf Lesbos. Ihre Organisation hat die Arbeit im Flüchtlingslager der Insel eingestellt. Warum?

Das kürzlich zwischen der EU und der Türkei geschlossene Flüchtlingsabkommen ist für uns absolut inakzeptabel. Quasi über Nacht hat sich die Lage in Griechenland von Grund auf verändert. Aus dem Hotspot auf Lesbos wurde eine Haftanstalt. Aus Geflüchteten werden Gefangene. Das Abkommen sieht die Rückführung der Flüchtlinge in die Türkei vor. Doch dazu sind bis jetzt weder die rechtlichen noch die organisatorischen Voraussetzungen geschaffen. Die EU zwang Griechenland zur Umsetzung des Abkommens - ohne Vorbereitung, ohne Unterstützung. Jetzt sitzen hier Hunderte fest, die wenig über ihre Rechte wissen und nichts über ihre Zukunft.

Die griechische Regierung warnt vor einer humanitären Krise in den Lagern - Ihre Hilfe sei jetzt nötiger denn je. Verstoßen Sie nicht gegen Ihre Prinzipien?

Das Abkommen verstößt gegen unsere Prinzipien. Natürlich stecken wir in einem moralischen Dilemma. Aber unter den gegebenen Umständen können wir nicht unsere Arbeit machen. Das EU-Türkei-Abkommen ordnet humanitäre Hilfe politischen Interessen unter. Plötzlich entscheidet nicht die Situation des Einzelnen darüber, ob er Asyl in einem EU-Land bekommt - sondern die Frage, ob wer anders die Überfahrt gewagt hat und abgeschoben wurde. Plötzlich gilt die Türkei als „sicherer Drittstaat“, obwohl dort nur Europäer Recht auf Asyl haben. Und es geht auch nicht an, dass Polizisten im Lager entscheiden, wer medizinische Hilfe in Anspruch nehmen kann. Uns erschließt sich nicht, weshalb die Menschen inhaftiert sind. Sie haben keine Straftat begangen. Außerdem sind wir auf einer Insel. Da kann keiner abhauen.

Ärzte ohne Grenzen sind meist in Staaten tätig, deren Regierungen die Werte der Organisation missachten. Warum lassen Sie ausgerechnet ein demokratisches Land im Stich?

Im Südsudan gelten keine Menschenrechte. Wenn wir dort unsere Arbeit einstellen würden, würde dies die Regierung, die Behörden kein bisschen kümmern. In einem europäischen Land wie Griechenland aber ist es Teil des Selbstverständnisses, Schwachen zu helfen. Es kann nicht sein, dass in diesem Teil der Welt humanitäre Organisationen tun müssen, was Sache des Staates ist.

Kommen jetzt weniger Flüchtlinge an?

Letzte Woche kamen weniger. Da war aber auch das Wetter schlecht. Doch allein am Dienstag kamen mehr als 500 Menschen in Schlauchbooten nach Lesbos. Bis jetzt schreckt der EU-Türkei-Deal kaum einen Kriegsflüchtling ab.

Interview: Marina Kormbaki

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