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Botschafter ohne Land

Bassam Abdullah Botschafter ohne Land

Bassam Abdullah ist Botschafter. Allerdings hat ihn keine Regierung beauftragt, schon gar nicht die syrische. Dennoch soll die Fahne Syriens im Hintergrund kunstvoll Falten werfen, wenn Abdullah an diesem Abend vor Gästen aus aller Welt und dem Bundesaußenministerium spricht.

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"Repräsentieren, informieren, interpretieren": Bassam Abdullah versteht sich vor allem als Verbindungsmann zwischen Deutschland und Syrien.

Quelle: Jacqueline Schulz

Berlin. Er prüft den Krawattenknoten, tastet nach den Stichwortkarten in der Sakkotasche, streicht sich die dunkle Strähne aus der Stirn. Alles an seinem Platz. Da bleibt sein Blick suchend an der Wand hängen. „Wo ist die Flagge?“, fragt Bassam Abdullah. Bei offiziellen Anlässen sprechen Botschafter vor der Flagge des Staates, der sie hinaus in die Welt entsandt hat. Eine diplomatische Selbstverständlichkeit.

Auch Bassam Abdullah ist Botschafter. Allerdings hat ihn keine Regierung beauftragt, schon gar nicht die syrische. Dennoch soll die Fahne Syriens im Hintergrund kunstvoll Falten werfen, wenn Abdullah an diesem Abend vor Gästen aus aller Welt und dem Bundesaußenministerium spricht. Sein Sekretär schafft den mannshohen Flaggenhalter herbei. Abdullah nickt. Die grün-weiß-schwarz gestreifte Flagge mit den roten Sternen - das Banner der alten syrischen Republik - ist für ihn nicht nur ein Symbol. Sie markiert Anspruch und Hoffnung zugleich. Darauf, dass Syrien bald nicht mehr vom verhassten Baschar al-Assad und seiner Baath-Partei regiert wird. Sondern von der „Syrischen Nationalen Koalition“, der größten demokratischen Oppositionsbewegung. Und darauf, dass er, Bassam Abdullah, eines Tages mal offizieller Botschafter in Deutschland sein wird. Einer mit Amt und Würden.

Er sagt: „Das syrische Volk verdient eine legitime Vertretung.“ Dafür wird Bassam Abdullah auch bei den Friedensgesprächen in Genf streiten. Es ist sein Kampf für Demokratie. „Wir sind das Volk“, sagt Bassam Abdullah. „Deswegen wissen wir genau, mit welchen Methoden sich Assad an der Macht hält.“

Drei Dutzend Namen stehen auf dem Klingelschild am Hauseingang. Unten, mittig: „Syrische Nationale Koalition - Büro des Botschafters“. Der Weg dorthin führt durch einen Hof, Hinterhaus, erster Stock, in eine kleine Wohnung. In den Ecken sind eng beschriebene Flipcharts postiert, an den Wänden hängen weiße Wandtafeln - so, als fände hier ein Seminar für Existenzgründer statt, was ja in gewisser Weise auch zutrifft. Allerdings wollen sie kein Start-up ins Leben rufen, sondern einen neuen Staat.

Bassam Abdullah, 37, ist Neurochirurg in Brandenburg. Vor vier Monaten hat er seine Facharztprüfung abgelegt, unmittelbar danach reduzierte er seine Chirurgenstelle auf eine Teilzeitstelle. Um mehr Zeit für den Botschafterjob zu haben.

Bassam Abdullah ist ein Botschafter ohne Land. Er steht dem Verbindungsbüro der „Nationalen Koalition“ in Deutschland vor. Rund 120 Staaten haben die „Nationale Koalition“ als legitime Vertretung des syrischen Volkes anerkannt, auch Deutschland. Die „Nationale Koalition“ versammelt zahlreiche syrische Volks- und Religionsgruppen: Kurden, Christen, Alawiten, Drusen, Sunniten. Eine bunte Truppe, die sich einig ist in ihrer Feindschaft zu Assad. Ihren Hauptsitz hat sie in Istanbul. Überall dort, wohin jetzt Syrer fliehen, entstehen Botschaften.

In der Berliner Botschaft sind an diesem Abend Vertreter aus den Botschaften in New York, London, Paris, Brüssel, Oslo und Rom zusammengekommen. Zum Kennenlernen, Voneinanderlernen. Es duftet nach Kümmel, Zimt und Petersilie. Die Schreibtische sind zum Büfett zusammengeschoben, wie bei einer WG-Party. Alles locker und leger. Allerdings besteht Bassam Abdullah auf den offiziösen Titel: Botschafter. „Nicht aus Eitelkeit“, sagt er, „sondern um klarzumachen, dass es sehr wohl eine Alternative gibt zum mörderischen Assad-Regime, in jedem politischen Amt.“

Es wäre wirklich spannend gewesen zu hören, was die offizielle syrische Botschaft am Tiergarten über die Parallelbotschaft zu sagen hat. Einen Botschafter gibt es dort seit gut drei Jahren nicht mehr. Die Bundesregierung hat ihn ausgewiesen, als sie den diplomatischen Kontakt zum syrischen Regime abbrach. Nur bei einer der zahlreichen im Netz angegebenen Nummern hebt jemand ab. Es ist die Durchwahl für wehrdienstpflichtige Syrer. Presseanfragen will man nicht beantworten.

Die offizielle syrische Botschaft ist politisch isoliert, hat aber weiterhin konsularische Befugnisse - darf Reisepässe ausstellen und Dokumente beglaubigen. Bas­sam Abdullahs Botschaft ist wiederum von der Bundesregierung anerkannt hat jedoch keine offizielle Kompetenzen. Was tut ein Botschafter ohne Land und Befugnisse?

„Repräsentieren, informieren, interpretieren“, sagt Bassam Abdullah. Das ist die kurze Antwort. Die ausführliche beansprucht zwei Abende und mehrere Tassen kräftigen Kaffees. „Ich versuche, deutschen Regierungsstellen und Behörden die verworrene Lage in Syrien zu erklären, und berate bei der Bereitstellung von Hilfsgütern“, sagt Bassam Abdullah. „Ich plane mit den Koalitionskollegen in Istanbul und anderswo für die Zeit nach Assad. Vor allem helfe ich den Leuten, die hierher geflüchtet sind.“

Bassam Abdullah geht ins Lageso, die überforderte Registrierungsstelle für Flüchtlinge in Berlin. Er bietet sich dort als Übersetzer an, verarztet Kranke und Verletzte. Vor allem aber erteilt er Ratschläge. „Lernt Deutsch, sage ich den Leuten. Wartet nicht auf Sprachkurse.“ Seine Stimme ist hell, aber bestimmt. „Und dass sich Probleme in Deutschland nicht mit einem Anruf bei irgendwem Wichtiges lösen lassen. Dass Syrer, ganz gleich, was sie zu Hause Großes geleistet haben, im deutschen Amt nicht besser behandelt werden als Afghanen.“

Abdullah begleitet Landsleute bei Behördengängen. „Die Menschen fürchten sich“, sagt er. Vor den Verwaltungsangestellten? „Nein, vor den Syrern, die mit ihnen in der Schlange stehen. Inzwischen sind Syrer aus allen miteinander verfeindeten politischen Lagern hier in Deutschland. Sie haben Angst voreinander“, sagt er. „Das ist dieses spezifisch syrische Unsicherheitsgefühl, mit dem wir alle in Syrien aufgewachsen sind: Hinter jeder Ecke lauert der Verrat.“

Bassam Abdullah kennt die vielen Facetten der syrischen Gesellschaft. In seiner Jugend kam er als Fußballspieler rum im Land und lernte viele Menschen kennen, ehe er vor zehn Jahren nach Berlin zog. „Politiker, Militärs, Polizeioffiziere - ich hätte nie gedacht, dass diese Männer eines Tages in Deutschland bei mir auf dem Sofa sitzen und um Hilfe bitten würden.“ Der hohe Besuch erfüllt ihn auch mit Unbehagen. „Fähige Männer werden gebraucht in Syrien.“ Ihre Bereitschaft zur Rückkehr sei jedoch groß, viele desertierte Offiziere wollten ihre Familie in Sicherheit bringen und bald zurückkehren, um auf der Seite der Opposition zu kämpfen, sagt Bassam Abdullah. Er lächelt, als er erzählt, wie schwer es ihm falle, die Würdenträger mit richtigem Titel anzusprechen - es gebe schlicht zu viele Dienstgrade. Aber Abdullah gibt sich Mühe. Er sagt: „Ihr Titel ist für viele Syrer das Einzige, was ihnen geblieben ist.“

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