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Deutschland / Welt Handys im Unterricht – warum nicht?
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19:17 08.08.2018
„Warum soll ich noch ein Wörterbuch zur Hand nehmen, wenn ich eine Übersetzung mit dem Smartphone erledigen kann?“: Bildungsministerin Anja Karliczek im HAZ-Interview. Quelle: Foto: Thomas
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Hannover

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek im HAZ-Interview:

Frau Bundesbildungsministerin, SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles hat vor ein paar Tagen gefragt, was Sie eigentlich tun. Was antworten Sie?

Ach, da kann ich ihr weiterhelfen. Die Bildungspolitik der Koalition ist sichtbar auf einem guten Weg.

Ein paar Beispiele?

Gern. Also: Wir haben gleich im Mai eine Änderung des Grundgesetzes im Kabinett beschlossen. Das ist der zentrale Aufschlag für den Digitalpakt, mit dem wir die Schulen in ganz Deutschland auf ein besseres Niveau bringen wollen. Dann wollen wir mit einem neuen Programm noch mehr junge Menschen für naturwissenschaftliche Berufe begeistern und so gegen den Fachkräftemangel vorgehen. Zugleich geben wir der künstlichen Intelligenz mit einer neuen Strategie mehr Schwung, um Arbeitsplätze in Deutschland zu halten.

Aber war das nicht eine Frechheit von Frau Nahles, hat Sie diese Bemerkung nicht geärgert?

Ich habe das zur Kenntnis genommen. Es ist das Wesen von Bildung und Forschung, dass wir Dinge machen, die einen langen Vorlauf brauchen, aber dann eine nachhaltige Wirkung entfalten. Das erkläre ich Frau Nahles aber gern.

Aber wann wird Ihr Digitalpakt wirksam, der insgesamt 5 Milliarden Euro verteilt über fünf Jahre an die Schulen bringen soll? Dazu müssen Sie die Verfassung ändern, weil Sie hier in die Zuständigkeit der Länder eingreifen.

Grundgesetzänderungen dauern wegen der Einspruchsfristen etwas länger. Nach der Sommerpause kommt sie in den Bundestag und im November in den Bundesrat. Da müssen wir, weil die Stimmen der Großen Koalition nicht reichen, noch einige Stimmen aus der Opposition bekommen, wofür ich werbe. Und wir brauchen die Grundgesetzänderung, weil die Finanzierung der Schulen ja Aufgabe der Länder ist.

Deutschland steht im Wettbewerb um beste Fachkräfte. Ist der Föderalismus in Bildungsfragen nicht völlig überholt?

Nein, überhaupt nicht. Zwar sollte man verstärkt gemeinsame Standards haben, aber der Föderalismus ist überhaupt nicht überholt, denn es gibt in den Regionen Deutschlands völlig unterschiedliche Erfahrungen und Fragestellungen. Nehmen Sie als Beispiel die unterschiedlichen Zeiten zum Abitur. In den ostdeutschen Ländern ist es überhaupt kein Thema, dass man nach acht Gymnasialjahren Abitur macht (G 8), aber in Nordrhein-Westfalen ist die Abkehr vom G8-Modell und die Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren ein Grund dafür, dass die CDU die Landtagswahlen gewonnen hat. Wir sollten also weniger über Strukturen reden und mehr über konkrete Maßnahmen, die dazu führen, dass die Kinder besser lernen können.

Aber ginge auch das nicht viel einfacher ohne das Klein-Klein der Länder?

Vielleicht. Aber in unserer Demokratie kommt die Kraft von unten, aus den Regionen, aus den Kommunen und dem Engagement der Menschen vor Ort. Deshalb werbe ich für eine gute Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern.

Wenn Sie die 5 Milliarden Euro verteilen, werden alle laut schreien. Wie gehen Sie vor?

Die Schulträger müssen die notwendigen Mittel beantragen. Es wird nicht einfach von oben verteilt. Ich mache deshalb heute schon Werbung dafür, dass die Schulen eigene Konzepte entwickeln und auch die Lehrerweiterbildung in den Ländern bedacht wird. Für mich ist das ein ganz wichtiger Punkt, dass wir bei der Digitalisierung die Lehrer unterstützen. Zudem fördern wir als Bund den Anschluss der Schulen mit leistungsfähiger Glasfaser, damit die Geräte auch alle gleichzeitig benutzt werden können. Ferner muss eine professionelle Wartung sichergestellt werden. Heute ist es ja oft so, dass einige Lehrer die Wartung nebenbei machen. Aber wenn ich eine ganze Schule mit digitalem Werkzeug ausstatte, brauche ich dafür auch ein geordnetes System. Das sind aber Betriebsmittel und Personal, also ein typisches Geschäft der Länder.

Stichwort digitale Medien: Frankreich will jetzt die Smartphones komplett aus den Schulen verbannen. Wie finden Sie das?

Was die Franzosen machen, ist ihre Entscheidung. Aber wir haben bei uns zu Hause gute Erfahrungen mit dem differenzierten Umgang mit Handys gemacht. Ganz zu Anfang gab es auch bei uns Handy-Ordnungen und -verbote. Aber der Umgang mit den Smartphones entwickelt sich. Angesichts der vielen Möglichkeiten, die Handys bieten, wäre es falsch, sie nicht verantwortungsvoll zu nutzen. Warum soll ich noch ein Wörterbuch zur Hand nehmen, wenn ich eine Übersetzung mit dem Smartphone erledigen kann? Im Übrigen nutzen Verbote oft wenig, sondern machen die Dinge nur interessanter. Sicher, ein paar Regeln braucht es und die Nutzung sollte nach pädagogischen Grundsätzen geschehen und darf nicht ablenken.

Verstehen Sie, wenn Bürger sagen, das dauert mir alles zu lange, wir müssen viel schneller werden in der digitalen Entwicklung?

Ja, das verstehe ich. Der Druck ist groß. Wir müssen schneller werden, aber zugleich die Gesellschaft mitnehmen. Klar ginge es schneller, wenn von oben einfach etwas entschieden würde. Aber China ist doch kein Modell für uns.

Es geht ja nicht nur an den Schulen sehr langsam – auch die Universitäten brauchen Investitionen. Die Universitätspräsidenten pochen darauf, dass der Hochschulpakt, der immerhin 1,8 Milliarden Euro enthält, über das Jahr 2020 hinaus fortgesetzt wird. Haben Sie das Geld?

So haben wir es in den Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und SPD vereinbart. Der Pakt soll verstetigt werden, die Verhandlungen darüber laufen und wir sind zuversichtlich, dass sie zu einem guten Ergebnis führen.

Zur Person

Anja Karliczek ist seit März dieses Jahres Bundesbildungsministerin. Die 47-Jährige ist gelernte Hotelkauffrau, hat aber betriebsbegleitend auch Betriebswirtschaft studiert und mit dem Diplom abgeschlossen. Zunächst arbeitete Karliczek im elterlichen Hotelbetrieb am Teutoburger Wald. Sie versteht sich aufs Netzwerken und kommt aus der Kommunalpolitik. Noch bis 2014 nahm sie ihr Ratsmandat in der Stadt Tecklenburg wahr. Vor ihrer Ernennung zur Bundesministerin war Karliczek Geschäftsführerin der CDU-Bundestagsfraktion. Sie ist mit einem Piloten verheiratet, das Ehepaar hat drei Kinder.

Von Michael B. Berger, Saskia Döhner, Hendrik Brandt

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