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Deutschland / Welt "Erdogan ist eine Fluchtursache"
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00:19 14.10.2015
"Die Polizei macht ihre Arbeit nicht": Cem Özdemir spricht offen über dieZustände in der Türkei. Quelle: dpa
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Berlin

Drohen in der Türkei bürgerkriegsähnliche Zustände?

Bürgerkriegsähnliche Zustände sind das, was die Verantwortlichen für diesen Anschlag herbeiführen wollen. Ihre Bomben töteten Menschen, die für den Frieden demonstrierten. Einhundert Leben haben sie auf ihrem Gewissen – in einem Land, in dem kein Vogel fliegen darf ohne die Genehmigung des Staatspräsidenten, wirft dies Fragen auf.

Wer ist verantwortlich für die Eskalation?

Ich kenne die Türkei seit vielen Jahren. Früher versuchten Verbrecher, ihre Taten zu vertuschen – heute verüben sie sie am helllichten Tag und scheuen nicht die Öffentlichkeit. Ich bekomme Mails von Leuten, die der Regierungspartei AKP oder der rechtsextremen MHP nahestehen, die mir mitteilen: „Schade, dass du nicht auch dort warst.“ Es ist doch kein Zufall, dass ein solcher Anschlag erfolgt, einen Tag bevor die PKK einen einseitigen Waffenstillstand ausrufen will. Die Botschaft ist klar: Die PKK soll weiterkämpfen, so sieht es die Wahlstrategie von Erdogans AKP vor. Die Polizei macht ihre Arbeit nicht – wie so häufig in jüngster Zeit, wenn Bomben detonierten. Erdogan hat staatliche Institutionen lahmgelegt, mit seinen Leuten durchsetzt. Wir müssen den demokratischen Parteien HDP und CHP den Rücken stärken.

Wie soll das gehen, wo die EU jetzt mit Erdogan eine enge Zusammenarbeit in der Flüchtlingskrise eingeht?

Wer sein eigenes Land ins Chaos stürzt, weil er Angst davor hat, im Falle einer Wahlniederlage für seine Untaten zur Rechenschaft gezogen zu werden, ist kein verlässlicher Partner. Deutschland und Europa dürfen nicht erpressbar sein von einem autoritären Herrscher. Erdogan ist eine personifizierte Fluchtursache. Er heizt das Chaos in seinem Land an, er schwächt die Kurden, die am erfolgreichsten gegen den IS kämpfen.

Sie sind gegen Gespräche mit Erdogan?

Ja. Wir dürfen bis zur Wahl am 1. November nichts tun, was als Stärkung von Erdogan verstanden werden könnte. Jedes Abkommen wäre ein Signal, dass Erdogan für uns ein normaler Gesprächspartner wäre. Das kann aber kein Staatschef sein, der den Tod seiner Bürger, Polizisten und Soldaten in Kauf nimmt. Wir dürfen die demokratische Opposition in der Türkei nicht im Stich lassen. Ich fordere die in Deutschland lebenden Türken und Kurden auf, sich nicht von dem in der Türkei verbreiteten Hass und Fanatismus anstecken zu lassen.

Interview: Marina Kormbaki

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