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Norbert Hofer – der Mann, vor dem Europa zittert

Bundespräsidentenwahl Norbert Hofer – der Mann, vor dem Europa zittert

Stichwahl in Österreich: Der Rechtspopulist Norbert Hofer von der FPÖ könnte heute als Bundespräsident in die Wiener Hofburg einziehen. Ein Besuch in seinem Heimatort.

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„Die Menschen in meinem Burgenland sind bescheiden, fleißig und ehrlich - und vor allem stolz auf ihre Heimat“: Wahlkämpfer Hofer, Anhänger. Foto: Facebook

Pinkafeld. Eins wäre ihm wichtig, meint Franz Rechberger dann noch. Nämlich „dass Pinkafeld nicht als irgendwie rechts rüberkommt“. Franz Rechberger sitzt für die Sozialdemokraten im Gemeinderat und jetzt gerade im Eiscafé, hat sich den Platz ganz hinten in der Ecke ausgesucht und kann trotzdem nicht verhindern, dass die Frauen zwei Tische weiter den Herrn Rechberger und seine Gäste misstrauisch mustern, als sie das Wort „rechts“ hören. Rechts? Aber nein. Hier im Gemeinderat verfügt die SPÖ über eine satte absolute Mehrheit. Es gibt auch Flüchtlinge in Pinkafeld. „Bevor Sie kamen, sind zwei dunkelhäutige Mädchen hier vorbeigegangen“, sagt Rechberger. „War überhaupt kein Problem.“

Zwiebelturm über der schmalen Kirche, flache Häuser, die traufseitig zur breiten Straße stehen: Vor hundert Jahren gehörte die Gegend noch zu Ungarn, und so sieht es auch heute noch aus. Pinkafeld, 5600 Einwohner, ist ein früheres Tuchmacherstädtchen im Burgenland, und während man es bis vor Kurzem nur als Ausfahrt auf der Südautobahn kannte, wird es jetzt gerade berühmt als Heimat von Norbert Hofer.

Der hat allerbeste Chancen, am Sonntag zum Bundespräsidenten der Republik Österreich gewählt zu werden. Die Wahl könnte Europa verändern. Die „New York Times“ schrieb über Hofer, am Montag könnte „die westliche Welt mit der Nachricht aufwachen, dass ein europäisches Land zum ersten Mal seit Ende des Nazi-Regimes eine politisch rechtsaußen stehende Person demokratisch zu ihrem Staatsoberhaupt gewählt hat“. Hofer fordert die „Minus-Zuwanderung“ und droht, die Regierung zu entlassen, wenn diese eine liberale Flüchtlingspolitik verfolgt.

Den Kandidaten der rechtspopulistischen FPÖ kennt man in Pinkafeld sehr gut, schon vom Billa, dem Supermarkt, oder vom Sportplatz. Ein ganz normaler Mann, Ingenieur, Einfamilienhaus, die Frau ist Pflegerin im Altenheim. Als die Tochter in die Schule gekommen ist, sind die Hofers aus Eisenstadt zurück in die Heimatstadt gezogen. Die Eltern wurden alt, da haben die Jungen nebenan auf dem Grundstück neu gebaut. Ein „sympathischer Bursche“, „immer freundlich“, sagt Rechberger über den Hofer. „Mit ihm kann man über alles diskutieren.“

Im ersten Wahlgang am 24. April hat Pinkafeld schon zu 61 Prozent Norbert Hofer gewählt, und im zweiten, am Sonntag, werden es wohl noch mehr. Tradition hat das Rechte nicht in Pinkafeld. Natürlich gab es Nazis. Graue Eminenz der hiesigen FPÖ war bis in die Neunzigerjahre hinein ein Ex-Gauleiter, dem Honoratioren aller Parteien ihre Aufwartung machten. Jetzt ist er aber schon 20 Jahre tot. Norbert Hofers Vater Gerwald saß lange für die konservative ÖVP im Gemeinderat, als die hier noch dominant war. Er fand es erst nicht so großartig, als der Junge sich den Freiheitlichen anschloss.

Der Sohn, Jahrgang 1971, interessiert sich fürs Fliegen, schon immer: erst Modell-, dann Segel-, dann Motorflugzeuge. Schon mit 14 heißt es, weg aus dem Elternhaus, ins 90 Kilometer entfernte Eisenstadt. Österreich hat gute, hoch spezialisierte berufsbildende Schulen. Wer sich für Technik interessiert, muss sich früh entscheiden und von zu Hause weggehen. Die meisten kommen wieder. Das ist heute noch immer so. Man kommt zurück und pendelt dann nach Wien. Wie Hofer.

„Die schönste Landschaft der Welt“, hat der Dritte Präsident des Wiener Nationalrats „mein Burgenland“ genannt, als er mal etwas darüber schreiben musste, einen „schönen Flecken Erde“. Die Menschen dort seien „bescheiden, fleißig und ehrlich und vor allem eines: stolz auf ihre Heimat“. Heimat. Das ist Sendung, das ist Programm der Partei. Und Hofers.

Dass Hofer seine Kindheit und Jugend „unbeschwert“ nennt, ist schon ein Hinweis auf seinen Drang zur Selbstoptimierung. Fünf ist er, als die ältere Schwester an Krebs stirbt und gebrochene Eltern hinterlässt. Einen knochenharten Test muss er bestehen, um in die Klasse für Flugtechniker aufgenommen zu werden. In die erste Ehe geht er früh. Rasch nacheinander kommen drei Kinder.

In die Politik steigt Hofer ein, als er 22 ist. Es ist die große Zeit von Jörg Haider, dem Star der FPÖ.Der Eiserne Vorhang, 30 Kilometer von hier, ist gerade erst gefallen. In den Dörfern werden zwischen den Grundstücke jetzt Zäune gebaut. Der Rennfahrer und Flugunternehmer Niki Lauda, Hofers erster Arbeitgeber, erklärt in Werbespots: „Ich hab nichts zu verschenken.“ In die Kommunalpolitik sickert die neue Zeit kaum merklich ein. Die rechte FPÖ ist in Pinkafeld die Einmannschau eines älteren Lehrers.

1994 gibt der Jungspund Hofer den Wahlkampfleiter für die FPÖ im Burgenland. Und er studiert „Neurolinguistisches Programmieren“, das ist große Mode im Umkreis von Jörg Haider. Hofer beobachtet sich selbst Hunderte Male auf Video, lernt, seine Gesprächspartner zu „spiegeln“, nachzuahmen, zu dominieren. Kommunizieren ist Technik. Bei Angriffen lachen, die Gesten des anderen kommentieren, aus Fragen ein Wort herauspicken, sich von Argumenten nicht beeindrucken lassen: Wie man das macht, hat Hofer inzwischen in Dutzenden TV-Duellen vorgeführt. Perfekt. Er betreibt „Mind mapping“, ordnet seine Gedanken wie auf einer Landkarte, setzt sich Ziele, führt Buch darüber. Es hat ihm auch geholfen, mit dem Unglück seines Lebens umzugehen.

Der Langläufer und Mountainbiker ist gerade zum zweiten Mal verheiratet und zum vierten Mal Vater, als er mit einem Paragleiter ungebremst 15 Meter abstürzt und sich fünf Wirbel bricht. Hofer geht bis heute am Stock, spürt seine Fußsohlen nicht. Sechs Monate lang hat der damals 32-Jährige nach seinem schweren Unfall täglich sechs Stunden trainiert. Die Selbstoptimierung gewinnt einen Zug ins Wiedergeborene. Hofer liest den deutsch-kanadischen Guru Eckhart Tolle, erfindet sich neu - und kehrt dann doch zurück in die Partei, die ihm die Stelle als Landessekretär freigehalten hat.

Was sich verändert hat seither, wissen vor allem die, die in Pinkafeld nicht mehr dazugehören. Georg Gossy etwa, ein junger Koch, der sich viele Gedanken macht über seine Heimat, seit er nach Jahren der Wanderschaft zurückgekehrt ist. Geneckt wurde er, der überzeugte Linke, immer schon, sagt er, „aber der Ton wird härter“. Einen „Scheißschmarotzer“ haben ihn Altersgenossen wegen seiner politischen Einstellung schon genannt, ihn, den früheren Berufssoldaten, hart arbeitenden Küchenchef und Gastwirt, und ihm gedroht: „Du stehst auf unserer Liste.“

Der Ton ist neu, und die ihn anschlagen, haben ihn nicht zu Hause gelernt. „Blaue“ Elternhäuser (blau ist die Farbe der FPÖ) gibt es hier kaum, sagt Georg. Der „Oberblaue“ von Pinkafeld, der Lehrer, hat seinen Sitz im Gemeinderat zwar dem Sohn vererbt. Der aber will von Ideologie nichts wissen. Richtige Rechtsradikale gibt es hier nicht. Es stimmt auch nicht mehr, dass man über die Nazizeit hier nichts erfährt. „Das Tagebuch der Anne Frank war bei uns schon Hauptschulstoff“, sagt Gossy.

Langsam aber stieg der blaue Grundwasserspiegel. Wie hoch, hat Vanessa Bruckner erfahren, als sie nach dem ersten Durchgang der Präsidentschaftswahl in einer geschlossenen Face­book-Gruppe aus Freunden und Nachbarn über Hofer-Wähler herzog. „Manche grüßen mich nicht mehr“, erzählt die Frau, die für die Bezirkszeitung die „netten Geschichten“ schreibt und deshalb allgemein geschätzt wurde. „Durchprügeln“ solle man sie, schrieb ihr einer. Jetzt ist sie zwar noch eine von hier, aber keine mehr von uns. Die Mehrheit hat die FPÖ gewählt, die Partei, die sich immer so gerne über das Ausgrenzen Andersdenkender beklagt hat.

Das große neue Wir hat sich jetzt auch ganz offiziell zusammengefunden. Seit einem Jahr regiert im Burgenland eine rot-blaue Koalition aus Sozialdemokraten und rechten Freiheitlichen, eine Kombination, die hier niemand als widernatürlich empfindet. Der „rote“ Landeshauptmann Hans Niessl will mit den „Blauen“ ein neues Sicherheitskonzept durchsetzen: Wo es schon keine Grenzkontrollen geben darf, soll künftig wenigstens eine private Sicherheitsfirma patrouillieren. Das Arbeitsamt soll nur noch Österreicher vermitteln, Inländer und Ausländer sollen in getrennte Sozialkassen einzahlen. Hofer hat für seine Partei das Programm geschrieben.

Von Norbert Mappes-Niediek

Jung und rechts gegen alt und grün

Mit dem FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer (45) könnte am Sonntag erstmals ein Rechtspopulist zum österreichischen Bundespräsidenten gewählt werden. Hofer steht für einen Rechtsaußenkurs, lehnt Zuwanderung grundsätzlich ab und bezeichnete Flüchtlinge als „Invasoren“. Der FPÖ-Kandidat war im ersten Wahlgang am 24. April mit Abstand auf dem ersten Platz gelandet. Die Kandidaten der Volksparteien SPÖ und ÖVP bekamen nur jeweils 11 Prozent. Bundeskanzler Werner Faymann zog die Konsequenzen und trat als SPÖ-Parteivorsitzender und Regierungschef zurück. Christian Kern wurde neuer Kanzler.

Hofers Herausforderer Alexander Van der Bellen von den Grünen erhält die Unterstützung der Linken und des Zentrums. Der 72-jährige Professor und Europa-Freund hat auch Kultur und Wirtschaft auf seiner Seite. Van der Bellen ist pragmatisch und warnt, Hofer könnte im Fall seines Wahlsiegs die Regierung aus ÖVP und SPÖ auflösen, um einer „blauen Republik“ den Weg zu ebnen. In Österreich kann der Bundespräsident die Regierung entlassen. Beim letzten TV-Duell am Donnerstag sagte Hofer, er werde das tun, wenn die Regierung schlecht arbeite.

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